Türkei: Verrate mir deine Provinz, ich sag‘ dir ob du Terroristin bist

11. Mai 2023

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Foto: pixabay/ Erika Wittlieb

„Niemand wird den Zusammenhalt von Türken und Kurden zerstören können."  Diese Worte äußerte der  türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan vorgestern bei seiner Kundgebung in Batman. Ich wünschte wirklich, ich könnte diese Worte ernst nehmen – kann ich aber nicht. Diese Aussage wirft in meinem Kopf Fragen auf. Es ist das übliche Gerede, wie bei allen anderen Wahlen sonst auch. Welcher Zusammenhalt, frage ich mich?

Deine Provinz verrät deine politische Einstellung

Erst letzten Montag führe ich ein Gespräch mit einem älteren türkischen Ehepaar aus Wien. Wir unterhalten uns locker über die kommenden Wahlen am Sonntag. „Könnten wir mitwählen, würden wir natürlich Erdogan wählen, wen sonst?“ erzählen sie mir. Auch wenn ich ihre Einstellung nicht teile, bleibe ich bei der Konversation eher still. Ich bin alevitische Kurdin, das ist für einige Menschen aus der Türkei schon Grund genug, mich als Terroristin abzustempeln. Ich dachte mir schon, dass jeden Moment die Frage „memleket neresi?“ auf Deutsch: „woher kommst du?“ gestellt wird. Die beliebteste Frage, die man sich auf Türkisch stellt. Man möchte wissen, aus welcher Provinz die Person, die einem gegenübersteht, herkommt. Nicht nur aus Neugier wird diese Frage gestellt, manchmal auch, weil man sein Gegenüber politisch einschätzen möchte. Das ist so ein Türkei-Ding.

Ich weiß, es klingt total absurd, aber so ist es nun mal. Schließlich fragt mich die ältere Frau, woher ich komme und ich beantworte ihre Frage mit „meine Familie kommt aus Tunceli.“. Uff, auf einmal ändert sich ihr Gesichtsausdruck. Sie verzieht ihr Gesicht, ihr Lächeln ist weg – für mich nichts Neues. Denn Tunceli, kurdisch: Dersim, ist schließlich eine Provinz in der Türkei, in der mehrheitlich alevitische Kurd:innen leben. Auch die Frage, ob ich Alevitin bin, wird mir gestellt. Daraufhin sagt ihr Mann „Ist in Ordnung, du bist trotzdem ein Mensch.“. Ich belächle das Ehepaar und möchte nicht respektlos werden, aber innerlich bin ich wieder einmal empört. „Ich besitze mehrere Wohnungen in der Türkei, meine Vermieter sind alle aus Tunceli und sie sind keine schlechten Menschen, ganz im Gegenteil. sie sind sehr nett.“, erklärt mir der ältere Mann. Ich frage ihn, wie er überhaupt zu dem Entschluss gekommen ist, dass wir keine guten Menschen seien, doch meine Frage bleibt unbeantwortet. 

„Seid ihr auch solche Bergkurden oder normale Kurden?“

Ich bin nicht über das Gespräch verärgert, es sorgt in mir nur für zahlreiche Flashbacks an Momente, an denen ich schon zu oft ähnliches gesagt bekommen habe. Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll, von „Seid ihr auch solche Bergkurden oder normale Kurden?“ bis hin zu „Leben in Tunceli nicht nur PKK-Anhänger?“. Meine Antwort lautet immer gleich: Nein. Tunceli ist ein wunderschöner Ort mit viel Gebirge und den gastfreundlichsten Menschen, denen ich je begegnet bin. Das verbinde ich mit meiner Heimat, und für meine Heimat will ich mich nicht rechtfertigen müssen. 

Wir sind nicht alle „eins“

Wir hören seit Jahren dutzende Politikreden, lesen etliche Wahlplakate mit Aufschriften, dass Türken und Kurden in Frieden zusammenleben, dass wir alle „eins“ sind. In Realität aber, muss ich mir oft genug unangebrachte Kommentare anhören oder werde schief angesehen, nur weil ich aus Tunceli komme. Dabei erwähne ich in Gesprächen nie explizit, dass ich kurdische Wurzeln habe. Für mich hat es auch keine Bedeutung, ich muss nicht in jeder Konversation, die ich führe unbedingt erwähnen woher ich komme, oder welche ethnische Angehörigkeit ich habe. Nationalstolz hat schließlich noch nie jemanden vorangebracht. Diese Art der Diskriminierung ist so sehr in den Wurzeln mancher Menschen verankert, dass sie gar nicht merken, dass Aussagen wie „Ist okay, Mensch ist Mensch“ genau so demütigend wie direkte Beleidigungen sind. Die Türkei ist ein Land mit 81 Provinzen. Es ist die Heimat meiner Familie, aber auch meine Heimat. Wenn wir von einem Zusammenhalt sprechen, sollte dieser für alle Gebiete in diesem Land gelten. Unabhängig davon, welche ethnischen und religiösen Minderheiten dort leben.

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Kommentare

 

Egal wer in der Türkei die Wahl gewinnt..Nach der Wahl wird Europa und der IWF bereitstehen müssen, das Land völlig umzukrempeln.

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