War das jetzt rassistisch?

23. September 2022

Black Voices
Black Voices Team / Foto: Minitta Kandlbauer

Ein Interview mit den Autorinnen Chantal Bamgbala und Melanie Kandlbauer von Black Voices 

Das Team von Black Voices gibt in ihrem neuen Buch „War das jetzt rassistisch?“ 22 Antirassismus-Tipps für den Alltag. Das Besondere an dem Buch? Über 16 Autor:innen aus verschiedenen Communities von asiatischer, black bis hin zur roma Community, berichten über ihre Rassismus-Erfahrungen. Sie beantworten alle Fragen, die ihr schon immer wissen wolltet, aber euch nie zu fragen getraut habt. 


Von Emilija Ilić

Emilija: Warum braucht es in Österreich ein Buch mit Antirassismus-Tipps?

Black Voices
Foto: Black Voices

Melanie: Es gibt schon viele Antirassismus Ratgeber. Das Neue an diesem Buch ist, dass sich österreichische Anti-Rassismus Expert:innen aus verschiedenen Communities zusammengesetzt haben. Wir haben gemeinsam aufgearbeitet, welchen rassistischen Fragen wir im Alltag begegnen. Diese Fragen wirken auf viele Menschen auf den ersten Blick harmlos. Doch genau deswegen ist es so wichtig zu zeigen, was sich dahinter verbirgt. 

Chantal: Anhand der Fragen, die wir täglich bekommen, erkennt man es glaube ich schon, warum wir das Buch brauchen. Es sind Fragen, bei denen man sich als betroffene Person fragt, wo man hier schon wieder gelandet ist, und ob das in manchen Kreisen nicht schon mal geklärt sein sollte. Man fragt sich, warum diese Fragen immer wieder relevant sind. 

Emilija: Für welche Zielgruppe ist das Buch ausgelegt? 

Melanie: Grundsätzlich für alle, die eigentlich am liebsten in einer Welt leben würden, in der es keinen Rassismus mehr gibt. Rassismus ist ein sehr komplexes Thema und da ist es selbstverständlich, dass Unsicherheiten oder Fragen auftauchen. Und ich glaube, dass greifen wir in unserem Buch gut auf. So, dass sich niemand mehr fürchten muss, die falschen Fragen zu stellen.  

Chantal: Betroffene Personen sind sowieso schon Rassismus ausgesetzt und müssen sich jedes Mal aufs Neue damit auseinandersetzen. Wir sind keine wandelnden Wikipediapages, Ratgeber oder Sonstiges! Dafür gibt es jetzt dieses tolle Buch. Auch Betroffenen empfehle ich wärmstens das Buch zu lesen. Man hat ganz viele „Oh wow, stimmt!!“ Momente. Wenn man diese Fragen wieder gestellt bekommt, kann man sich nach dem Buch auch besser erklären. 

Emilija: Der Begriff People auf Color kommt aus den USA. Nun gibt es hier in Österreich viele Menschen mit Migrationshintergrund, denen man diesen nicht direkt ansieht. Wer gehört bei uns in Österreich zu People of Color? 

Chantal: People of Color sind alle nicht-weiße Menschen, die von Rassismus betroffen sind. Du musst zwischen Diskriminierung und Rassismus unterscheiden. Diskriminierung ist der Schirmbegriff und darunter ist eine Form davon Rassismus. Was für andere Diskriminierungsformen bei dem Wort dazukommen, ist in dem Fall irrelevant. In Österreich ist es meistens so, dass es Menschen aus der afrikanischen Diaspora betrifft. 

Melanie: Der Diskurs ist noch im Wandel. Was ich auf jeden Fall sagen kann: mit Weiß-Sein ist nicht die Hautfarbe gemeint, sondern die soziale Position. Es gibt Menschen für die Vorteile entstehen, wenn andere Menschen rassistisch diskriminiert werden. 

Emilija: Wieso geht Rassismus alle etwas an? 

Chantal: Es ist ganz wichtig zu erkennen, dass wir in einer rassistisch sozialisierten Welt leben. Das heißt nicht, dass man RassistIn ist, sondern dass wir in einer Welt aufgewachsen sind, dessen Basis auf Rassismus beruht. Es gibt keine Rassismus-freie Zone. Wenn jemand sagt: „Ich habe mit Rassismus nichts zu tun“, dann ist man schlichtweg ignorant. Man blendet das Problem aus. Genauso wie auch People of Color ausgeblendet werden. Wir werden in Medien, Medizin, Literatur etc. unsichtbar gemacht. Teilweise passiert das unabsichtlich, weil man es besser nicht weiß. Aber diese Kreise werde gar nicht erweitert. Man möchte in seiner Bubble bleiben, weil man seine eigenen Probleme hat. Das Buch schafft es, diese Bubble zu öffnen. 

Emilija: Was war euch besonders wichtig beim Schreiben des Buches? 

Melanie: Uns war wichtig zu verdeutlichen, dass Rassismus eine Ideologie und keine Charaktereigenschaft ist. Dass es nicht darum geht, dass Menschen automatisch böse sind, wenn sie rassistisch sind. Wir möchten mit dem Buch nicht mit dem Finger auf andere Leute zeigen. Wir möchten klarmachen, dass solange wir uns nicht mit Rassismus auseinandersetzen, unser Denken, Fühlen und Handeln beeinflusst wird. 

Emilija: Welche Verantwortung haben weiße Personen, um über Rassismus aufzuklären?  

Melanie: Wir müssen alle zusammenhalten. Es ist wichtig, dass People of Color den Raum bekommen, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Es passiert leider oft, dass sie gar nicht selbst sprechen dürfen, sondern dass an ihrer Stelle gesprochen wird. Dort wo keine People of Color sind und wenn beispielsweise unter FreundInnen rassistische Witze fallen, müssen weiße Personen darauf aufmerksam machen, dass das nicht in Ordnung ist. Auch weiße Personen müssen über dieses Thema sprechen. 


Chantal: Ich glaube, man sieht das schon am Black Voices Volksbegehren. Betroffene selbst dürfen meistens nicht unterschreiben, weil viele die Staatsbürgerschaft nicht haben. Sie haben die Möglichkeiten nicht. Allein dieser Fakt macht das schon aus: Wir brauchen Gemeinschaft, Unterstützung, weil es anders wirklich nicht geht. Nicht einmal rechtlich! Wir als Black Voices machen tolle Projekte und setzen uns für Etwas ein. Am Ende des Tages können wir trotzdem ohne die Unterstützung und Unterschriften der Mehrheitsgesellschaft nichts verändern! 

Emilija: Melanie in deinem Kapitel „Ich bin kein böser Mensch! Was hat Rassismus mit mir zu tun?“  schreibst du über die Abneigung weißer Menschen, sich mit Rassismus zu beschäftigen. Warum sind viele davon abgeneigt, sich damit auseinanderzusetzen? 

Melanie: Wir reden über Rassismus oft noch so, als würde Rassistisch-sein gleichgesetzt werden mit Böse-sein. Wir ordnen Rassismus eher bei zum Beispiel Neonazis oder Rechtsextremen ein. Wenn ich dir sage: „Das war rassistisch.“, passiert es oft, dass du automatisch hörst „Ich bin ein böser Mensch.“ Man bekommt das Gefühl mit Neonazis in einen Topf geworfen zu werden, das fühlt sich für keinen Menschen gut an. In diesem Moment schrillen alle Alarmglocken und man gelangt in eine Abwehrhaltung. Dann sind wir damit beschäftigt unser moralisches Selbstbild zu verteidigen, aber genau dadurch können wir auch nicht mehr zuhören. Das macht es auch so schwer über Rassismus zu sprechen. 

Emilija: Chantal du beschreibst in dem Kapitel „Darf ich deine Haare anfassen?“ wie dich dein Umfeld in Bezug auf deine Haare geprägt hat. Viele verstehen die ganze Aufruhr‘ um den Afrolook nicht. Warum ist es für People of Color so ein wichtiges Thema? 

Chantal: Eigentlich kann man darüber schmunzeln, weil es „nur“ totes Gewebe am Kopf ist (haha). Das Problem ist struktureller Rassismus. Wir gehen zu Jobinterviews, tragen einen Afro und man bringt schon ein Statement mit, dass man aber nicht selbst gesetzt hat. In einer Joy Studie in den USA geben 80% der schwarzen Frauen an, dass sie ihre natürlichen Haare im Arbeitsumfeld nicht tragen, weil es unprofessionell wirke.Das Arbeitsumfeld ist nur ein Problem von ganz vielen. Wenn ich den Job nicht bekomme, nehme ich einen, der unter meiner Qualifikation ist. Dementsprechend bringt dieser weniger Einkommen. Daraus resultiert, vor allem in den Staaten, Armut bei Schwarzen. Auch mit dem Selbstbild hängt viel zusammen. Wenn ich in Österreich nirgendwo im öffentlichen Raum Frauen sehe, die Afros tragen, warum sollte ich diesen dann tragen? In meinem Kapitel zeige ich auf, dass unsere Haare wichtig sind, denn sie sind politisch und leider noch aufgeladen mit Statements, die wir nicht hinzugefügt haben. 

Emilija: Was erhofft ihr euch von dem Buch-Projekt? 

Melanie: Das Ziel von Black Voices ist, dass wir weiter über Rassismus sprechen. Auf den ersten Black Lives Matter Demonstrationen sind 50.000 Menschen auf die Straßen gegangen. Dieses Momentum darf nicht aufhören, sondern wir müssen weiter genau hinschauen. Wir müssen weiter gegen Rassismus kämpfen und an einen nationalen Aktionsplan gegen Rassismus einfordern.

 

 

Info: Black Voices ist das erste Anti-Rassismus Volksbegehren in Österreich. Das Volksbegehren ist eine antirassistische Initiative in Österreich mit dem Zweck die institutionelle, repräsentative, gesundheitliche, bildungspolitische, arbeitsrelevante und sozioökonomische Stellung für Schwarze Menschen, Menschen afrikanischer Herkunft und People of Color mit bundesverfassungsrechtlichen Maßnahmen zu verbessern und zu stärken. (BMI)

Volksbegehren noch bis 26.09.22 unterschreiben! 

Link zum Buch: https://www.leykamverlag.at/produkt/war-das-jetzt-rassistisch/#description

 

 

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