27 Jahre Srebrenica: Wo der Genozid noch immer geleugnet wird

11. Juli 2022

Heute gedenken wir an dem an Bosniaken verübten Genozid im Juli 1995. Jedes Jahr werden in der Gedenkstätte, dem Srebrenica Memorial Center, die im Vorjahr gefundenen Leichen bestattet. Von den 8372 ermordeten Männer und Buben hat man bis heute nur 6700 identifizieren können. Aus Srebrenica berichtet Dennis Miskić.


Srebrenica, Dennis, Zivildienst, Bosnien

Die Rolle, die Frauen in diesem Genozid gespielt haben und in der Nachkriegszeit spielen, wird unterschätzt. Aus diesem Grund hat sich das Srebrenica Memorial Center dazu entschieden, für dieses Jahr den Fokus auf Frauen und Mütter im Kampf für Wahrheit und Gerechtigkeit zu legen. Die Vereinigung “Mütter von Srebrenica” setzt sich seit 2002 für die Gerechtigkeit der Opfer des Genozids ein und sammeln Spenden für die Hinterbliebenen. Es ist auch ihr Verdienst, dass es die Gedenkstätte gibt, in der ich seit mehr als zehn Monaten meinen Zivildienst leiten darf. 

Am besten bekannt sind die Mütter von Srebrenica dafür, dass sie vor ein niederländisches Amtsgericht gezogen sind und die Niederlande beschuldigten, dass das niederländische Bataillon für nicht ausreichend Sicherheit in der UN-Schutzzone gesorgt hat. 2019 hat der Oberste Gerichtshof der Niederlande entschieden, dass die damals stationierten Streitkräfte eine 10-prozentige Mitschuld an der Ermordung der bosniakischen Flüchtlinge tragen. In einem früheren Gerichtsurteil waren es noch 30 Prozent.

Versagen der internationalen Gemeinschaft

Der Genozid in Srebrenica ist ein präzedenzloser Fall der Vereinten Nationen. Es war das erste Mal, dass die UN die Souveränität eines Staates international anerkennt, ihm aber daraufhin das Recht auf Selbstverteidigung nimmt. Auf die internationale Anerkennung Bosnien und Herzegowinas im April 1992 folgte ein Jahr danach, am 16. April 1993 die Resolution 819 der Vereinten Nationen, die die Srebrenica Enklave als UN-Schutzzone deklarierte. Ein oft vergessener Aspekt ist jedoch, dass damit auch die gesamte Enklave demilitarisiert wurde. Es wurde angenommen, dass die stationierten Blauhelme die Situation unter Kontrolle hätten. Hatten sie nicht, wie die 8372 Toten zeugen.

Nach einer einjährigen Belagerung der Enklave von 1992 bis 1993 und humanitär katastrophalen Zuständen selbst nach der Ankunft der UN-Truppen, fiel die Enklave am 11. Juli 1995 unter die bosnisch-serbische Armee geführt von Ratko Mladić. Was folgte waren Massaker und Deportation. Innerhalb von wenigen Tagen wurden über 8000 bosniakische Männer und Buben in umliegenden Dörfern ermordet und über 25.000 Frauen zwangsweise deportiert. Die genozidale Operation dauerte jedoch weitaus länger an als nur diese wenigen Tage im Juli 1995. Auf die Massaker hin folgte die Begrabung der Leichen und Verschleierung von Beweisen. Im darauffolgenden Monat zeigte die damalige US Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Madeleine Albright, Satellitenaufnahmen von Massengräbern in der Region rund um Srebrenica bei einer Sitzung des UN-Sicherheitsrates. Es waren die ersten Beweise der Gräueltaten und sorgten für Panik unter den Tätern. Im September und Oktober hat der Drina Korpus der bosnisch-serbischen Armee die Überreste der Leichen ausgegraben um diese in sekundäre und tertiäre Gräber übertragen.

Aus diesem Grund kommt es auch oft dazu, dass meist nur wenige Teile der Leichen aufgefunden und identifiziert werden. Diese Aktion war eine bisher noch nie dagewesene Art, die Verbrechen zu verschleiern. Im Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag haben Mitglieder der damaligen Armee darüber ausgesagt und ihre Schuld gestanden.

Genozidale Absicht heute noch am Leben

Die genozidale Absicht das Gebiet ethnisch zu säubern ist nicht aus einem Vakuum heraus entstanden und Ende Juli 1995 wieder verschwunden. Es hat sich aus jahrelanger, medialer und von der Regierung getriebener islamophoben Rhetorik kristallisiert und ist bis heute nicht verschwunden. Man sieht es in der Hartnäckigkeit der Genozidleugner und Nationalisten in der Republik Serbien und der serbischen Entität Bosnien-Herzegowinas, Republika Srpska (RS). Sowohl die politische Elite als auch ein Großteil der Zivilbevölkerung glorifizieren bis heute die Kriegsverbrecher und treiben mit ihrer Rhetorik die Leugnung des Genozids weiter an. Oft wird gesagt, in der Gedenkstätte in Potočari werden zum 11. Juli leere Särge begraben. Eine Redewendung die natürlich doppelt einschlägt. Zum einen werden so die Opfer des Genozids geleugnet oder relativiert und zum anderen ist es ein direkter Angriff auf die Hinterbliebenen Frauen und Mütter in Srebrenica, die zum Teil nur wenige Knochen ihrer Familienangehörigen begraben können.

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