Was, wenn niemand bleibt?

13. September 2023

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Foto: Zoe Opratko

„Ich habe den Deutschkurs bestanden, sagte mein Kindheitsfreund aus Bosnien-Herzegowina mit hoffnungsvollen Augen zu mir. Er hat sein ganzes Leben in Bosnien verbracht, sieht dort aber keine Zukunft mehr. Damit ist er wohl nicht allein. Nach dem Schulabschluss konzentrierte er sich nur noch darauf, so schnell wie möglich nach Deutschland zu kommen. Mein Angebot, nach Wien zu kommen, ließ er sich auch durch den Kopf gehen. Einfach nur raus aus Bosnien.

B2-Zertifikat als Ticket nach draußen

Die B2-Deutschprüfung zu bestehen ist hier wohl gleichgestellt mit einem Uni-Abschluss. Es ist das vermeintliche Versprechen einer besseren Zukunft, die Aussicht auf ein stabiles Leben, ein Ticket nach draußen. Und das, obwohl sie dafür ihr ganzes Leben zurücklassen müssen. Alle paar Monate berichten die Medien über „meterlange Schlangen“ vor der Deutschen Botschaft. Egal ob bei 35 Grad Hitze oder Minustemperaturen. Sie stehen an, denn das Visum in die EU ist es wohl wert. Und jetzt mal ehrlich, wer kann es ihnen übelnehmen? Auch wenn der Krieg mit dem Dayton-Friedensvertrag 1995 beendet werden konnte, kann heute wohl kaum von einem Frieden gesprochen werden. Politikerinnen und Politiker bedienen sich ständig der gleichen nationalistischen Rhetorik, die es schon in den 90ern gab. Und in den Schulen wird dieser Hass greifbar. In den Geschichtsbüchern werden seit Jahrzehnten verschiedene Narrative der Geschichte erzählt. Anstatt zur Versöhnung beizutragen, spalten diese das Land nur weiter.

„Zwei Schulen unter einem Dach

Die Lehrpläne fokussieren sich auf die jeweilige Ethnie, so gibt es eben eine Erzählung der Bosniaken, Kroaten und Serben. Hier wird das „eigene Volk“ als Opfer dargestellt und „die anderen“ als Täter. Nur drei Gymnasien im ganzen Land versuchen eine „objektive“ Sicht zu erzählen. Die Teilung hört aber nicht bei den Büchern auf. Im kroatisch-bosniakischen Landesteil werden Schülerinnen und Schüler sogar physisch getrennt. Die Kinder haben eigene Schuleingänge und Klassenzimmer. Das Phänomen wurde „zwei Schulen unter einem Dach“ getauft und von der OSZE eingeführt. Wer kann schon in so einem System aufwachsen. Als ob die politischen und wirtschaftlichen Krisen nicht genug wären. Irgendwann platzt einem eben der Kragen vor Nationalismus, Kriegsangst und Hass. Oder man wird selbst zum Nationalisten. Wenn jedes Jahr aufs Neue die Cafés etwas leerer und Häuser verlassener wirken, stelle ich mir gezwungenerweise eine Frage: Was, wenn niemand bleibt? ●

 

Kolumnist Dennis Miskić hat seinen Auslandsdienst in Srebrenica geleistet und engagiert sich in verschiedenen NGOs zum Thema Westbalkan und Migrationspolitik. In seiner Kolumne hält er euch über Politisches & Kulturelles vom Balkan am Laufenden.

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