"Die Rotzpippen wird es immer geben."

18. Dezember 2015

Der Rapid-Coach und Freistoßgott Zoran Barisic über Emotionen am Spielfeldrand, richtige Typen im Fußball und warum er anfangs gezwungen war auf junge Spieler zu setzen.


von Amar Rajkovic und Susanne Einzenberger (Fotos)

 

Biber: Wie formt man aus über 20 Spielern eine Einheit?

Zoran Barišić: Es ist wichtig, dass du von einem gut funktionierenden Trainer- und Betreuerteam umgeben bist. Das sind diejenigen, mit denen du den gleichen Weg mit gleichen Zielen gehen solltest. Dann hast du 25-30 Spieler, die alle einen anderen Charakter haben, und die zu einem Team zu formen, ist ganz schwierig.

Wo fängt man an?

Es ist wichtig, Regeln aufzustellen. Und es reicht nicht, nur ein Ziel vorzugeben. Du musst den Spielern das Gefühl geben, den Weg zu diesem Ziel zu kennen. Während dieser Zeit muss ich die Motivation der Spieler hochhalten, egal ob sie gerade zur Stammelf gehören oder nicht. Das ist alles andere als einfach. Aber die Basis für die erfolgreiche Zusammenarbeit ist vor allem Respekt!

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Susanne Einzenberger

Wann erfährt es ein Spieler von dir, dass er nicht im Kader für das nächste Match steht?

Am Spieltag oder am Tag nach dem Spiel rede ich mit dem Spieler nicht. Ansonsten ist meine Tür immer für alle Fragen der Spieler offen.

Weil du gerade von Emotionen gesprochen hast: Ein Trainer wie Jürgen Klopp lebt davon, Trainer der alten Schule wie Van Gaal lässt sich während des Spiels nichts anmerken. Was für ein Typ bist du?

Wichtig ist es, die Emotionen zu kontrollieren und sachlich zu bleiben. Das Fachliche setze ich voraus. Es gilt eine gewisse Balance zu finden, um auf einer sachlichen Ebene wertfrei und emotionslos zu coachen.

Viele deiner Spieler sind jung, talentiert und werden nicht ewig beim SK Rapid bleiben. Wie schaffst du es, immer wieder die wichtigsten Stützen des Teams zu ersetzen, ohne dass die Mannschaft in ein Loch hineinfällt?

Genau dieser Gedanke bereitet mir jeden Tag Kopfschmerzen und sorgt dafür, dass ich Magengeschwüre bekomme. Einerseits willst du die Spieler verbessern und freust dich, dass sie so einen Leistungssprung gemacht haben und eine super Karriere hinlegen. Auf der anderen Seite musst du dir schon den Ersatz für sie überlegen.

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Susanne Einzenberger

Stichwort Nachwuchsarbeit. Soll Rapid in der Zukunft ausschließlich junge Talente formen und teuer verkaufen oder können sich die Fans des österreichischen Rekordmeisters auch über sportliche Erfolge freuen?

Unsere Philosophie, junge Spieler von der U13 bis in die Kampfmannschaft zu führen, zeigt Erfolge. Da geht es darum, gewisse Fähigkeiten zu vermitteln, die sowohl früh in der Karriere als auch später in der Kampfmannschaft wichtig sind: Spielanlage, taktisches Verständnis, Anforderungsprofil für einzelne Positionen. Man darf aber nicht vergessen, dass die bescheidene Wirtschaftslage des Vereins mich beim Amtsantritt gezwungen hat, auf junge, unbekannte Spieler zu setzen.

Ist der Erfolg des SK-Rapid eng verbunden mit dem der Nationalmannschaft?

Das ist nicht generell der Verdienst von Rapid, sondern ist der guten Fußballausbildung in Österreich „geschuldet“. Es sind Akademien im ganzen Land entstanden, in denen Spieler professionell betreut und entwickelt werden.

Oliver Kahn konstatierte kürzlich nach einem CL-Match, die Spieler heutzutage hätten das Kämpfen verlernt. Der ehemalige Weltklasse-Goalie vermisst Typen wie Stefan Effenberg, Mario Basler oder österreichische Pendants wie Peter Stöger oder Didi Kühbauer. Gibt es keine richtigen Kerle mehr im Fußball?

Er (Anm.: Oliver Kahn) hat nie eine Mannschaft geführt, er geht keinen Management-Tätigkeiten nach, er ist nur Analytiker und glaubt, gescheit zu sein. Ich sage immer: „Zeiten ändern sich, der Mensch bleibt gleich.“

Also gibt es noch immer die Bad-Boys in der Kabine?

Ja, nur können sich die Jungs heutzutage gar nichts mehr erlauben. Zu meinen Zeiten konnte man einfach mal ausbrechen, auf den Putz hauen und keiner hat es erfahren. Heute wirst du auf Schritt und Tritt beobachtet, mit dem Handy beim Biertrinken gefilmt. Die „Schlingel“ und „Rotzpippen“ gibt es noch immer, nur feiern die im Stillen.

Nenad Bjelica, Ex-Trainer der FAK Austria, sagte nach seinem Amtsantritt, sein großes Ziel sei Deutschland. Falls Zoki Barišić eines Tages mal Hütteldorf verlassen sollte, welcher Verein würde ihn reizen?

Ich bin weit davon entfernt zu sagen, mein Ziel ist nach Deutschland zu wechseln. Wenns kommt, kommts. Wenn nicht, nicht!

Als Freistoßspezialist kannst du das am besten beurteilen: Wer kann den Ball am schönsten über die Mauer zirkeln?

Für mich ist es ganz klar Miralem Pjanić von der AS Roma.

Zum Flüchtlingsthema: In wieweit ist es Thema in der Rapid-Umkleide?

Natürlich diskutieren wir darüber in der Kabine. Solange die Menschen keinen Job, Ausbildung und Perspektive in ihrer Heimat haben, werden sie in ein Land ziehen, wo sie das alles vorfinden können. Und solange diese Probleme in den Herkunftsländern ungelöst sind, werden die Menschen kommen.

Was macht der Verein konkret in dieser Causa?

Wir laden Flüchtlinge  zu unseren Heimspielen ein. Das ist ein wichtiges Zeichen.

Hast du Vorbilder unter Trainern?

Richtige Vorbilder sind es nicht. Aber mir gefällt die Art und Weise, wie Pep Guardiola spielen lässt. Er hat natürlich die besten Mannschaften zur Verfügung. Mir gefällt Arsene Wengers Arbeit beim FC Arsenal, vor allem, wie er Spieler entwickelt. Das gleiche galt für den zurückgetretenen Alex Ferguson von Manchester United. So lange Zeit trotz enormen Erfolgsdrucks und der Erwartungshaltung erfolgreich zu sein, ist was Besonderes.

Hast du noch Kontakt zu deinen Verwandten in Ex-Jugoslawien?

Sehr wenig. Mein Vater ist bosnischer Kroate, meine Mutter Serbin. Sie sind seit 1967 zusammen, aber nicht verheiratet. Ich habe den Namen von meinem Vater, das Religionsbekenntnis von meiner Mutter. Meine Familie ist breit verstreut. Unsere Familie ist ein Mischmasch.

 

Wer ist er:

Name: Zoran Barišić

Alter: 45

Beruf: Cheftrainer des SK Rapid Wien

Besonderes: War der erste Nationalspieler, dessen Eltern zur Gastarbeitergeneration gehörten.

 

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