„Man übertreibt mit dem Feminismus“ – Und warum wir ihn mehr denn je brauchen.

08. März 2023


Laut Rapperin Loredana brauchen wir Feminismus nicht - da sie selbst es als Frau "nie schwer hatte", und einfach mal FIFA gespielt hat "wie die Jungs." In Ländern wie Deutschland oder Österreich hätten es Frauen nicht schwer, so Loredana. Warum diese Aussage problematisch und gefährlich ist: "Wir übertreiben nicht mit dem Feminismus. Wir brauchen Feminismus so lange Frauen diskriminiert, unterdrückt und ermordet werden und „Männer-Sachen“ wie FIFA oder Tischtennis spielen, wird mich auch nicht vor Sexismus schützen." kontert unsere Autorin Nadin Khalil.

 

Kommentar von Nadin Khalil

 

„Man übertreibt mit dem Feminismus….als Frau hast du es nicht schwer. Ich glaube in vielen anderen Ländern schon, aber wir sind hier in Deutschland, Österreich und der Schweiz und ich finde wir Frauen haben hier dieselben Rechte wie Männer. Ich kann euch auch raten, nicht immer nur Frauen-Dinge zu tun, Nägel machen und so, das fuckt mich echt ab. Ich mache auch gerne Dinge, die Männer können, wie Fußball spielen, Tischtennis und FIFA zocken.“ Das sind die Worte der Schweizer Rapperin Loredana bei einem Konzert in Hamburg vergangenen Freitag.

 

Nur weil wir in Europa, in Österreich leben, heißt es nicht, dass wir sicher sind oder es keine Probleme gibt.

Ich möchte diese Aussage nicht einfach so aus dem Kontext reißen. Sie wollte scheinbar ihren Fans vermitteln, dass sie wegen ihrem starken Selbstbewusstsein so weit gekommen ist.

 Die Message dahinter ist gut, aber die Art wie sie es gesagt hat ist einfach nur komplett falsch und ignorant. Dass so eine Aussage von einer Frau mit so viel Reichweite und tausenden von jungen Frauen, die zu ihr aufschauen und sie als Inspiration und Vorbild nehmen, kommt, finde ich einfach traurig. Sie sagt, dass sie als Frau noch nie eine Ungerechtigkeit erlebt hat und genau das ist das Problem. Sie hat leicht reden, genauso wie alle anderen Leute, die nicht direkt davon betroffen sind. Die Aussage „Wir sind in Österreich“ oder „Wir sind in Europa“ höre ich immer wieder. Nur weil wir in Europa, in Österreich leben, heißt es nicht, dass wir sicher sind oder es keine Probleme gibt. Als Frau bist du in Österreich einfach nicht sicher, ein Blick auf die Zahl der Femizide ist Grund genug. Um euch einen kleinen Überblick zu verschaffen: Österreich zählt die meisten Femizide Europaweit.  Wir haben März 2023 und allein dieses Jahr gab es schon sechs Frauenmorde in Österreich. Im vergangenen Jahr 2022 wurden 28 Frauen ermordet. Wir machen den Fehler, zu denken wir wären besser als andere Länder in denen Frauen dadurch unterdrückt werden, dass ihnen Bildung verboten wird, Verschleierung aufgezwungen werden oder in denen sie täglich Gewalt erleben.

 

Wir brauchen Feminismus so lange Frauen diskriminiert, unterdrückt und ermordet werden.

 

Ich kann in Österreich zwar zur Schule gehen und mich bilden, werde zwar nicht gezwungen mich zu verschleiern, aber indirekt gezwungen mein Kopftuch abzulegen, was übrigens auch Unterdrückung ist. Was die Gewalt betrifft, kann ich nicht sagen, dass Österreich weiter ist als diese Länder, wenn jede dritte Frau von körperlicher oder sexueller Gewalt betroffen ist und Frauen systematisch unterdrückt werden. Mit systematischer Unterdrückung meine ich den Sexismus, den Frauen nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch in ihren eigenen vier Wänden und sogar auf ihrem Körper erleben müssen. Ja, das ist Unterdrückung, Österreich ist nicht frei von Unterdrückung, die Schweiz und Deutschland genauso nicht. Um nochmal auf Loredanas Aussage zurückzukommen:  wir übertreiben nicht mit dem Feminismus. Wir brauchen Feminismus so lange Frauen diskriminiert, unterdrückt und ermordet werden und „Männer-Sachen“ wie FIFA oder Tischtennis spielen, wird mich auch nicht vor Sexismus schützen. Ich frage mich, wann solche Tätigkeiten überhaupt als „Männer-Sachen“ betitelt wurden, aber darauf gehe ich jetzt nicht ein.

 Um abzuschließen: Als Frau in Österreich habe ich es sogar sehr schwer und mit meinem Kopftuch und meiner Herkunft und meiner Hautfarbe nochmal doppelt so schwer. Mein Selbstbewusstsein hat mich noch nie vor Gewalt, Rassismus oder Sexismus geschützt, es hilft mir nur dabei, mich zu verteidigen, zu kontern, mich für meine Rechte einzusetzen und dafür zu sorgen Menschen mit meiner Stimme zum Denken anzuregen. Und all das wird so lange notwendig sein, solange wir in diesen Strukturen leben. Egal, ob wir FIFA Zocken, selbstbewusst sind oder nicht, unsere Nägel machen, oder welchen Background wir haben. Schön für Loredana, dass ihr laut eigener Aussage keine Steine in den Weg gelegt wurden. Aber bitte, liebe Loredana: Dann lege uns, bei denen das sehr wohl der Fall ist, erst recht keine in den Weg – solange du das mit deinen problematischen Äußerungen tust, werden wir „diesen Feminismus“ nämlich noch lange brauchen.

 

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