„Schreib mal über deine Leute!" - Zwischen Quote und Fremdbestimmung

02. Juni 2022

Woke und progressiv – so stellt sich der Großteil des österreichischen Journalismus dar. Schafft man als Frau mit Migrationshintergrund den Schritt in die österreichische Medienlandschaft, ist die Schlacht noch lange nicht geschlagen. Dann fängt es erst so richtig an. 

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Autorin Jelena Čolić
Von Jelena Čolić, Fotos: Zoe Opratko

Schreib mal über deine Leute, Jelena“, meinte mein damaliger Chef zu mir. Ich machte gerade ein Praktikum bei einer Tageszeitung. Wen meint er denn? Vorarlberger*innen? Leute aus Ex-Yu? Frauen unter 1,60 m? Auf meinen verwirrten Blick entgegnet er mir, ich könne doch einen Text über die Auswirkungen von Corona auf die Ex-Yu-Diaspora und ihre Sommerpläne schreiben. Natürlich betrifft es doch auch mich und meine Familie – aber warum bin ich plötzlich Pressesprecherin für alle Ex-Yus in Vorarlberg geworden? Macht mich allein mein Migrationshintergrund zu einer Expertin? Nein, natürlich nicht. Andererseits habe ich es auch satt, wie in den gängigen Medien über „uns“ berichtet wird. Man erinnere sich an Meldungen wie „Ausländer sind schuld an Corona, weil sie über Weihnachten zuhause waren“.

Zwischen Pflichtgefühl und Herzensangelegenheit

Der österreichische Journalismus braucht mehr Diversität. Eine einzige queere Person, jemand, dessen Nachname mit „ić“ endet oder eine Person mit Kopftuch einzustellen, macht die Redaktion noch lange nicht divers. Schon gar nicht, wenn diese Person nur über ihre*seine Themen schreiben soll. Natürlich sollen alle Ressourcen genützt werden – Fremdsprachenkenntnisse, Kontakte oder spezielles Know-how bei einem Thema, aber es kann nicht sein, dass ich unfreiwillig zur Diversity-Beauftragten gemacht werde, nur weil ich anders bin als der Rest der Belegschaft. Bei einem Bewerbungsgespräch meinte mein Chef: „Wir mögen dein Profil so gerne und freuen uns auf die frischen Perspektiven, die du aus deiner Community einbringen kannst.“ Ich hatte noch nicht mal begonnen dort zu arbeiten und mein Schwerpunkt schien schon festzustehen.

Ich denke, viele Journalist*innen, die einer Minderheit angehören, kennen dieses Gefühl. Ich fühle manchmal fast diese Pflicht, über „meine“ Leute zu schreiben, weil ich es besser kann. Ich habe einen besseren Zugang zu den Communitys und spreche die Sprache. Und wenn ich es nicht mache, würde das Thema vielleicht unbehandelt bleiben. Mögliche Gründe dafür sind die mangelnde Vielfalt in den Redaktionen und die Tatsache, dass für viele Journalist*innen Themen, die außerhalb ihrer Lebensrealität sind, unsichtbar sind – natürlich gibt es Ausnahmen wie bei außenpolitischen Themen oder Kriegsberichterstattung, aber selbst da lassen sich rassistische Tendenzen herauslesen und oftmals werden typische Stereotype bestärkt. Ich kann ja nicht ständig über den österreichischen Journalismus bashen und dann nichts ändern, oder? Das Tauziehen im Kopf geht los. Was mache ich denn jetzt?

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Zwischen Quote und Fremdbestimmung - Autorin Jelena Čolić

Ich wollte es lange nicht sehen – es werden an Migrant*innen andere Erwartungshaltungen gestellt als an Autochthone. Sogar im Qualitätsjournalismus, der sich selbst als progressiv und woke einschätzt. „Hast du den Text wirklich selber geschrieben? Er ist so gut“, entgegnet mir mein damaliger Chef, nachdem ich einen Text abgab, an dem ich drei Wochen gearbeitet hatte.

Der Journalismus Report (2020) zeigt folgende Merkmale für Journalist*innen in Österreich: Cis-Mann, 46 Jahre, arbeitet Vollzeit, kein Uni-Abschluss und arbeitet für ein Printmedium. Diese Beobachtung machte ich auch schnell. Berufseinstiege sind nie leicht. Als Frau mit Migrationshintergrund fallen zwei Diskriminierungskategorien auf einmal zusammen: Sexismus und Xenophobie. Die anfängliche Freude endlich in einer Redaktion zu arbeiten wird schnell überschattet von einer Pasta Mixta aus dem bekannten Hochstapler-Syndrom, People-Pleasing und dem Gefühl die eigene Community nicht enttäuschen zu wollen. Ich will zu einem Vorbild werden.

Ich konnte meinen Kolleg*innen noch nicht einmal erklären, wie man meinen Nachnamen ausspricht und schon brach das Hochstapler-Syndrom über mich herein. Gedanken wie „Vielleicht gehöre ich ja wirklich nicht hier hin?“ und „Ich bin nicht gut genug!“ machten sich in mir breit. Ich musste mich nur umschauen, um zu sehen, dass mich der Journalismus aufgrund meines Profils eigentlich nicht in einer Redaktion sitzend sieht. Diese Zweifel zusammen mit meiner Erziehung, dass man Erwachsenen nicht widerspricht – auch wenn ich selbst schon erwachsen bin – und der verinnerlichten Scham, machten mich zu einem leichten Opfer für die Scharade der Vielfalt in österreichischen Redaktionen. Ich sollte ja überhaupt dankbar sein, dass ich hier sitzen darf. Viele schaffen ja das nicht einmal. Es brauchte viele empathische Kolleg*innen, Vorbilder wie Melisa Erkurt oder Olivera Stajić, und auch Therapie, um diesen Irrglauben abzulegen. Ich habe genauso eine Berechtigung als Journalistin zu arbeiten – genauso wie ein Maximilian oder eine Lisa.

„Ne daj sebe ni za koga“

Mit diesem Satz bin ich aufgewachsen. Es heißt so viel wie „Gib dich für niemanden auf“. Für mich steckt hinter diesem Satz der Mut und die Liebe meiner Eltern, die sich vielen Hindernissen stellen mussten, um sich ein Leben in einem Land aufzubauen, das ihnen nichts gab. Viele Diasporakids haben ähnliche Geschichten. Es ist nur logisch, dass Journalist*innen mit einem ähnlichen Background auch das in ihre Arbeit einfließen lassen.

Über die eigene Community zu schreiben, geht aber oft mit familiären Konflikten einher. Das Tauziehen geht wieder los. Ist es dieser Text wert, dass ich Stress mit meiner Familie habe, weil ich ihr und unserer Community einen Spiegel vorhalte? Das würde die Redaktion natürlich feiern, weil wenn ich schon über meine Community schreibe, dann nur kritisch. Unsere Migrationsgeschichte definiert uns nicht. Natürlich hat sie einen erheblichen Einfluss auf unsere Weltanschauung und prägt unsere Lebensrealität. Es ist aber keineswegs ein Freifahrtschein für Vorgesetzte uns in Schubladen zu stecken. Also gebt euch für niemanden auf und vergesst nicht, woher ihr kommt – auch wenn es sich manchmal so anfühlt, als ob die Gesellschaft euch dazu zwingen würde.

 

Jelena Čolić ist 25 Jahre alt, hat bosnisch-kroatischen Wurzeln und ist in Vorarlberg geboren und aufgewachsen. 2015 ist sie fürs Studium nach Wien gezogen und hat seitdem in verschiedenen Redaktionen als Journalistin gearbeitet.

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