„Sei netter zu den Österreichern!“ - Warum ich niemandem um jeden Preis gefallen will

02. Juni 2023
 
Von Luna Al-Mousli, Fotos: Zoe Opratko
 
Empowerment Special, Luna Al-Mousli, Sei netter zu den Österreichern
© Zoe Opratko
Bei der ersten Lesung meines neuen Romans „Um mich herum Geschichten“ saß Mama in der ersten Reihe, daneben war die gesamte Familie aufgereiht von Oma bis Onkel und dazwischen unbekannte Gesichter. Obwohl es nicht mein erster Auftritt war, denn ich bin seit 2016 Autorin, war ich wie bei jeder Lesung leicht aufgeregt und versuchte, die Nervosität in den flauschigen Sofakissen zu versenken. So fing ich an: „Es war einmal, es war keinmal, bis es einmal war“. Nach den ersten Sätzen wurde meine Stimme warm, sie fand ihre Balance zwischen den deutschen Sätzen und den eingebauten arabischen Wörtern, die mit Selbstverständlichkeit den Raum einnahmen, ohne sich zu erklären. Und schon kam ich zum Ende, die Moderation übernahm und wir kamen zum zweiten Teil des Abends: das Gespräch – wie üblich über das Buch, den Schreibprozess und über Persönliches.
 
Als ich am Anfang meiner schriftstellerischen Arbeit stand, war mir nicht klar, wie sehr „das Persönliche“ auf der Bühne Platz einnehmen würde – wie intim und nachbohrend manche Fragen werden könnten. Es sind Fragen über meine Religiosität. Wobei diese Frage scheinbar nur für Muslima gilt, denn ich war noch nie bei einer Diskussion, in der man eine*n nicht-muslimische*n Diskutant*in fragte, wie intensiv die eigene Religiosität praktiziert wird. Ich gewöhnte mir irgendwann diese Antwort an: “Mein Glauben ist eine Beziehung zwischen mir und Gott, oder wer auch immer da oben ist und geht eigentlich niemanden was an.” Mein Beziehungsstatus scheint ebenfalls Relevanz zu haben, und ob meine Eltern einverstanden wären, wenn ich mit einem Andersgläubigen zusammen wäre. Auf diese Frage könnte ich entgegnen: “Entschuldigung, wie heißen Sie noch mal? Ich wusste gar nicht, wie eng befreundet wir sind!“
 
 
Die Fragen kommen nicht aus Böswilligkeit, sondern einfach aus reiner Neugier – oder aus einem akzeptierten und manifestierten Machtverhältnis. Ich, Frau und Migrantin, muss mich erklären, für alle Fragen offen stehen, um meine Arbeit und mein Dasein zu rechtfertigen. Ich muss Österreich und seine Gesellschaft loben und dafür dankbar sein, denn wäre ich in Syrien geblieben, wäre aus mir bestimmt keine Autorin geworden, wird mir immer wieder klar gemacht. Meine Leistungen und meinen Erfolg steckt sich Österreich an die Brust, als hätte Österreich das System gebaut, das meine Talente gefördert hatte, als hätte Österreich mir zugesprochen und mir das Gefühl gegeben, mit allem, was ich bin – Syrerin und Österreicherin und viele andere Unds –, zugehörig und mitbestimmend zu sein. Dem war aber nicht so. Der Dank geht da ausschließlich an meine Mama, meine Familie und meine Freund*innen.
 
Ich war auf dem flauschigen Sofa auch immer mehr als nur eine Autorin, so wie in der Schulklasse. Ich war Religionswissenschaftlerin, Expertin für den Nah-Ost-Konflikt und sämtliche andere Konflikte in der gesamten SWANA-Region (Süd-West-Asien und Nord-Afrika), Migrations- & Diskriminierungsforscherin, aber auch Sprecherin für jeden und jede Syrer*in, die schnell oder weniger schnell Deutsch lernten, die alleine oder mit ihrer Familie herkamen, die Ösi-Freunde fanden, oder sich zurückzogen. Anfangs antwortete ich höflich, überlegt und „diplomatisch“, wie es meine Mama sagen würde, immer darauf bedacht, die Gefühle von niemandem im Raum zu verletzen. Nach dieser Lesung aber lobte meine Mama, was zu loben war, schwieg kurz, legte ihre Hand um meine Schulter und zog mich zu sich: „Luna, du warst jetzt schon gemein zu den Österreichern, du bist so undiplomatisch geworden.” 
 
Empowerment Special, Luna Al-Mousli, Sei netter zu den Österreichern
© Zoe Opratko
 
Mama, ich habe versucht, lieb und nett zu sein, Kritik an Österreich mit einem Lächeln auszusprechen, sodass meine Bäckchen ganz rot werden. Ich wandte das Feedback-Sandwich an, positiv, negativ, positiv, um gesellschaftspolitische Themen anzusprechen und Mängel zu betonen, doch es half nicht. Denn ich hatte nicht das Gefühl, dass die Kritik ankam, und oft wurde mir das Recht auf Kritik überhaupt abgesprochen – wie gesagt, ich soll ja dankbar sein.
 
Wie kann die Wut in mir sich auflösen, wenn dem Anti-Rassismus-Volksbegehren „Black Voices“, Stimmen fehlten, um ins Parlament zu kommen? Wie kann es sein, dass Schüler*innen im Live-TV von rechtsextremen Politikern bedroht werden können? Wie kann es sein, dass ich bis heute die Beleidigung „Sie sprechen akzentfrei Deutsch, ich konnte alles verstehen!“ als Kompliment auffassen muss? Als es Letzteres aus dem Publikum kam, erwiderte ich: „Ihr Deutsch ist auch ganz gut, nur müssten Sie an Ihrer Aussprache arbeiten, denn mit Ihrem Dialekt verschlucken Sie Buchstaben, ein akzentfreies Deutsch würde ich es nicht nennen.“ Einmal stellte bei einem Interview eine Journalistin Fragen zu unterdrückten Frauen in Syrien. Ich wusste ganz genau, worauf die Journalistin mit der Frage hinauswollte, bog aber ab und entgegnete ihr: „Wenn wir über die Unterdrückung der Frau durch die patriarchalen Strukturen reden, müssen wir gar nicht so weit weg nach Syrien schauen. Bleiben wir doch hier in Österreich. Laut Statistik Austria ist jede dritte Frau von Gewalt betroffen, wie ist die Lage der Frauen in Österreich also?” Die Journalistin meinte dann, Frauen in Österreich hätten jedoch viel mehr Freiheiten und Rechte. Auch hier musste ich ihr ins Wort fallen, denn umso schlimmer, rückständiger und peinlicher ist es, dass bis heute in dem “perfekten” Österreich Frauen und Männer nicht gleichen Lohn für gleiche Arbeit bekommen, Frauen armutsgefährdeter sind und in so vielen Lebensbereichen benachteiligt werden. 
 
Nein, Mama, ich glaube, für die nächsten 10 Jahre versuche ich es mal undiplomatisch, ohne die Kritik in Samt einzupacken, denn ich habe ein Recht darauf, die Mängel zu benennen, und möchte den Scheiß, den sich die österreichische Politik erlaubt, nicht beklatschen. ●
 
 
Luna Al-Mousli ist 33 Jahre alt, Autorin und Kulturschaffende.

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