Urlaub auf eigene Gefahr!

08. Juli 2019

Strandfotos mit Cocktail unter Palmen? Langweilig. Destination Diktatur oder Touren durch Tschernobyl bieten dagegen Adrenalinkick und Insta-Fame. Biber präsentiert die ungewöhnlichsten Reisetipps 2019 – ohne Moralsiegel und auf eigene Gefahr.

Von Aleksandra Tulej, Lisa Kiesenhofer, Anna Helm, Cecilia Tradowsky und Amar Rajkovic

 

Selfies in der Sperrzone von Tschernobyl sind das neue Statussymbol der Influencer. Die Medien berichteten aufgeregt: Auf den verlassenen, rostigen Schaukeln der Kinderspielplätze der einst radioaktiven Geisterstadt räkeln sich Blogerinnen, als wären sie im Maledivenurlaub. Auch auf der biber Reise-Top 4 in Sachen „Urlaube lieber ungewöhnlich“ war der einstige Unglücksort der Ukraine präsent. Die Redaktion hat aber noch weitere Top-Orte (u. a. den Arsch der Welt) für euch ausgekundschaftet, die so faszinierend sind, dass ihr vergessen werdet, euer Handy rauszuholen. Vorausgesetzt, ihr habt dort überhaupt Netz oder das Fotografieren steht nicht unter Gefängnisstrafe. Unser Reise-Spezial für morbide Voyeur-Toristen auf der Suche nach dem nächsten #instafame ebenso wie für wanderlustige Historiker ohne Bock auf Ibiza.

 

Verstrahlte Sperrzone
Tschernobyl, Ukraine

Man kann es den Influencern nicht übel nehmen. Es gibt wohl kaum einen Ort auf der Welt, der solch eine morbide Faszination auslöst, wie die ukrainische Geisterstadt Prypjat, in der das berühmte Kernkraftwerk Tschernobyl liegt. Im April 1986 explodierte dort ein Reaktorblock des Kraftwerkes und radioaktiver Staub verbreitete sich in der ganze Umgebung. Jahrelang war Tschernobyl also eine Sperrzone, die Strahlung war zu hoch und zu gefährlich, um dort zu leben. Die damaligen Bewohner wurden evakuiert und ließen alles zurück. Häuser, Schulen und Kindergärten, ein Schwimmbad, in dem seit Jahrzehnten niemand geschwommen ist, einen Vergnügungspark mit einem verrosteten Riesenrad. All das macht Tschernobyl zu einem grotesken Abenteuerspielplatz und einem postapokalyptischen Museum zum Anfassen. Apropos anfassen: Das Gebiet ist heutzutage sicher genug, um einen Tagesausflug dorthin zu machen. Die Strahlenbelastung von einem Tag in der Sperrzone Tschernobyls entspricht 0,004 Millisiever. „Das liegt immer noch deutlich unter der Dosis, die man durch einen Flug von Frankfurt nach Kiew erhält“, heißt es seitens der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) in Köln. Wer möchte, kann beim Veranstalter einen Geigenzähler mieten, um die Strahlenbelastung im Auge zu behalten. Wie komme ich hin? Österreichische StaatsbürgerInnen benötigen für die Ukraine keinen Pass. Geschlossene Schuhe und lange Hosen sind bei der Führung Pflicht. Es gibt heute mehrere Touren, die euch in das ehemalige Katastrophengebiet führen, z.B.: https://chernobyl-tour.com/deutsch.html

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Tschernobyl, Ukraine / Genya Savlov/AFP/picturedesk.com

 

Bosniens „Arsch der Welt“

Tjentiste, Bosnien

 

Ruhe, Berge, kühle Temperaturen: Wer der 40-Grad heißen Wiener City im Sommer entfliehen will, sollte Tjentište einen Besuch abstatten. Mitten im Sutjeska Nationalpark liegt das kleine Dorf am Fuße des Maglić (2386 m), dem höchsten Berg von Bosnien und Herzegowina. Am „Arsch der Welt“, wie er von den Einheimischen genannt wird, sollte man vor allem eines: hoch hinaus. Der Nationalpark bietet verschiedene Wanderwege (von Spaziergang bis zu steiler Felswand) durch die unberührte Natur.

Es bietet sich an, vom Dorf über einen Güterweg den Berg hochzufahren (man bezahlt für das Auto 6 Euro, pro Person nochmal 2 Euro Eintritt für den Nationalpark). Wer auf Abenteuer steht: Am Berg kann man auch Campen – die Aussicht ist ein Traum! Besonderes Schmankerl: In zweieinhalb Stunden ist man zu Fuß am Trnovačko See, der übrigens bereits in Montenegro liegt. Also: den Pass nicht vergessen! Wer mehr auf Geschichte steht: In Gedenken an die 1943 gefallenen Männer der Jugoslawischen Volksbefreiungsarmee wurde ein 19 Meter hohes, beeindruckendes Denkmal errichtet. Trotz der geschichtsträchtigen Vergangenheit bekommt man als Tourist von Krieg und Konflikt heute nichts mehr mit. Stattdessen trifft man auf gastfreundliche und hilfsbereite Menschen, die am Straßenrand Heidelbeersaft oder Kräutertees verkaufen – alles selbst gemacht versteht sich. Wie komme ich hin? Die Reise zum Arsch der Welt hat einen Nachteil: Tjentište erreicht man nur mit dem Auto. Von Sarajevo benötigt man in etwa drei Stunden. 

 

Mehr Infos unter: http://npsutjeska.info/en/home/

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Bosniens "Arsch der Welt" / Sutjeska National Park

 

Bunte Totenschädel

Hallstatt, Österreich

Ein Geheimtipp ist die 770 Seelengemeinde in Oberösterreich schon lange nicht mehr. Die Region Hallstatt gehört sogar zum UNESCO Welterbe. Zwischen all den asiatischen Touristen und Souvenirshops gibt es ein Museum der besonderen Art. In einem kleinen, düsteren Raum ohne Fenster werden die Schädel und Knochen von toten Menschen gelagert. Was auf den ersten Blick makaber scheint, ist vor allem eine Notlösung. Denn die spezielle Lage Hallstatts zwischen See und Berg ist zwar total sehenswert, führte aber in der Vergangenheit zu Problemen. Auf dem kleinen Friedhof, oben am Berg neben der Pfarrkirche und der Michaelskapelle, waren die Gräber schnell belegt. Da der Tod aber nicht aufzuhalten ist, mussten sich die Hallstätter schon im 18. Jahrhundert etwas einfallen lassen. Die Toten wurden nach zehn bis fünfzehn Jahren wieder ausgegraben, um Platz für neue Leichen zu schaffen. Die Überreste der Ausgegrabenen wurden in der Sonne gebleicht und anschließend mit bunten Ornamenten und den Namen der Toten verziert. Die Übergabe ins Beinhaus fand wie eine zweite Bestattung statt. Heute sind dort rund 1200 Schädel von Verstorbenen ausgestellt. Unter den Totenköpfen stapeln sich die restlichen Knochen. Wer also dachte, für bunte Totenschädel muss es eine Reise nach Mexiko sein, hat sich geirrt. Für 1,50 Euro sieht man, wie die Halstätter das Platzproblem mit dem Tod kunstvoll gelöst haben. Wie komme ich hin? Ganz easy mit dem Zug von Wien nach Attnang-Puchheim, einmal umsteigen und nach insgesamt dreieinhalb Stunden Reisezeit ist das Ziel schon erreicht.

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Hallstatt, Österreich. Gerhard Wild/picturedesk.com

 

Huldige der Statue!
Pjöngjang, Nordkorea

 

In Nordkorea Urlaub machen geht nicht? Geht doch! Abgesehen vom traditionellen Ginsenghuhn im Restaurant ist hier nichts echt. Ist man in Pjöngjang als Tourist unterwegs, geben Reisebüro und Tourleiter alles dafür, den Urlauber durch deine rosarote Brille schauen zu lassen. Dass diese Sichtweise oft nicht der Wahrheit entspricht, sollte jetzt die wenigsten überraschen. Spannend ist so ein Aufenthalt in der „True-Kim-Show“ dafür allemal. Das Geburtshaus des „ewigen Präsidenten“ Kim Il-sung gleicht einem Wallfahrtsort. Menschenmengen pilgern nach Mangyongdae (20 Minuten von Pjöngjang mit dem Auto), um dort den Gründer der Diktatur Nordkorea zu verehren –ein Spektakel! Der Personenkult dominiert die Atmosphäre im ganzen Land. „Huldige der Statue!“ ist ein Aufruf, den man vom Reiseleiter sicher öfter zu hören bekommt. Mit Leuten zu sprechen, ist verboten. Auch die lokale Währung Won bekommt man als Tourist nicht in die Hände – gezahlt wird mit Euro oder Dollar. Telefonate nach Hause müssen während der Zeit in Korea auch vom Plan gestrichen werden: Als Nicht-Koreaner hat man nämlich kein Netz. Dennoch kann man durch so eine regelgeprägte Reise einen guten Eindruck vom Land und den vorherrschenden Regeln gewinnen. Wir empfehlen allerdings, sich vor Abreise genau über die Regeln zu informieren. Denn in Nordkorea im Gefängnis zu sitzen, ist sicher alles andere als lustig. Wie komme ich hin? Will man nach Nordkorea, geht das nur über ausgewählte Reisebüros, die mit nordkoreanischen Agenturen zusammenarbeiten. Wir müssen als Journalisten leider draußen bleiben.

Information unter: https://www.nord-korea-reisen.de

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Ed Jones/AFP/picturedesk.com

 

 

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