Zwei Geschlechter, ein Leben

02. Juni 2022

Als Mann wird man zur Freizügigkeit gedrängt, als Frau kassiert man dafür Scham: Stefanie Stanković musste doppelt mit Genderrollen kämpfen. Sie wurde bei ihrer Geburt in Serbien dem männlichen Geschlecht zugeordnet und führte in Österreich ein Doppelleben als Frau. Zwölf Jahre nach ihrem Coming-out will sie anderen Mut machen.

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Autorin Stefanie Stanković

Von Stefanie Stanković, Fotos: Zoe Opratko

Ich war als Kind sehr schüchtern, introvertiert, verschlossen. Man hat mir immer gesagt: „Steffi, sei ein Mann, hole dir, was dir zusteht! Sei aggressiv, laut, zeig deine Männlichkeit, nur so kommst du voran im Leben!“ Ich war vielleicht acht Jahre alt, als ich mit meinen Eltern auf Urlaub gefahren bin. Genau wie die anderen Männer und Jungs, sollte ich einfach mein T-Shirt ausziehen, es hat sich aber so falsch angefühlt. Die Antwort auf die Frage, warum meine Mutter ein Bikini-Oberteil tragen musste und ich nicht, hat für mich keinen Sinn ergeben. Ich habe immer nur gehört: „Du bist ein Mann und sie eine Frau“ – in meinem Kopf antwortete ich: „Ich bin aber kein Mann, sondern eine Frau“.

Mein Umfeld, meine Familie und Freunde waren immer enttäuscht, wenn ich nicht geschafft habe, mich durchzusetzen. Sie meinten, dass sich das für einen Jungen nicht gehöre. Ich bin in Serbien zur Welt gekommen. Anhand meiner Genitalien wurde mir das männliche Geschlecht zugeordnet, und genau so wurde ich auch erzogen. Patriotisch, orthodox, sehr nationalistisch und toxisch-männlich, denn genau so hat Serbien nach dem Jugoslawienkrieg ausgesehen. Vor der Schulzeit war es mir egal, dass ich diese Stereotype, die meine Familie von mir erwartete, nicht erfüllte. Aber später empfanden mich die Kinder und LehrerInnen in meiner Schule als komisch und so kam die Verwirrung.

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© Zoe Opratko

Ich führte ein Doppelleben

Zu Zeiten des Krieges und der Inflation gab es in Serbien nur zwei Fernsehkanäle und meine Eltern haben mich von klein auf deutsche Fernsehsender und Zeichentrickfilme schauen lassen. So habe ich Deutsch gelernt. Durch Zufall stieß ich eines Tages auf eine Fernsehsendung mit Arabella Kiesbauer, in der Transpersonen ihre Lebensgeschichte teilten – und plötzlich machte alles Sinn. Ich war nicht allein, es gibt so viele Menschen, die sich genauso fühlen wie ich! Ich begann schon als Kind, meine Zukunft zu planen, und suchte alle passenden Informationen dazu im Internet. Ich fand heraus, dass Österreich ein sehr gutes Gesundheitssystem hat. Es zwar auch nicht perfekt für Transpersonen, aber dennoch viel fortschrittlicher war als jenes in Serbien. In Serbien war der Prozess einer Geschlechtsangleichung fast unmöglich: Es gab keine Ressourcen, medizinische Hilfe oder therapeutische Unterstützung – und von gesellschaftlicher Akzeptanz oder Sicherheit kann ich nicht einmal sprechen.

Ich kam volljährig im Oktober 2010 in Wien an, denn ich wollte hier studieren. Ich konnte hier neu anfangen, als Steffi. Für meine Eltern war ich immer noch der brave Sohn, daher unterstützten sie mich bei meinem Vorhaben. Es war perfekt! In Wien kannte mich keiner von früher, niemand konnte mir sagen, dass etwas nicht zu mir passt, dass ich mich verändert hatte, oder konnte fälschlicherweise meinen Geburtsnamen verwenden. Ich führte ein Doppelleben: In Wien war ich die Steffi, und zuhause auf Skype mit meinen Eltern war ich dann wieder der Sohn, den sie zu kennen glaubten. Eine Zeit lang ging das gut, aber dann kamen Hormone ins Spiel und die Veränderungen an meinem Körper wurden sichtbarer. Die Zeit nach meinem Outing war für alle Beteiligten nicht leicht. Ich denke, dass kein Elternteil wirklich erfreut ist, über die queere Identität ihres Kindes zu erfahren. Dazu kommt noch mein Balkan-Hintergrund, mein Vater akzeptiert mich bis heute nicht. Für meine Mutter gab es am Anfang nur Ängste, wie ich durchs Leben gehen werde, und ob es für mich Möglichkeiten gäbe, ein „normales Leben“´ zu führen. Meine Mutter begleitete und unterstützte mich aber auf jedem Teil des Weges zu meinem wahren Ich.

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Stefanie wuchs im ultranationalistischen, orthodoxen Serbien als Sohn auf. In Wien fand sie zu ihrer wahren Identität.

Gender ist ein Spektrum

Ich weiß nicht, wie bewusst es Außenstehenden ist, dass ich mein Leben quasi aus der Sicht von zwei Geschlechtern erlebt habe. Zwischen den beiden Polen „Mann“ und „Frau“ gab es auch eine androgyne Phase, wo ich als keines von beiden Geschlechtern wahrgenommen wurde – und das alles in zwei komplett unterschiedlichen Ländern. Ich hatte in Serbien und Österreich das Glück (oder Unglück), sehr viele Erfahrungen machen zu dürfen, die mich verstehen ließen, warum ich eine Frau bin. Ich war kreativ, sanft, empathisch und sensibel.

Heute, mit 30 Jahren, kann ich nicht genau beschreiben, was mich als Frau ausmacht. Ich bin weder Mann noch Frau, und doch beides gleichzeitig – genau dieser Satz würde mich im Moment am besten beschreiben. Gender, Maskulinität und Feminität sind für mich wie ein breites Spektrum, das sich auf einer Skala von eins bis zehn bewegt, wobei eins für „männlich“ steht, und zehn für „weiblich“. An manchen Tagen bin ich eine Sieben, an anderen eine Drei. Genau so sehe ich auch Sexualität, sie hat so viele Facetten. Und sie ist in ständiger Veränderung. Ich entdecke immer wieder neue Sachen, die ich anziehend finde. Nur weil ich heute etwas attraktiv fand, muss es nicht die Regel für morgen sein. Für mich wirkt alles sehr simpel und trotzdem sind viele Menschen verwirrt, was Sexualität und Gender betrifft. Warum?

Es ist die Gesellschaft, unsere Erziehung, die über Generationen den Jüngeren beibringt, wie man sich zu verhalten hat. Die meisten Menschen behaupten, dass es ihnen egal sei, was andere Menschen von ihnen halten, aber ich kann das nicht unterschreiben. Wir alle wollen gemocht werden, einen guten Eindruck hinterlassen, gut in Erinnerung bleiben. Und deswegen empfinden wir Scham, wenn es um unsere Sexualität geht. Es ist generell ein gesellschaftliches verpöntes Thema, auch wenn man nur ein wenig aus der heteronormativen Reihe tanzt. Auch ich spürte Scham. Mich vor zwölf Jahren in so einer Gesellschaft als Transfrau zu outen, war sehr erniedrigend. Ich wurde als Witzfigur hingestellt und verspottet. Man braucht deshalb für diesen Schritt ein starkes Durchsetzungsvermögen und viel Selbstbewusstsein.

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Mann, Frau, Mensch. Stefanie steht zu sich, vor zwölf Jahren hatte sie ihr Coming-Out. ©Zoe Opratko

Freizügig sein als Mann geht – als Frau aber nicht

Ich wurde als Mann erzogen. Dinge, wie selbstbewusst ohne Oberteil draußen zu sein, oder offen zuzugeben, dass man viel sexuelle Erfahrungen gemacht hat, gehörten zum Alltag. Es sind Dinge, mit denen „Mann“ gerne prahlt und dafür Anerkennung bekommt, sei es von anderen Männern oder Frauen. Diese Regeln, die mir bei meiner Erziehung aufgezwungen wurden, praktiziere ich heute – allerdings als Frau. Das kommt nicht gut an. Oft höre ich, dass es nicht angebracht und billig sei, viel Haut zu zeigen. Andererseits werde ich genauso zum Objekt gemacht, weil mein Kleidungsstil doch „so einladend sei“. Das ist an sich schon sehr problematisch, vor allem aber auch, weil diese Sachen einfach nicht stimmen. Ich sehe Mode und Kleidung als ein Instrument, um mich selbst nach außen zu spiegeln. Wie auch immer die Kritik genau aussieht: Dass ich trans bin, verstärkt alles nochmal. Warum sollte ich nicht das Recht haben, mich in meiner Haut wohl zu fühlen und Selbstbewusstsein, Stärke und Schönheit auszustrahlen?

Alles ist gut, solange du verfügbar bist?

Drehen wir mal die Rollen um: Wie viele Frauen bekommen für sexuelle Erfahrungen Anerkennung? Es ist nur Scham! Die Frau sollte ein reines Bild bewahren und darf dem Mann nicht gleichgestellt werden. Sie muss dafür bestraft, ausgelacht und verurteilt werden. Eine Frau sollte begehrenswert oder verfügbar sein, sie bewegt sich aber auf sehr dünnem Eis. Die Gesellschaft wartet regelrecht auf den Moment, um ihr „Schäm dich!“ laut hinterherzuschreien bei ihrem Gang auf der Straße. Einmal habe ich für eine Geburtstagsfeier von einem Freund alle Geschütze aufgefahren: High Heels, kurzes Kleid, welliges langes Haar, schönes Make-up. Keine fünf Schritte konnte ich im öffentlichen Raum gehen, ohne von Männern angesprochen zu werden, dass ich wunderschön, sexy, eine Traumfrau sei. Aber sobald ich sie ablehnte, wurde ich innerhalb einer Sekunde zum Gegenteil. Ich war hässlich, prüde, ein Mann – das dünne Eis unter meinen Füßen war gebrochen.

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© Zoe Opratko

Seit sechs Jahren bin ich auf Social Media aktivistisch für die LGBTQIA+ Community, und nutze meine Plattformen, um aufzuklären. Seit meinem Coming-out habe ich viel gelernt. Ich habe gelernt, unverschämt zu mir selbst zu stehen. Ich kenne meinen Wert, was ich für meine Zufriedenheit brauche, um frei zu leben und ohne Pardon über mein Leben zu bestimmen. Ich befinde mich vielleicht in einer Seifenblase, die ich für mich selbst kreiert habe, aber ich bin frei. Und ich lasse mir das um keinen Preis wegnehmen. Es gibt kein Image, das ich bewahren muss. Meine Existenz wird viele erstaunen, andere wird es vielleicht schockieren. Aber beide Seiten bekommen zu sehen, dass ich authentisch bin, keine Scham davor habe, mein wahres Ich zu zeigen - und genau das macht mein Leben so besonders.

 

Stefanie Stanković ist 30 Jahre alt, kommt aus Požarevac (Serbien) und lebt und arbeitet in Wien als Make-Up-Artist und Aktivistin.

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