„Als ich zum ersten Mal Alkohol getrunken habe, habe ich wirklich nach oben geschaut und gedacht: Jetzt trifft mich gleich der Blitz.“

01. März 2023

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Zeliha Çiçek lässt ihre persönlichen Erfahrungen im Werk X-Petersplatz mit jenen von Lady Diana verschmelzen. ©Alex Gotter

Auch bald 26 Jahre nach ihrem tragischen Tod am 31. August 1997, nimmt die Faszination an der Geschichte von Lady Diana nicht ab. Was haben die Prinzessin von Wales und eine islamische Religionslehrerin aus Wien, die ihr Kopftuch abgelegt hat, schon miteinander gemeinsam? Katharina Kummerers experimenteller Bühnenessay „What did you do when Lady Di died?” im Werk X-Petersplatz zeigt: Mehr, als man glaubt. 

Ein Leben zwischen den erdrückenden Erwartungen von außen, in denen jeder falsche Schritt in den Augen der Familie und der ganzen Community zum Verhängnis werden kann, und wo rigide Normen herrschen – das kennt auch Zeliha Ciçek nur zu gut. Die islamische Religionslehrerin und studierte Theologin ist in Wien geboren und in Kaisermühlen in einer extrem konservativen türkisch-muslimischen Familie aufgewachsen. Sie begann mit 13 Jahren ein Kopftuch zu tragen, wurde mit 14 verlobt und mit 16 mit ihrem Cousin verheiratet, bekam schon mit 18 Jahren das erste Kind von insgesamt drei. Die heute 46-Jährige lebte ein Leben, in dem religiöse und patriarchale Indoktrination ihre persönliche Entfaltung an letzte Stelle rücken ließen. Doch nun ist Schluss: Zeliha Ciçek hat vor einigen Jahren ihr Kopftuch abgelegt und kämpft für ein neues Religionsverständnis, nach dem Islam zu unterrichten und eine unbedeckte Muslima zu sein keine Widersprüche sind. Als Teil des Ensembles verschmelzen autobiografische Elemente aus ihrer Geschichte mit jener der Prinzessin Diana. BIBER traf sie vor der Stückprobe am Wiener Petersplatz auf ein Bier.

BIBER: Wie kam es dazu, dass du als Laiendarstellerin auf der Bühne deine Geschichte erzählst? Und was findest du an Lady Diana als Figur so faszinierend?

Zeliha Çiçek: Ich habe Katharina Kummerer vor drei Jahren über gemeinsame Freunde kennengelernt. Sie hat mir davon erzählt, dass sie ein Stück über Lady Diana macht – wer liebt denn Lady Di nicht? Ich glaube, dass es bei mir so war, wie bei vielen Mädchen damals auch. Dass man diesen Traum hat, eines Tages einen Prinzen kennenzulernen und zur Prinzessin zu werden. Normalerweise sehe ich mir nur Geschichten mit Happy End an. Aber im Nachhinein war ihre Geschichte bekanntlich kein Märchen, sondern ein Albtraum, der in ihrem Tod endete. Das ist das faszinierende. Ich bin irgendwie mit dem Stück gewachsen, die ersten drei Wochen saß ich bei den Proben nur da und konnte mir überhaupt keinen Text einprägen. Ich dachte anfangs, oh Gott, was mache ich da nur? Aber schlussendlich ist alles, was dieses Stück brachte, wirklich wundervoll und ich fühle mich motiviert.

In „What did you do when Lady Di died” gibt es viele Anspielungen auf das Korsett an Erwartungen, in dem Lady Diana schon früh nach ihrer Hochzeit mit Prince Charles gefangen war. Inwiefern kannst du dich damit identifizieren?

Ich habe mit 13 Jahren schon ein Kopftuch tragen müssen, und war sehr lange eine Verfechterin davon. Als gläubige Muslima bekommst du ja früh zu hören: Allah will, dass du dich verdeckst. Die IGGÖ hat auch im Jahr 2017 allen erwachsenen Frauen zum Tragen eines Kopftuchs geraten. Unter uns religiösen Frauen, die das eigentlich für Gott gemacht haben, gab es damals schon Getuschel: Wie, das Kopftuchtragen ist auf einmal ein Gebot? Aber niemand hat sich wirklich getraut öffentlich diese Fatwa von dem Mufti Mustafa Mullaoglu zu kritisieren oder auch nur zu hinterfragen. Diese ganzen Regeln, die mir auferlegt wurden, auch in meiner Ehe, in der ich sehr unzufrieden gewesen bin. Sobald du ein Kopftuch trägst, musst du dich ja auch entsprechend kleiden und verhalten – es ist wie ein Korsett, das bestimmt, wie du zu sein hast. Das spaltet Familien, und hindert, dass man sich liebt. Meine eigene Tochter begann mit sechs Jahren schon ein Kopftuch zu tragen – natürlich habe ich sie nicht anders erzogen – und hat es erst ein Jahr, nachdem ich damit aufgehört hatte, abgelegt. Das ist in der Community keine einfache Sache, denn plötzlich mischen alle um dich herum mit. 

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Szene aus Katharina Kummerers Bühnenessay "What did you do when Lady Di died?" ©Alex Gotter

Kürzlich erschien auch ein großer Artikel über dich im Falter. Wie schützt du dich in dieser emotional fordernden Zeit, in der du deine Geschichte so öffentlich erzählst? 

Ich habe einen guten Anwalt, der mich unterstützt. (lacht) Ich bringe mich ja eventuell in Gefahr, wenn ich Dinge ausspreche, über die sich niemand traut zu sprechen. Und ich weiß ja, wie die Community so tickt. Ich steckte die meiste Zeit meines Lebens in einer konservativen Familie fest – was kann man da machen? Ich wurde verheiratet, ich habe Kinder bekommen, musste eine gute und gefügige Ehefrau sein für meinen Exmann, der sehr passiv und konservativ war. Als ich das Kopftuch ablegte – zuerst traute ich mich das nur heimlich – hat man mich ausgelacht. Mein Sohn ist schließlich ein Imam, auch mit ihm hatte ich viel Streit. Nachdem auch einige meiner Familienmitglieder und andere aus dem Umfeld das Stück gesehen haben, konnten sie mich zumindest besser verstehen, was schon ein großer Schritt ist. Und im Gespräch mit anderen Frauen, die ähnliches durchmachen wie ich, bin ich draufgekommen: Wir werden unsere Stimmen erheben, ob es nun manchen Leuten gefällt oder nicht. Das erfüllt mich mit sehr viel Kraft.

Welche Momente auf deinem Weg in dein neues Leben waren für dich prägend?

Als ich zum ersten Mal Alkohol getrunken habe, habe ich wirklich nach oben geschaut und gedacht: Jetzt trifft mich gleich der Blitz. Ich war letzten Oktober zum ersten Mal auf dem Oktoberfest… AmanAllah, ich habe noch nie so viele Deutsche auf einmal gesehen, die wegen Bier so ausflippen. Die Leute gehen extra da hin, um sich gehen zu lassen! Wir waren aber nur einen Abend dort, weil es so kalt gewesen ist. Man muss es einfach gesehen haben, es ist halt ein kulturelles Ding. Ich war wirklich in einem Käfig, auch in meiner Ehe. Mit 35 habe ich mich scheiden lassen und ich bin viel herumgereist, ich war auch in Indonesien und vielen anderen muslimischen Ländern. Ich habe auch schon die Hadsch [Anm.: Pilgerfahrt] gemacht. Erst dadurch lernte ich wirklich zu schätzen, wie geschützt man als Frau in Österreich vergleichsweise ist. Während der Hadsch habe ich damals einen Ganzkörperschleier getragen, da ich mich in muslimischen Ländern irgendwie noch ausgelieferter gefühlt habe, als zuhause in Österreich. Auch als bedeckte Muslima entkommt man den lüsternen Blicken der Männer nur schwer – es herrscht diesbezüglich eine große Doppelmoral in muslimischen Gesellschaften, finde ich.

Welche Gedanken kreisen in dir, nach deinem Ausstieg? Wie war das damals für dich?

Ich war sehr lange die Vorzeigemuslima, war Teil der IGGÖ und in der Organisation sehr weit oben, bin für die Milli Görüs im ORF aufgetreten, war bei öffentlichen Fastenbrechen im Ramadan immer zur Stelle… dann, als ich das Kopftuch abgelegt habe, haben die mich von der Frauenorganisation angerufen, haben versucht mir gut zuzureden, weil ich ja so lange dabei gewesen bin. Ich schenkte all dem keine Aufmerksamkeit. Einzig eine Frau aus der Organisation ist mir, nach all diesen Jahren, als Freundin erhalten geblieben. Die Wahrheit ist, dass ein Leben als Community-Aussteigerin sehr einsam ist. Hinter mir steht auch die Politik nicht. Viele Autochthone haben überhaupt keine Ahnung, dass solche Organisationen wie die IGGÖ ganz anders als der Islam an sich sind und wollen sich aus humanistischen Gründen gar nicht einmischen. Das finde ich nicht richtig. Mir wird außerdem vorgeworfen, dass ich den Rechten in die Hände spielen würde mit meiner Kritik – ich will aber nicht zur FPÖ, und ich bin überhaupt nicht rechts. Es gibt aber sehr wohl rechte Imame – wenn man so will – die nur darauf warten, eine Frau wie mich ohne Kopftuch zu erwischen. In den letzten zehn Jahren wurde einiges versäumt, auch der Einfluss, den der politische Islam in Österreich hat. Ich habe immer gesagt: Moscheen sind Gebetsstätten und keine Bildungseinrichtungen. Seit 2007 ist die Zahl der Religionslehrer und -lehrerinnen von 350 auf 670 gestiegen. Die ganzen Liberalen, die wir kennen, haben aber keinen Job und sitzen zuhause.

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Mit: Ines Heinrich-Frank, Zeliha Çiçek, Anniek Vetter, Jona Moro und Daniel Breitfelder . ©Alex Gotter

Du sprichst – auch in dem Stück – offen über die Ängste, die du hattest, als du begonnen hast das Kopftuch erst heimlich abzulegen. Gibt es Momente, in denen du heute noch in alte Muster fällst?

Nach dem Interview, dass ich dem Falter gegeben hatte, bin ich abends von den Proben nachhause gegangen. Weißt du, wie oft ich mich umgedreht hatte? Das hatte ich jahrelang nicht mehr gemacht. Ich habe nachts um zwei Uhr zuhause auf dem Klo geweint, weil ich nicht wollte, dass meine Kinder sehen, welche Angst ich habe. Natürlich falle ich immer wieder in alte Muster zurück, weil die Angst, von jemandem aus der Community erkannt zu werden sehr viel Platz in meinem Leben einnahm. Ich hatte ja wirklich einmal einen Vorfall mit einem Taxifahrer, der sich zu mir umdrehte und mich fragte: Bist du nicht die Zeliha? Das war zu der Zeit, als ich abends heimlich das Kopftuch ablegte. Von diesem Moment erzähle ich auch in dem Stück. Man ist natürlich von dieser konservativen Weltanschauung für das ganze Leben geprägt, wenn man von klein auf damit konfrontiert war.

Warum sind, deiner Meinung nach, solche kritischen Stimmen von Muslimas wie dir nicht organisierter und präsenter in der Debatte?

Wir haben nicht das Bedürfnis, uns ewig lange für eine Sache einzusetzen – der Kampf mit der eigenen Familie, der eigenen Community, war schon schwer genug. In den letzten Jahren war ich ultra-österreichisch unterwegs, so mit Skifahren in den Bergen und so. Aber irgendwann holt dich das ein. Ich will mich nicht dauernd erklären! Aber ich hoffe, dass mehr Frauen wie ich Gehör finden werden. Es erwacht momentan eine neue Generation von Frauen, häufig in meinem Alter, die etwas Besseres wollen – auch für ihre Kinder. 

 

Weitere Spieltermine und Tickets findet ihr hier.

 

 

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