Das Wartezimer als Schwellenraum zwischen Leben und Tod: Benoît Piéron im Mumok

22. Dezember 2023

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Benoît Piéron the cape, 2023, Courtesy Galerie Sultana, Paris Photo: Georg Petermichl / mumok

In der Ausstellung „Monstera Deliciosa“ thematisiert der französische Künstler Benoît Piéron seine Krankheit und findet ungewöhnliche Mittel, diese zu verarbeiten. 

Der französische Künstler Benoît Piéron verbrachte einen großen Teil seines Lebens in Krankenhäusern: Er kam mit einer Hirnhautentzündung zur Welt, war als Kleinkind zusätzlich an Leukämie erkrankt und bekam während seiner Behandlung HIV-infizierte Bluttransfusionen, die er nur knapp überlebte. Auch als Erwachsener bekam er erneut Krebs, was ihn das Trauma aus seiner Kindheit erneut durchleben ließ. Das Leben im Krankenhaus, langwierige Prozess zur Genesung und die vielen Berührungspunkte mit dem Tod prägen seine künstlerische Arbeit bis ins Materielle: So verwendet er alte Krankenhauslaken, aus denen er kleine Figuren oder Kleidungsstücke näht. Ihre Geschichte erkennt man bei genauerer Betrachtung in Form von ausgewaschenen Blut- oder Fettspuren, die sich in den Stoffen festgesetzt haben.

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Ausstellungsansicht / exhibition view: Benoît Piéron. Monstera deliciosa Photo: Georg Petermichl / mumok

Schneekugeln zum Anfassen 

In seiner Einzelschau „Monstera Deliciosa“ im Mumok versetzt Piéron die Besucher*innen direkt an einen Ort, der jedem bekannt ist, und doch Anonymität und – für die meisten Menschen – Unbehagen ausstrahlt: Ein Wartezimmer, wie man es aus Krankenhäusern kennt. Der Ausstellungstitel bezieht sich darauf, dass die namensgebende Pflanze in vielen Wartezimmern und Arztpraxen zu finden ist. Im sterilen, schmucklosen Korridor stehen auf Beistelltischen handgefertigte Schneekugeln mit verschiedenen Miniaturen darin: Man trifft auf anatomische Modelle von Organen, über die es rosafarbene Flocken regnet, wenn man die Kugel vorsichtig schüttelt. Richtig, hier ist dezidiert die Besucherschaft eingeladen, ihre Berührungsängste buchstäblich abzulegen: Alle Schneekugeln kann man in die Hand nehmen. Man trifft auch die niedliche Fledermaus-Figur Monique, die Piéron schon lange in seiner Arbeit begleitet – eine Anspielung auf Vampire, Blut und, natürlich, auch den Tod. 

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Benoît Piéron Moniqa, 2023, Photo: Deinhardstein © mumok

Tabu Krankheit und Tod

Der Ausstellungsraum strahlt die Stille, das Warten und ein verlorenes Zeitgefühl aus. Die Schneekugeln könnten so Sinnbilder für die Isolation und Fragilität eines Lebens stehen, in dem das Sterben immer lauert. Auf einem Kleiderhaken hängt ein pastellfarbenes Fledermauskostüm, das der Künstler für sich geschneidert hat – ein Kostüm, in dem der er womöglich in eine Fantasiewelt entfliehen kann, in der er – fast wie ein Superheld – dem Alltag zwischen Behandlungen und dem Schmerz trotzen kann. Benoît Piérons Arbeiten sind nicht nur eine verspielte Annäherung an die Themen Krankheit und Tod, die seine ersten Kindheitserfahrungen widerspiegeln, sondern auch eine Aufforderung dazu, sich diesen Tabuthemen zu stellen. In einer Gesellschaft, in der der Tod streng vom Leben getrennt ist, eröffnet er einen Schwellenraum zwischen diesen elemtaren Zuständen des Menschseins, die sich untrennbar gegenseitig bedingen, und trotzdem nicht nur einseitig wahrgenommen werden.

Die Ausstellung ist noch bis zum 7. Jänner 2024 zu sehen, bevor das Mumok seine Tore für einen Umbau bis Juni 2024 schließt.

Mehr Informationen gibt es hier. 

 

 

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