Der paradoxe Fall der Alma Zadic

05. Januar 2020

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Foto: Christoph Liebentritt
Foto: Christoph Liebentritt

Gelungene Integration führt zu mehr und neuen Konflikten. Das zeigt auch der Fall der künftigen Justizministerin Alma Zadic. Sie bietet aber auch eine Chance umzudenken und neue Sichtweisen im Zusammenleben zu finden - für alle Seiten. Eine Analyse.

Gelungene Integration führt zu mehr Konflikten – ist die zentrale These des Buches „Das Integrationsparadox“ von Aladin El-Mafaalani. Der Inhalt des Buches lässt sich etwa so zusammenfassen: Stellen wir uns Gesellschaft als Raum vor, in dem Menschen am Boden ohne Essen oder an Tischen mit Kuchen leben. Die Menschen am Boden sind häufig – aber nicht nur – Menschen mit Migrationshintergrund, die weniger verdienen, über weniger Netzwerke verfügen, und so weiter. Die Menschen am Tisch sind jene, die sich in der Gesellschaft bereits etablieren konnten. Sie haben viele Kontakte, Eigentum und verdienen weitaus mehr als die Menschen am Boden. Zudem haben sie Kuchen, den sie untereinander verteilen. Kommt eine neue Person an den Tisch, so die Aussage des Buches, müssen alle Beteiligten beginnen umzudenken.

Vom Boden zum Tisch – als Justizministerin

Der Fall Alma Zadic eignet sich sehr gut um die Theorie El-Mafaalanis auszutesten. Zadic bringt als Ministerin als Person zwei Neuheiten mit. Sie ist zu einem die erste Ministerin, die einst Flüchtling war. Zum anderen trägt die gebürtige Bosnierin einen muslimischen Namen. (Anmerkung: In Bosnien wird der Name Alma in der Regel als muslimisch zugeordnet) Etwas bisher Undenkbares in Österreich, wie die aktuellen Debatten zeigen. Schließlich ist Zadic vom Boden zum Tisch gewandert und darf nun auch über den Kuchen mitbestimmen.

Das Leben am Tisch

Das Leben am Tisch hat seine Tücken. Die Leute am Tisch haben sich ausgemacht, wie die Sitzordnung ist, welches Besteck verwendet wird und wie große Stücke jede einzelne Person kriegt. Die Leute am Tisch können abschätzen, wie sich die anderen am Tisch verhalten werden, was ihre Stärke und ihr Schwächen sind. Das Leben am Tisch besteht aus vielen Regeln, ist nicht einfach und es gibt viele alte bestehende Konflikte. Für diejenigen, die neu zum Tisch gekommen sind, ist das die erste Überraschung: Das Leben am Tisch ist bei weitem nicht so angenehm wie sie es sich vorgestellt hatten und stellt sie vor viele neue Herausforderungen.

Die alten Konflikte am Tisch

Beim ersten alten Konflikt sind sowohl die FPÖ als auch der Hass im Netz an vorderster Front. Wie Der Standard berichtet waren Postings des FPÖ-Landesparteiobmannes Markus Abwerzger zweimal Auslöser für sexistische und rassistische Hasswellen im Internet gegen Zadic. Das innerhalb von drei Tagen. Hintergrund für die FPÖ-Postings war ein altes Twitter-Posting von Zadic. Zadic teilte auf Twitter Fotos eines Burschenschafters, der vom Fenster aus einen Hitlergruß gezeigt haben soll, und das mit den Worten „Keine Toleranz für Neonazis, Faschisten und Rassisten“ kommentiert. Dafür wurde Zadic für einen medienrechtlichen Entschädigungsantrag verurteilt, der nun unter Berufung ist. Als weitere Konsquenz fordert die FPÖ die Nichtangelobung von Zadic. Also, dass Bundespräsident Van der Bellen sie nicht als Justizministerin angeloben soll.  

Der andere alte Konflikt ergibt sich aus den Online-Hasspostings an Zadic, die sich gegen ihre Herkunft richten. (Z.B: „Eine kriminelle Muslima wird Justizministerin. Dann kommt bald die Scharia) Hier kritisieren einzelne Muslim*innen in den sozialen Medien die Antwort der Grünen. Die Grünen betonten wiederholt, dass Zadic ohne religiöses Bekenntnis ist. Darin sehen manche eine Distanzierung gegenüber dem anti-muslimischen Hass. Ein Verweis darauf, dass man Angriffe gegen einzelne Religionsgemeinschaften verurteilt, fehlt – so die Kritik. Hier zeigt sich recht eindeutig die Folge von jahrzehntelanger anti-muslimischer Politik in Österreich. Es zeigt zudem wie verunsichert Betroffene inzwischen auch sind.  Dennoch: Es ist ein bekannter, alter Konflikt.

Neue Konflikte, neue Chancen

„Das Integrationsparadox“ hat folgende Schlussfolgerung: Wenn eine neue Person an den Tisch kommt, wird alles komplizierter. Alte Konflikte werden neu aufgerissen, die bestehenden Regeln hinterfragt. Wenn noch mehr Menschen an den Tisch kommen, wird es sogar noch chaotischer und neue Konflikte entstehen. Mehr Integration, mehr Konflikte. Das klingt alles sehr düster, aber es birgt auch Chancen. Wie der Autor El-Mafaalani argumentiert, ergibt sich dadurch die Möglichkeit festgefahrene Strukturen aufzubrechen. Die Chance voneinander zu lernen, neue Wege zu suchen und uns als Gesellschaft weiterzuentwickeln.

Der paradoxe Fall der Alma Zadic kann hier ein erster Schritt in diese Richtung sein. Zadic ist für Österreich vollkommenes Neuland. Wir haben hier eine Frau vor uns, die als Flüchtlingskind nach Österreich kam und nun Justizministerin wird. Das alleine war bisher in Österreich unvorstellbar. Und wir haben eine Frau, die sich nicht anhand ihres Namens religiöse Zuschreibungen oder Stereotype aufdrücken lässt. Von keiner Seite. Damit lässt sie sich nicht in alte Konfliktlinien einordnen, sondern verlangt vor allem eines von Beobachter*innen aller Seiten: Eingefahrene Denkmuster hinter sich zu lassen und sich auf neue Dynamiken, Möglichkeiten und Gedanken einzulassen. Für uns vielleicht eine Chance uns als Gesellschaft weiterzuentwickeln.

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