Die Grenzen des guten Geschmacks - Interview mit "mabacher"

21. Mai 2017

Über hundert Behindertenwitze hat Martin Habacher alias „mabacher“ bereits auf Youtube gerissen. Warum es bei ihm in Ordnung ist, andere damit vorsichtig sein müssen und wo die Grenzen des guten Geschmacks liegen, erklärt er im Interview mit Biber.

BIBER: Du selbst sitzt im Rollstuhl, machst aber auf Youtube im Rahmen des „Montagswitzes“ des Öfteren Behindertenwitze.

Habacher: Um genau zu sein habe ich über hundert Behindertenwitze gemacht. Zwei Jahre lang habe ich jeden Montag nur Behindertenwitze erzählt.

Warum darfst du das?

Ich habe niemanden gefragt, ob ich darf. Ich habe es einfach gemacht. Ich bin der Meinung, dass Humor die niederschwelligste Möglichkeit ist, um mit Menschen und Themen in Kontakt zu treten. Mir ist bewusst, dass die Behindertenwitze, die ich erzähle, großteils nur von Menschen mit Behinderung wie mir erzählt werden können, ohne dass man eine kassiert. Meine Witze bringen viele Menschen zum Schlucken und sie wissen nicht, ob sie lachen sollen oder nicht. Ich sage aber ja, sie sollen.

Hängt diese Unsicherheit damit zusammen, dass es der Anstand in unserer Gesellschaft so gebietet?

Nein. Es hängt damit zusammen, dass behinderte Menschen in der Gesellschaft nicht sichtbar sind. Behinderung ist nach wie vor ein Tabuthema. Wenn man Eltern mit ihren Kindern trifft und die Kinder fragen „Was ist denn das“ oder „Warum ist der Mann so klein“, dann antworten von fünf Eltern mindestens zwei: „Schau da nicht hin.“

Manche Funktionäre der „Aktionsgemeinschaft Jus“ haben in veröffentlichten Chatprotokollen den Nationalsozialismus verharmlost, sexistische Witze gemacht und eben auch über Behinderte gespottet. Die Rechtfertigung war, dass es „dummer schwarzer Humor“ gewesen sei. Ist es tatsächlich nur „dummer schwarzer Humor“?

Schwierig. Im Gesamtkontext ist aber wahrscheinlich schon eine gewisse niedere Absicht dahinter erkennbar. Man kann Behindertenwitze machen, aber als nicht behinderte Person sollten sie so sein, dass man MIT den Leuten lachen kann und nicht ÜBER sie. Das schränkt die Witzpalette natürlich ein, aber es ist möglich.

Haben sich Leute bereits über deine Witze beschwert?

Freilich. Auf die Kommentare darf man aber nicht allzu viel geben. Da schreiben Leute Sachen wie „Unter den Nazis gäbe es sowas nicht“ oder „Du gehörst vergast“. Das sind größtenteils Kinder, die schlicht und einfach hohl in der Birne sind. Es gibt aber auch Behinderte, die sich bei „BIZEPS“ aufgeregt haben, (Anm. Behindertenberatungszentrum, Verein für selbstbestimmtes Leben) nachdem sie in ihren wöchentlichen Newsletter meine Behindertenwitze reingegeben haben. Sollen sie ruhig. Wenn aber dann mal kein Witz im Newsletter stand, haben sie gefragt, wo er bleibt.

Ist es „diskriminierend“, wenn man manche Personengruppen, wie etwa Behinderte, von Witzen ausschließt?

Definitiv. „Sehr witzig!?“, die Sendung auf Puls4, rühmt sich damit, dass sie alle möglichen Witzekategorien haben - Frauenwitze, Politikerwitze, Bundesländerwitze, etc. Als die Sendung beworben wurde, wollte ich eingeladen werden, um Behindertenwitze zu machen. Der Sender hatte aber nicht den Mut dazu. Vermutlich wäre es zu steil für das Publikum gewesen.

Wenn man also selber der Gruppe angehört, über die man Witze reißt, kann man eine andere Art von Witzen reißen, als es Außenstehende könnten?

Ich glaube schon. Wenn es ein lieber Witz ist, kann ihn vermutlich jeder erzählen. Wenn man einen Witz über Schwangere und Contergan (Anm. Medikament, das zu schweren Missbildungen führte) erzählt, ist es etwas anderes. Da fällt jedem die Kinnlade runter. Fakt ist: Egal welchen noch so charmanten Witz über Behinderte man erzählen würde, die Reaktionen im Publikum würden wahrscheinlich stark variieren.

Kann Satire zu einem Freibrief werden, um alles zu sagen, auch wenn es noch so geschmacklos und fragwürdig ist? Kann sie mitunter gar gefährlich werden? Ich denke dabei speziell an das Schmähgedicht von Jan Böhmermann gegenüber dem türkischen Präsidenten Erdoğan.

Donald Trump könnte jetzt auch hergehen und sagen, dass seine Präsidentschaft reine Satire gewesen wäre und trotzdem hat er ein ganzes Land kaputt gemacht. Satire kann durchaus eine gefährliche Angelegenheit sein, aber das ist Kunst immer. Sie kann schnell zu einer zweischneidigen Angelegenheit werden. Böhmermanns Show hat gute Momente, aber meist ist er mit sehr flachen Witzen unterwegs. Das mit dem Schmähgedicht war jedenfalls mutig. Andere Satiriker bringen jedoch Fakten und Humor gemeinsam auf intelligente Art und Weise rüber.

Als ich dich kontaktierte, habe ich geschrieben, du seist an den Rollstuhl „gebunden“, was nicht in Ordnung war. Das weiß ich jetzt. Doch vielen wird es ähnlich wie mir gehen: Man ist sich nicht sicher, was die „Do’s and Dont’s“ im Umgang mit Behinderten sind.

Die einen denken, wenn sie einen schwarzen Menschen sehen, sofort an Drogendealer. Hat man jedoch mehrere Schwarze im Bekanntenkreis, wird nicht jeder für einen automatisch ein Drogendealer sein. Wenn man jetzt mehrere Personen mit Behinderung kennen würde, würde man niemals auf die Idee kommen, dass diese an den Rollstuhl „gebunden“ sind. Oder dass sie seit ihrer Geburt an XY „leiden“. Meine Behinderung macht mich nicht krank. Es ist ein Zustand wie deine braunen Haare oder deine blauen Augen. Sie ist wie ein Teil des Körpers. Durch regelmäßigen Kontakt mit Behinderten würde der Umgang normaler werden.

Gibt es Dinge im Alltag, die dich ärgern?

Wirklich ärgerlich ist, wenn etwas Neues gebaut wird und wieder nicht auf Barrierefreiheit geachtet wird. Wenn neue Lifte eingebaut werden und die Knöpfe zu hoch sind - das ist einfach mühsam. Die Liftbetreiber wissen, dass Barrierefreiheit in Österreich seit 2016 eine Pflicht ist und trotzdem verkaufen sie noch Lifte, wo die Schaltpanele oben sind. Das barrierefreie Paradies lässt noch auf sich warten. Aber ganz generell ist Österreich, was Barrierefreiheit anbelangt, sicher nicht eines der schlechtesten Länder.

Der Film „Mabacher #ungebrochen“, in dem du im Mittelpunkt stehst, feierte am „Crossing Europe Filmfestival“ im April Premiere. Wann ist er regulär im Kino zu sehen und was kann man erwarten?

Der Regisseur Stefan Wolner sucht noch einen Verleih für den Film, damit er es auch in die Kinos schafft. Der Film begleitet mich drei Jahre lang bei meiner Arbeit und porträtiert das Erleben eines Menschen mit Behinderung. Damit bietet er ein alternatives Bild von Behinderung.

Zur Person:

mabacher am Handy
© Andreas Pöschek

Martin Habacher hat „Osteogenesis imperfecta“ (auch bekannt als „Glasknochenkrankheit“) und führt als „kleinster Youtuber der Welt“ den Youtube-Channel „mabacher“, wo er mitunter wöchentlich den „Montagswitz“ erzählt. Er ist selbstständiger Social-Media-Berater und testet zusätzlich Barrierefreiheit. Zu "mabachers" Youtubekanal geht es hier lang: https://www.youtube.com/user/mabacherTV

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