„Es geht nicht darum, dass wir Themen durchgehen und abhaken.“

03. November 2022

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What, How & for Whom/WHW, künstlerische Leitung Kunsthalle Wien (v.l.n.r.): Sabina Sabolović, Nataša Ilić und Ivet Ćurlin ©Katarina Šoškić

Dieses Wochenende feiert die Kunsthalle Wien ihr 30. Jubiläum. Das leitende Kuratorinnenkollektiv WHW, bestehend aus Sabina Sabolović, Nataša Ilić und Ivet Čurlin zieht im Gespräch Bilanz und verrät, wohin sich die Kunsthalle Wien weiterentwickeln wird, und wo sich Wien und Kroatien kulturpolitisch nahekommen.

BIBER: Am 5. November feiert die Kunsthalle Wien ihr 30-jähriges Bestehen. Wofür steht sie als Institution heute?

WHW: Die Kunsthalle Wien nimmt im kulturellen Ökosystem in Wien eine besondere Stellung ein, da sie sich ausschließlich der zeitgenössischen Kunst widmet und das Ziel verfolgt, Wien an der Spitze der aktuellen Kunstentwicklung zu positionieren. Eine Institution wie die Kunsthalle muss sich heute auch in Bezug auf alte Vorstellungen von Avantgardismus oder Innovation neu definieren. Der Schlüssel liegt eben nicht darin, mit der neuesten Kunstströmung die Erste zu sein – es geht vielmehr darum, alternative politische, ethische und poetische Instrumente anzubieten, um die Perspektive der Besucher*innen in einer kulturell so reichen Stadt wie Wien zu erkunden. Wir reagieren mit dem Programm der Kunsthalle Wien auf die umfassenden Veränderungen in der zeitgenössischen Kunstwelt in den letzten zwei Jahrzehnten. Das bedeutet, sich vom Blick nach Westen und Norden zu lösen, und diesen Blick stattdessen in Richtung Osten und Süden zu lenken – um zu verstehen, wo sich Wien als Kulturmetropole befindet und was sich in den nächsten Jahren an internationalen kulturellen Entwicklungen abzeichnet. 

Als Sie die Leitung der Kunsthalle Wien übernahmen, haben Sie sich vorgenommen, die Institution für möglichst viele Communities zu öffnen. Wie ist Ihnen das gelungen?

Unser Ziel ist es, eine Kulturinstitution zu sein, die Wien in seiner ganzen multikulturellen und kosmopolitischen Ausprägung anspricht. Wir gehen davon aus, dass jede*r eingeladen und willkommen ist und, dass Kunst und Denken die Fähigkeit beeinflussen, soziale Grenzen von Markt, Klasse und Macht zu überwinden. Mit unserem Programm, das unterschiedliche Denkweisen in die Stadt bringt, wollen wir vielfältige Zielgruppen ansprechen. Deshalb haben wir Vermittlungs- und Publikumsstrategien entwickelt, für die die Kunsthalle Wien mit verschiedenen lokale Kulturinstitutionen und -initiativen wie das Österreichische Filmmuseum, Kaleidoskop Film, die Viennale, das Volkstheater, Wiener Festwochen und Wienwoche zusammenarbeitet. Der Aufbau eines neuen Publikums braucht Zeit, vor allem wenn es sich um unterrepräsentierte Bevölkerungsgruppen handelt, und wir strukturieren das Programm so, dass es genau diese Zeit für den allmählichen Aufbau von Beziehungen und Vertrauen gibt. 

Welche Kooperationen laufen derzeit?

Im Rahmen der Initiative Bunker 16 – Contemporary Memorial Art zeigen wir momentan in Kooperation mit der Brunnenpassage Werke von Sanja Iveković. Die Arbeit „Ženska kuća (Sunčane naočale) [Frauenhaus (Sonnenbrillen)]“, die sich mit häuslicher Gewalt beschäftigt, ist bis 10. Dezember 2022 im öffentlichen Raum am Yppenplatz zu sehen, parallel zu der großen Ausstellung „Sanja Iveković. Works of Heart (1974-2022)“, die derzeit in der Kunsthalle Wien Museumsquartier läuft.

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Sanja Iveković, Ženska kuća (Sunčane naočale) [Frauenhaus (Sonnenbrillen)], 2002–heute, Courtesy die Künstlerin und Gallery 1 Mira Madrid

Welche Veränderungen haben sich bisher bewährt und sollen in Zukunft weiter ausgebaut werden?

Wir haben Ausstellungen produziert und umfassend vermittelt, die verschiedene Gruppen und Gemeinschaften in Wien erreicht haben, wie etwa die Ausstellung des Averklub Collective im Jahr 2021, die sich mit Fragen der Rom*nja-Communitys befasste, oder die internationale Gruppenausstellung „And if I devoted my life to one of its feathers“, ebenfalls im Jahr 2021, die von dem bekannten peruanischen Kurator Miguel A. López kuratiert wurde und an der viele Künstler*innen aus Südamerika teilnahmen, oder die Einzelausstellung des Filmemachers Želimir Žilnik, die sowohl migrantische Communities, als auch die Filmszene erreichte. Wir sehen es als Teil der Mission der Kunsthalle Wien, Projekte zu organisieren, die die Neugier des Publikums auf Kunst bzw. Themen lenkt, die es nicht unbedingt kennt, die sonst ignoriert oder nicht gesehen werden würden.

Nachdem Sie 20 Jahre lang die Galerija Nova in Zagreb als Kollektiv betrieben haben - welche Unterschiede haben Sie zwischen dem kulturpolitischen Klima in Kroatien und in Österreich festgestellt?

Wir haben das Gefühl, dass es viele Ähnlichkeiten gibt - eine sehr entwickelte und heterogene Kunstszene sowie ein starkes Vertrauen in die Tradition der Neoavantgarde in den Bereichen Kunst und Kultur. Das Gleiche gilt für die Politik - in beiden Ländern gibt es eine scharfe Trennung zwischen dem Konservativismus der politischen Macht auf staatlicher Ebene und einer wesentlich progressiveren Politik auf der "lokalen" Ebene. Andererseits gibt es auch starke Unterschiede, die sich aus der Tatsache ergeben, dass Österreich eines der reichsten Länder der Welt ist und sowohl das Niveau der Unterstützung für soziale Dienste, als auch die Förderung von Kunst und Kultur sogar im weltweiten Vergleich außergewöhnlich ist, während Kroatien ein Land ist, das sich nie vollständig von den Bürgerkriegen im ehemaligen Jugoslawien in den 1990er Jahren erholt hat. Was Wien wirklich von Zagreb unterscheidet, ist seine kulturelle Vielfalt und sein Kosmopolitismus, der eine internationalistische Perspektive ermöglicht, was die Stadt für uns am spannendsten macht. 

Wie wurde die lokale Kunstszene eingebunden?

Wir sehen die Kunsthalle Wien als eine Institution, die ein Zuhause für in Wien lebende Künstler*innen sein sollte, und wir versuchen, durch unser gesamtes Programm Verbindungen zu verschiedenen künstlerischen Communitys herzustellen. An all unseren Gruppenausstellungen sind Wiener Künstler*innen beteiligt, ebenso wie an unseren diskursiven und Vermittlungsprogrammen. Nach dreieinhalb Jahren in Wien sind wir immer noch sehr gespannt darauf, neue Künstler*innen kennenzulernen, obwohl wir schon viel getan haben: Wir haben Kooperationen mit zahlreichen der oben genannten Wiener Institutionen und Organisationen initiiert. Als Reaktion auf die coronabedingten Schließungen haben wir mit dem Projekt KISS eine Reihe von öffentlichen Interventionen organisiert und in dessen Rahmen 2020 und 2021 neue Arbeiten von Eva Egermann, Thomas Geiger, Rade Petrašević, Margot Pilz und Johanna Tinzl produziert. Wir haben auch umfassende Einzelausstellungen lokaler Künstler*innen produziert und präsentiert, deren Praxis zu wichtigen aktuellen Themen beiträgt, wie Ana Hoffner ex-Prvulovic* und Belinda Kazeem-Kamiński, Ines Doujak und Katrina Daschner, die von der hiesigen Szene, der lokalen Presse und einem breiteren Publikum gut aufgenommen wurden. Wir haben viel positives Feedback zur Neupositionierung der Kunsthalle Wien erhalten: Sowohl die Kunstszene in Wien als auch das Publikum erkennen unser Engagement in den verschiedenen Realitäten und Gemeinschaften der Stadt an, und wir werden unser Programm in dieser Richtung weiterentwickeln. 

Themen wie die Klimakrise, Gewalt, Rassismus und Sexismus stehen seit langem auf der Agenda verschiedenster Kultureinrichtungen. Sind es die großen Namen, oder eher die großen Themen, welche die Besucher ins Haus bringen?

Wir denken, dass es eine Kombination aus beidem sein sollte. Die verschiedenen Lebensrealitäten in der Welt haben viele Gesichter. Angesichts zahlreicher aktueller Krisen und Risiken wollen wir Ausstellungen als Plattform für tiefergehende und entschleunigte Diskussionen und zum Nachdenken über Dinge nutzen, die komplex sind, wiederholt und von allen Seiten betrachtet werden müssen. Es geht nicht darum, dass wir Themen durchgehen und abhaken, sondern dass wir immer wieder auf verschiedene Protagonist*innen und Standpunkte zurückkommen, von denen wir hoffen, dass sie zum Nachdenken und zur Formulierung von Öffentlichkeit(en) beitragen können. Wir werden oft nach Besucher*innenzahlen gefragt, und obwohl wir nicht glauben, dass sie der Hauptindikator für institutionellen Erfolg sind - wir haben keine Angst vor Popularität und verwechseln sie auch nicht mit Populismus. Viele Wiener Institutionen arbeiten mit "großen Namen", und wir denken, dass sich die Kunsthalle Wien als eine Institution profilieren muss, die etwas anderes als den Mainstream bietet und gleichzeitig klar mit einem breiten und vielfältigen Publikum kommuniziert. 

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Am Samstag, 5. November 2022 feiert die Kunsthalle Wien ihren 30. Geburtstag, mit diversen Programmhighlights für Groß und Klein: Von 11 Uhr bis Mitternacht gibt es freien Eintritt beim Tag der offenen Tür, angeboten werden Führungen, Workshops, Diskussionen und Performances. Zum Abschluss des Jubiläumstags gibt es ein großes Musikprogramm mit RENT, Kerosin95, EsRAP und DJ Hauswein. Alle Informationen zum Programm gibt es hier. 

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