Gott, der Svabo

03. Februar 2017

Die Suche nach Gott führt über viele Wege. Manche suchen ihn in der Natur, andere in Glaubensstätten und wieder andere bei Pilgerfahrten. Meine Großmutter fand ihn unverhofft beim Pitamachen in der Küche – und glaubte, er sei ein Österreicher.

Österreich, 1994. Nach zwei Jahren war meinen Großeltern endlich die Flucht aus Bosnien gelungen. Über 600 Tage hatten wir uns nicht gesehen. Sie hatten in der Zeit ihr Haus vor Soldaten verteidigt. Wir hatten uns ein neues Leben aufgebaut, Deutsch gelernt. So sehr Deutsch gelernt, dass ich Bosnisch schon fast wieder vergessen hatte. Ich war damals vier.

Es war jene Zeit, als einmal die Woche ein Pfarrer zu uns in den Kindergarten kam. Anstatt schwarzem Talar und weißem Beffchen, trug er Jeans und Pullover. Bei seinen Besuchen erzählte er uns Geschichten aus der Bibel. In seinen Händen hielt er aber nie ein Buch, sondern, wenn, nur einen Spickzettel. Er erzählte frei heraus. Vereinfachte die Geschichten soweit es ging. Ein Versuch Kindern Glauben näher zu bringen. Dass meine Familie eigentlich muslimisch ist, spielte dabei keine Rolle.

Gott heißt Bog

An die für mich wichtigste Geschichte, kann ich mich nicht einmal erinnern. Wichtig war aber auch nur die Moral der Geschichte: „Alles, was wir haben, stammt von Gott.“ Für mich ein Durchbruch. Wenn Gott immer der Ursprung von allem ist, würde ich nie wieder fragend dastehen und mich wundern müssen. Nie wieder still sein müssen, weil ich die Antwort nicht wüsste. Gott hatte für mich alles auf einmal so logisch gemacht.

Ich lief nach Hause. Ich wollte meiner ganzen Familie davon erzählen. Für sie die Welt auch begreifbar machen und an meinem Glück teilhaben lassen. Daheim war aber nur meine Großmutter, die gerade den Teig für Pita über den Esstisch spannte. Neben ihr eine Packung Mehl. „Oma, weißt du wer uns das Mehl gegeben hat?“, fragte ich sie auf Bosnisch. Etwas überrascht antwortete: „Nein, lieber Emir. Von wem denn?“ Darauf wieder ich: „Ach Oma, natürlich von Gott!“ Das bosnische Wort für Gott kannte ich damals allerdings nicht.  Das wäre „Bog“. Ich sagte aber „Gott“. Für meine Großmutter damit ein Vorname wie jeder andere. Sie nahm einfach an, dass in der Nachbarschaft ein Mann namens Gott wohnte, der uns Mehl geschenkt hatte. Sie war schließlich erst seit Kurzem bei uns und kannte noch nicht alle in der Umgebung.  

Nicht einmal Wasser

Ich merkte gleich, dass meine Großmutter meinen Punkt nicht verstanden hatte. Ich zählte also weiter auf. Fragte sie, wer uns den Esstisch gegeben hat, auf dem sie ihre Pita machte, den Teppich, auf dem sie stand, den Vorhang, der sie vor der Sonne schützte. Nie wusste sie die Antwort. Dabei war es doch so einfach: Gott. Ich versuchte es weiter. Nahm alles als Beispiel, was ich sah. Bis hin zum Wasser. „Weißt du, wer uns das Wasser aus der Leitung gibt?“, fragte ich schon ziemlich genervt. „Nein“, antwortete sie wieder und hatte bereits Tränen in den Augen. Meine Geduld hatte ihr Limit erreicht. Meine Großmutter verstand es einfach nicht. Ich ging raus spielen.

Nachdem ich aus der Küche gegangen war, fing meine Großmutter an zu weinen. Es war Krieg in Bosnien und meine Eltern lebten in einem Haus, dass uns eine Siedlung gratis zur Verfügung gestellt hatte. Weil wir Flüchtlinge waren. Zum Teil waren wir noch immer von anderen abhängig. Meine Großmutter dachte, dass wir so arm sind, dass uns der Svabo* Gott unter die Arme greifen muss, damit wir überleben können. Wasser zum Trinken haben. 

Gott zahlt uns alles

Schließlich kommt auch mein Großvater nach Hause. Sie erzählt ihm, wie arm wir seien. Wie uns ein Österreich unser ganzes Leben finanziert. Die beiden sitzen stundenlang in der Küche und weinen. Bis meine Mutter nach Hause kommt. Aus der ganzen Trauer war Frust und Wut geworden. Meine Mutter hatte nicht einmal ihre Schuhe ausgezogen und schon schrie sie meine Großmutter an: „Wie blöd bist du eigentlich? Ihr hättet uns nicht aufnehmen dürfen! Ihr hättet besser an euch denken sollen! Nicht einmal Wasser könnt ihr euch leisten! Dieser Österreicher – ich habe den Namen vergessen – muss euch alles zahlen und schenken. Der Emir hat mir alles erzählt!“

Meine Mutter weiß nicht, was sie sagen soll. Sie arbeitet als Putzfrau Vollzeit und mehr, meinem Vater geht es genauso am Bau. All das, um bald ein ganz eigenständiges Leben führen zu können. Abseits von dem Haus, in dem wir lebten, zahlten wir uns alles selbst. Welcher Österreicher finanziert bitte unser Leben? Sie ruft mich ins Haus. „Emir, was hast du der Oma erzählt?“, fragt sie mich vor Aufregung schwer atmend. Ich: „Alles, was wir haben, haben wir von Gott.“ Meine Mutter beginnt zu lachen und sagt: „Ach Oma, Gott heißt Bog!“

 

*Anmerkung: "Svabo/Schwabo" ist im ehemaligen Jugoslawien eine umgangssprachliche Bezeichnung für Deutschsprachige. Meist abwertend oder heiter-ironisch verwendet. "Svabo" ist damit sozusagen das Gegenstück zu "Tschusch" oder "Jugo".

 

 

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