Israel/Palästina: Auf der ewigen Suche nach dem Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.

09. Oktober 2023

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©Cole Keister/Unsplash

Inmitten der jüngsten Eskalation im langanhaltenden israelisch-palästinensischen Konflikt wird – nicht nur auf offizieller Ebene durch Politiker:innen europäischer Regierungen, sondern auch vor allem auf Social Media – ordentlich Farbe bekannt: Sei es mit der israelischen, oder der palästinensischen Fahne. Man könnte fast meinen, es ginge um ein Fußballspiel – doch die Realität dieses Krieges verlangt ein deutlich vielschichtigeres Verständnis dieser Parteien: Es gibt so gesehen keine Gewinner und keine Verlierer.

Egal, auf wessen Seite man sich schlägt, birgt das problematische Assoziationen: Schlägt man sich auf die Seite der Palästinenser, wird einem prompt unterstellt, offen eine brutale radikal-islamistische Terrororganisation und ein Volk mit einem Holocaustleugner an der Spitze zu unterstützen und demnach ein Antisemit zu sein. Stellt man sich gegen sie, kann das im Umkehrschluss nur bedeuten, man billige einen rechtsnationalen Apartheid-Staat, der systematisch Menschen unterdrückt und seit Jahrzehnten in die Vertreibung drängt und in der Staatenlosigkeit gefangen hält. Es stellt sich die Frage: Kann man in einem so komplexen Konflikt, der sich seit über 50 Jahren zuträgt, und in dem es immer wieder zu massiven Grenzüberschreitungen und Gewalt auf beiden Seiten kam, überhaupt eine „gute“ Position beziehen? Wer sind am Ende des Tages die „Guten“ und wer die „Bösen“?

Auf der ewigen Suche nach dem Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat, wird vor allem übersehen, dass in diesem Moment tausende unschuldige Menschen Leid erleben, unabhängig davon, auf welcher Seite sie geboren wurden. Seit wann ist es in Ordnung, die Existenzberechtigung eines Volkes als Freifahrtschein für die Vernichtung eines anderen Volkes herzunehmen? 

Als Tochter eines Palästinensers muss ich offen sagen: Ja, es gibt ein Problem mit einem radikalen Antisemitismus in der arabischen Community, der durch die Entwicklungen im Konflikt von Israel/Palästina selbstverständlich immer wieder aufs Neue entfacht wird: Zionismus und Judentum werden zu oft fälschlicherweise gleichgesetzt. Und die Hamas, die nach wie vor in vielen Ländern der Welt zurecht als Terrororganisation gilt, ist eine mehr als unmenschliche Vertretung der Interessen der Palästinenser. Oft stoße ich im Internet auf fraglichen Content, in dem die Aktionen der Hamas als „göttliche Aufgabe“ im Sinne des Islams präsentiert werden. Dem propagandistischen Märtyrerkult um Hamas-Terroristen muss endlich ein Ende gesetzt werden. Gleichzeitig bin ich mir des Traumas der Palästinenser im Inneren bewusst – sie haben ein Recht auf eine Erinnerungskultur und ein Leben in Würde verdient – von beidem sind sie noch nie weiter entfernt gewesen. Ihre Verluste und Schmerzen haben keinerlei Bedeutung in der öffentlichen Aufmerksamkeit, sondern werden ebenfalls als antisemitisch und falsch abgestempelt. Letztlich trägt auch die internationale Gemeinschaft, die in vielen Sachen unzureichend vermittelt hat und jahrzehntelang verpasste, eine Radikalisierung der Palästinenser zu verhindern, Mitschuld an den heutigen Zusammenstößen. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung im Palästinensergebiet liegt übrigens bei knapp 20 Jahren – also fast halb so hoch wie das Durchschnittsalter in Österreich. Die vielen jungen Menschen in diesem Gebiet fristen ein perspektivenloses Dasein und haben dabei nicht einmal entfernt die Anfänge dieses Konflikts miterlebt. Diese jungen Menschen sind der Unterdrückung von außen, und der Propaganda nach innen also für die kommenden Generationen ausgeliefert – wohl weiterhin ohne Aussicht auf Frieden und Gedeihen. Wenn ich die Nachrichten aus Israel/Palästina lese, blutet mir einfach das Herz. Für alle Beteiligten. 

 

 

 

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Kommentare

 

Warum hat man bei dieser Regierung Angst das die auf die Idee kommt den Palästinensern der Hamas hier Asyl zu gewähren um Frieden in Israel zu schaffen?

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