Karadžić: Ein Monster meiner Kindheit ist tot

24. März 2016

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Karadzic im Gericht
Foto: Creative Common (CC by 2.0) - Link: http://bit.ly/1S8wyzI

Heute steht einer meiner größten Kindheitsschrecken vor Gericht. Der ehemalige Präsident der Republika Srpska erhält heute seinen Urteilsspruch im Zusammenhang mit der Belagerung Sarajevos, dem Völkermord in Srebrenica und der Geiselnahme von UN-Blauhelmen. Während für mich damit ein großes Kapitel in der Aufarbeitung des Balkan-Krieges endet, ist Karadžić für viele Menschen unangenehme Realität.


Es ist Anfang der neunziger Jahre. Samstags um sieben Uhr werde ich aus dem Schlaf gerissen. Meine Eltern sitzen im Wohnzimmer und hören die neuesten Meldungen mitten aus dem Kriegsgebiet Bosnien. Wegen des schlechten Empfangs wird der Regler auf maximale Lautstärke gedreht und eine Mischung aus Krächzen und Rauschen weckt uns Kinder unsanft aus dem Schlaf. Wochenenden waren in meiner Kindheit immer Tage schlechter Nachrichten.

Auch ich setzte mich zu meinen Eltern. Die Namen „Karadžić, Mladić, Milošević“ tauchen immer wieder auf, jedes Mal fängt insbesondere mein Vater lautstark an sie, ihre Mütter, Frauen, Väter, Kinder und überhaupt die gesamte serbische Nation zu verfluchen.

Wenn Monster zur Antwort werden

Ich verstand den Hass meiner Eltern nicht. Noch weniger konnte ich begreifen, was ihre Familien und ihre Länder mit dem ganzen Krieg zu tun haben. Klar war aber, dass diese drei Männer für meine Eltern Monster waren. Für mich sollten diese Männer in den folgenden Jahren auch zu Antworten werden.

Fragte ich nach Srebrenica und nach den 8.000 ermordeten Buben und Männern,  waren Karadžić und Mladić die Ursache. Wollte ich mehr zur Belagerung Sarajevos erfahren, kam Karadžić als knappe Antwort. Und überhaupt erklärte der Name Milošević alles, weil er derjenige war, der einen großserbischen Staat plante.

Mit der Zeit verwandelten sich diese Namen ebenso in Monster. Sie krochen unter mein Bett und versetzten mich in Schrecken, hielten mich wach und bestimmten meine Erinnerung und lange Zeit auch meine Haltung gegenüber dem serbischen Volk. „Karadžić, Mladić, Milošević“ – sie waren die Monster, die mich lange Zeit von meinen Großeltern trennten, uns unser Haus genommen hatten und uns zu Flüchtlingen machten.

Die Monster leben weiter

Heute ist alles anders. Die Monster unter dem Bett meiner Erinnerung habe ich vertrieben. Durch Gespräche mit Serben und Kroaten und durch das Hinterfragen der sogenannten „bosniakischen Erinnerungspolitik“. Mladić ist gefasst und Milošević tot. Das letzte meiner Monster, Karadžić, steht in diesen Minuten kurz vor dem Urteil eines achtjährigen Gerichtsverfahrens. Das Urteil wird höchstwahrscheinlich eine lebenslange Haftstrafe sein. Die Monster aus meiner Kindheit verblassen zunehmend.

In Bosnien sind meine Monster aber noch mehr lebendig und finden immer wieder neuen Nährboden. Gerade erst vor ein paar Tagen wurde ein Studentenheim nach Karadžić benannt, um jenen Mann zu ehren, der die Republika Srpska ermöglicht hatte. So die Argumentation von Milorad Dodik, dem derzeitigen Präsidenten der Republika Srpska.

Auch auf den sozialen Medien kann man das ungebrochene Vertrauen in Karadžić mancher Menschen am Balkan beobachten. Bereits im Vorfeld der Urteilsverkündung des bosnischen Serbenführers war Solidarität zu beobachten. Unter dem Hasthag #jesuisradovan zeigen sich immer mehr Menschen mit dem ehemaligen Präsidenten der Republika Srpska und seiner Politik verbunden. Auf dem Bild unterhalb findet ihr ein Beispiel dafür. Das Bild ist in den Farben der serbischen Flagge gehalten und zeigt Radovan Karadžić im Hintergrund. Oberhalb der des Hashtags #jesuisradovan steht in kyrillsicher Schrift "Auch ich bin Radovan".

#jesuisradovan
Screenshot: Twitter

Das sind aber nur ein paar Beispiele von vielen. Auch auf bosniakischer und kroatischer Seite werden Monster nach wie vor geehrt und verehrt. Was ich als Kindheitserinnerung abgelegt habe, ist für die meisten Menschen am Balkan nach wie vor bittere Realität.

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