Künstlerin Katrina Daschner: „Das Fluide beschäftigt mich in allem.“

20. Oktober 2022

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Katrina Daschner, Pferdebusen, 2017, Filmstill, Courtesy die Künstlerin

Es ist ein wilder Mix aus Glitzer, Camp, Fantasie und Traumwelten – und auch eine Prise Trash darf nicht fehlen: Die Schau „Burn & Gloom! Glow & Moon!“ in der Kunsthalle Wien Museumsquartier ist die bisher umfassendste der Künstlerin Katrina Daschner. 

In der Kunsthalle Wien Museumsquartier lässt die gebürtige Hamburgerin und Wahlwienerin Katrina Daschner die Betrachter*innen in eine schaurig-schummrige Welt eintauchen, mit Arbeiten aus rund 20 Jahren künstlerischer Praxis. Es geht mitunter um das maximale Ausreizen und Überschreiten von Grenzen – die des eigenen Körpers, der Sexualität, der (Selbst-)Wahrnehmung, und auch der Grenzen zwischen verschiedenen Spezies, die in der einen oder anderen Arbeit auch zu einem Organismus werden können. 

Beim Betreten des Hauptteils der Ausstellung passiert man eine mit Zacken versetzte Anspielung auf eine Vagina Dentata – also einer zahnbestückten Vagina, die in vielen mythologischen Auslegungen für die Unzähmbarkeit des weiblichen Körpers steht, sowie auch in der Psychoanalyse die Gefahr der männlichen Kastrationsangst bedient. „Für manche ist es eine Barriere, für andere eine Initiation“, so Katrina Daschner beim Rundgang durch die Ausstellung. Das Objekt erkennt man in der Videoarbeit „Pferdebusen“ (2017) wieder, in der eine Performerin amazonenhaft durch die Öffnung schreitet.

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Katrina Daschner, POMP, 2020, Filmstill, Courtesy die Künstlerin

Textiles als Erweiterung des Körpers

Katrina Daschners große Faszination für alles Stoffliche kommt aus einer Leidenschaft für Textilien. Sie lernte als Kind schon von ihrer Großtante sticken. „Meine Großtante, die überhaupt nicht konservativ war, machte nie klassische Dekoarbeit, sondern stickte frei entworfene, sehr abstrakte Formen.“ Nicht verwunderlich ist es, dass Daschner in den frühen 90ern eine Herrenschneiderlehre in der Staatsoper Unter den Linden in Berlin begann. „Das war eine sehr aufregende Zeit. Damals gab es in den vielen besetzten Häusern jede Woche an einem Abend ein neues Motto, nach dem sich die Leute dort verkleidet haben und wonach mit großem Aufwand auch alles passend hergerichtet war. Aber ich konnte eigentlich nur selten daran teilnehmen, denn für meine Schneiderlehre musste ich um Viertel fünf Uhr morgens beginnen. Ich ging zur Arbeit, wenn alle anderen nachhause gingen. Insofern war die Lehre nicht kompatibel, so dass ich sie nach eineinhalb Jahren abbrach“, erinnert sie sich zurück. 

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Katrina Daschner, Burn & Gloom, Glow & Moon, 1999–2022, Courtesy die Künstlerin

Die gehäkelten Masken in Collagen wie „Untitled (Häkelzunge)“ aus dem Jahr 1999 fungieren als textile Verlängerung des eigenen Körpers – die Stoffe sind eine zweite Haut, eine Hülle oder auch ein Transportmittel, die Zuhälter genannt werden. „In den letzten zehn Jahren hat sich die Bewertung von ‚klassisch weiblichen‘ Kunstformen wie Handarbeiten stark verändert. Auch in meiner eigenen Geschichte habe ich solche Arbeiten lange nicht als relevant betrachtet – früher dachte ich noch, das Textile darf ja nicht im Vordergrund stehen, denn dann landet man sofort in einer Frauenkunst-Schublade. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich hierbei missverstanden werden könnte. Von dieser Denkweise habe ich mich wohl auch emanzipiert, nun sehe ich in der Ausstellung, dass mich das sehr wohl schon früh geprägt hat“, so Katrina Daschner. Die pinken Zuhälter stehen für eine Anwesenheit des Anderen, und erweitern die genderspezifischen Grenzen des Körpers, je nach Platzierung. Das Gefühl der Geborgenheit im eigenen Körper wird in Frage gestellt. Fotografiert wurden sie analog mit einer Yashika T5 und in Collagen zusammengefügt – ähnlich wie die Serie „Trust in me“ (2000), in der Daschner in verschiedene Rollen schlüpft und Pärchenfotos nachgestellt, die ästhetisch gesehen aus einem B-Movie stammen könnten. „Das war eine Form der fiktiven Partnerschaft mit mir selbst. Ich finde diese Arbeiten ja sehr uneitel“, gibt die Künstlerin mit einem Lachen zu. 

Queerness außerhalb von Theorien

Seit Beginn ihrer künstlerischen Arbeit stellt Daschner Genderrollen dezidiert in den Vordergrund – und trifft mit der queeren Thematik gerade heute einen Nerv. Die Einordnung in den aktuellen Genderdiskurs passierte mehr von außen, indem etwa Kurator*innen ihre Arbeiten in einen theoretischen Kontext setzten. „Für junge Künstler*innen heute stelle ich es mir zeitlich herausfordernd vor, wenn man mit 20 Jahren auf die Uni kommt und einerseits der theoretische Überbau riesig ist, und man andererseits noch eine eigene künstlerische Praxis entwickeln möchte. Das Studium ist heute um einiges verschulter, natürlich ist das auch positiv, da man seinen Blick wesentlich schneller erweitern kann als früher.“ 

Daschner selbst erlebte ihr Kunststudium als großen, experimentellen Raum, in dem sie die ersten zehn Jahre mit ihrem eigenen Körper arbeitete, bevor sie mit vielen anderen Menschen an Konzepten gearbeitet hat. Etwa mit der Darstellerin Hyo Lee, die in der Videoarbeit „Perlenmeere“ (2016) in einer surrealen Traumszenerie, wie aus einer Unterwasserwelt, die Protagonistin ist. Sanft treibende Quallen, Korallen, Wasserpflanzen, pulsierende Poren und Zellen verschmelzen filmisch mit Haut, Haar, Augen und ergeben ein visuell eindrucksvolles, organisches Gesamtbild, das man mit den Augen förmlich berühren kann. „Eine Performanz oder eine Protagonistin, die aus all diesen Facetten besteht. Dieses Fluide beschäftigt mich in allem, nicht nur was Geschlechterrollen und Körper angeht, sondern auch bei Genres und skulpturalen Sachen. Der Schaum im Video hatte etwas total Skupturales – meine Assoziation war z.B. ein Frauenkörper, der sich sexuell bewegt. Aber diese gedanklichen Freiräume, die jede Betrachterin füllen kann, sind mir sehr wichtig. Das ist der Unterschied zu Arbeiten, die streng geskriptet sind. Man kann an beliebiger Stelle in den Videos einsteigen, und es ergibt sich ein Loop für den Betrachter.“

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Katrina Daschner, Hiding in the Lights, 2013, Filmstill, Courtesy die Künstlerin / sixpackfilm

Schillernd und traumhaft

„Hiding in the Lights“ (2020) ist ein Langfilm, der aus acht zusammengefügten Teilen einer queeren Filmserie besteht, die zwischen 2012 und 2020 entstanden sind. „Pferdebusen“ und „Perlenmeere“ sind Teile dieses Langfilms. Lose basieren sie auf Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“, in der sich ein heterosexuelles Ehepaar, das schon lange zusammen ist, von ihren intimen Fantasien erzählt. „Was mich an der Traumnovelle so fasziniert hat, war die Art des Schreibens und diese extrem visuelle Bildsprache. In der Vorlage finde ich es sehr spannend, dass nicht immer klar ist, ob es sich um die Realität handelt oder alles in der Fantasie spielt. Die Filmversion von Kubrick fand ich ja viel zu konkret“, sagt Katrina Daschner.

Diese und mehr Arbeiten aus Katrina Daschners künstlerischem Schaffen sind noch bis zum 23. Oktober in der Kunsthalle Wien Museumsquartier zu sehen.

Performance: Am 21. Oktober gibt es eine exklusive Performance von Stefanie Sourial & Hyo Lee: „Colonial Cocktail“. Anmeldung ist unter besucherservice@kunsthallewien.at erforderlich.

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