Warum meditieren wir Rassismus nicht einfach Weg?

14. August 2020

Willkommen im Happyland der Influencer*Innen!

Als Online-Aktivistin habe ich schon viele Plattformen und Accounts entdeckt, die ich fragwürdig fand und kritisiert habe. Ich hätte mir jedoch niemals gedacht, dass ich nach 21 Jahren endlich in das Happyland von weißen Bobo-Influencer*Innen, die stundenlang über ihre Zimmerpflanzen und Bio-Karotten reden könnten, eintreten würde. Und vielleicht wäre es besser gewesen, wenn mir das erspart geblieben wäre. Aber na gut, da wir jetzt schon hier sind – warum nicht gleich uns damit befassen?

Aktivismus für Anerkennung und Likes

Mit dem brutalen Mord von George Floyd und den daraufhin entstandenen internationalen Black-Lives-Matter Demonstrationen ist ein neuer Begriff im Internet entstanden: Performativer Aktivismus. Dieser bezeichnet „Aktivismus“ der ausgeübt wird, um sich selbst so gut wie möglich zu inszenieren, ohne wirklich Interesse an der Problematik zu haben. Die Person interessiert sich also mehr für die eigene Anerkennung. Wir kennen wahrscheinlich alle einen Menschen, der auf der BLM-Demo war, aber trotzdem das N-Wort bei Liedern mitsingt oder einfach nur eine Instagram-Story von der Demo posten wollte. Interessant war zu diesem Zeitpunkt zu sehen, wie öffentliche Personen wie Influencer*Innen oder Celebrities reagiert haben. Viele bekannte Influencer*Innen, auch österreichische, haben aus sozialem Druck heraus ein schwarzes Bild mit einem weißen „Black Lives Matter“-Schriftzug gepostet; ein Dikso auf den Mund mit der Aufschrift „I can’t breathe“ geklebt oder haben klassisches Blackfacing gemacht und haben sich entspannt zurückgelehnt. Genug Anti-Rassistischer Aktivismus für die nächsten 10 Jahre, oder?

Performativer Aktivismus

Fetischisierung, positiver Rassismus und Mobbing

Nein, es ist tatsächlich nicht genug. Während von Rassismus-Betroffene Influencer*Innen und Personen mit einer großen Reichweite darum gebeten haben, über die Vorfälle in den USA und generell über strukturellen Rassismus zu sprechen, wurde diese Situation anders gehandhabt. Stattdessen schreibt Charlotte Weise, Bloggerin auf Instagram mit über 120 Tausend Follower*Innen und selbsternannte und überzeugte Anti-Rassistin, folgende Zeilen auf ihrer Story: „Ich habe meine Tante schon immer für ihre Hautfarbe beneidet und fand schon immer Schwarze Babys süßer, als helle.“ Charlotte ist in diesem Moment vermutlich der Überzeugung, dass sie durch die Fetischisierung von Schwarzen Babies offiziell frei von Rassismus ist. Aber Fetischisierung von Schwarzer Kultur, Schwarzen Babies und Schwarzer Musik bedeutet lange nicht, dass man anti-rassistisch ist. Im Gegenteil, positiver Rassismus (wie beispielsweise die automatische Annahme, dass alle Schwarzen Personen tanzen können) ist trotzdem Rassismus. Man reproduziert weiterhin Stereotype. Auf Kritik reagiert die Bloggerin sensibel: Anstatt den Rassismusopfern in ihren DMs zuzuhören und ihre Kritik wahrzunehmen, werden alle Personen, die Charlotte auf ihre Fehler aufmerksam machen, eiskalt blockiert. Im nächsten Moment behauptet Charlotte Weise in ihrer Instagram Story, dass sie gemobbt wird. Wir sprechen hier von klassischer Täter-Opfer-Umkehr. Natürlich ist es gemütlicher, sich als Opfer zu positionieren, anstatt seine eigenen Privilegien und seine Ignoranz zu hinterfragen. Ihre hauptsächlich weiße Follower*Innenschaft solidarisiert sich mit der Bloggerin und bedankt sich für ihre anti-rassistische Arbeit. Wenige Tage später postet sie einen Instagram-Post mit der Aufschrift „Zuhören“. „Eine große Forderung der BIPoC-Community an weiße Menschen, wie mich, ist es zuzuhören und sich selbst zu reflektieren! Und das habe ich getan.“, schreibt die Influencerin selbstbewusst. Mehr Schein als Sein. Denn die meisten wissen natürlich nicht, dass Charlotte Hunderte Leute auf ihre Blockierliste gesetzt hat, obwohl diese sie teilweise höflich und sachlich kritisiert haben.

Gewaltfreie Kommunikation, wenn es um Rassismus geht?

Jana Klar, eine weitere Influencerin aus Österreich, postete während den BLM-Protesten ihren wöchentlichen BIO-Einkauf und reagierte erst später auf den Druck. Schlussendlich war auch bei ihr der performative Aktivismus nicht zu übersehen. Jana filmte sich selbst während sie sich das Hörbuch „Exit Racism“ von Tupoka Ogette anhörte – dabei flossen ihr Tränen. Weinen wird Rassismus nicht bekämpfen und schon gar nicht, wenn man sich als weiße Frau durch das Vergießen von Tränen in den Mittelpunkt drängt und den eigentlichen Fokus außer Acht lässt. Ich kritisiere daraufhin Jana Klar selbst auf meiner Plattform und im privaten Chat. Sie reagiert und erzählt mir, wie sehr die Kritik sie doch verletzt habe und bringt sich, genauso wie Charlotte, in die Opferrolle. Zu dem Zeitpunkt ist es nach Mitternacht und ich nehme mir die Kraft und Motivation um Jana Klar so einfach und gut wie möglich zu erklären, warum sie nicht nur Betroffenen zuhören muss, sondern was sie auch ändern kann. Nach einer halben Stunde intensiver aufklärerischer Arbeit, werde ich von Jana blockiert. In ihrem weiteren Posting meint die Influencerin, dass gewaltfreie Kommunikation wichtig ist, wenn man Menschen auf Fehler aufmerksam machen möchte. Wir fühlen uns verarscht. Betroffene von Rassismus sollen ihren Schmerz und ihre Erfahrungen bitte gewaltfrei kommunizieren. Ich denke mir: „Danke weiße Frau, bitte erzähl uns doch mehr, wie wir Rassismus bekämpfen sollen.“

Bobo-Lifestyle und die rosa-rote Brille

Alle diese Bobo-Influencer*Innen haben eines gemeinsam: Sie predigen Meditation, Minimalismus, Veganismus – alles Werte und Lebensstile, die ursprünglich aus anderen nicht-weißen Kulturen stammen. Während diese weißen Influencer*Innen also Profit mit der Kultur von BIPoC machen und sich eine Marke gründen, bringen sie gleichzeitig BIPoC zum Schweigen, ignorieren ihren eigenen internalisierten Rassismus und sind nicht bereit über ihre Privilegien zu reflektieren. Sie halten rassistische Strukturen weiterhin aufrecht. Ich werde wieder einmal erinnert, dass Social Media teilweise nur Performance ist – eine Show - man will sich im besten Licht präsentieren. Ja, es ist verdammt nochmal ungemütlich sich Fehler einzugestehen – aber diese Verantwortung trägt man nun mal als öffentliche Person mit einer riesigen Reichweite. Solche Bobo-Influencer*Innen schaden der anti-rassistischen Debatte, in dem sie sich als anti-rassistisch betiteln und dabei gleichzeitig positiven Rassismus ausleben und nicht mal in der Lage sind, das geringste zu tun: Betroffenen zuzuhören.

„Ach, sei doch nicht so negativ!“

Toxische Positivität ist ein Teil dieser Community. Toxische Positivität ist der Glaube, dass man mit positiver Einstellung alles besiegen kann – dadurch entkräftet man natürliche menschliche Emotionen wie Wut oder Trauer. In diesem Kontext wird die Wut, die Trauer und die Hoffnungslosigkeit von BIPoCs abgesprochen. Polizeigewalt, Sexismus und andere Diskriminierungsstrukturen können nicht durch Positivität bekämpft werden. Die Wut derer, die von Polizeigewalt und Rassismus betroffen sind, ist legitim. Personen, die von diesen Diskriminierungen nicht betroffen sind, sind in keiner Position Rassismusopfern vorzuschreiben, wie sie zu kommunizieren oder zu protestieren haben. Auch wenn man auf Instagram mehr dazu tendiert süße Katzenfotos und sein selbstgekochtes Essen zu teilen, kann diese Plattform auch für aktivistische Zwecke genutzt werden: Mittlerweile kann man mit einer bestimmten Reichweite etwas bewirken. Mit über 100 Tausend Follower*Innen kein einziges Wort über Polizeigewalt zu verlieren, bis man dazu fast gezwungen wird, zeigt einfach von Ignoranz und wie der gesamte anti-rassistische Diskurs wie ein Accessoire herumgetragen und präsentiert wird.

Diese Wut ist legitim

Polizeigewalt beendet man nicht, in dem man Polizist*Innen Blumen in die Hand drückt und sie ganz lieb bittet, Schwarze Personen nicht umzubringen. Institutioneller Rassismus wird nicht durch einmalige Instagram-Stories oder wortlosen BLM-Postings beendet. Achtung. Es wird jetzt ungemütlich. Solange Rassismus existiert, werden nicht-Betroffene von der Diskriminierung und Unterdrückung anderer profitieren - egal ob anti-rassistisch oder nicht. Die Aufgabe von weißen Verbündeten ist nicht nur das aktive Zuhören, sondern auch die Aufgabe, mit rassistischen Familienmitgliedern und Freunden zu reden, selbst über seinen internalisierten Rassismus zu reflektieren und rassistischen Aussagen und Handlungen niemals Raum zu bieten.

 

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Kommentare

 

Von einer Gartenzeitschrift erwarte ich, dass keine diskriminierenden Aussagen kommen, aber nicht, dass Themen wie Diskriminierung/Rassismus behandelt werden, ebenso in der volkstümlichen Musik, wo es hauptsächlich um Berggipfel oder so geht.
Wenn Influencer, warum auch immer die so heißen, ihr Kerngeschäft verlassen, nämlich die oberflächliche Inszenierung ihrer selbst, gefährden sie ihr Marketingkonzept.
Von so jemandem zu erwarten oder zu verlangen, klare (gesellschafts)politische Statements abzusondern, nur weil sie auch im Internet präsent sind und "follower" haben, halte ich für ähnlich unrealistisch.

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