Spiel mir das Lied von Zuhause

09. Juli 2014

Sacha und Jacky wurden als Kinder von Zuhause weggeschickt, um in Wien große Klassik-Stars zu werden. Sie sind in Pflegefamilien aufgewachsen und haben täglich stundenlang Violine geübt, um den Erwartungen ihrer Eltern gerecht zu werden.

Von Stefan Posch und Amelie Chapelain und Christoph Liebentritt (Fotos)

 

„Vor einiger Zeit hätte ich gar nicht darüber reden können, ohne in Tränen auszubrechen“, sagt die 29-jährige Musikerin Ja Kyoung Kim beim Treffen in einer Weinbar. Auch wenn sie gefasst redet, merkt man Jacky – so wird sie in Wien genannt – an, wie nahe das Thema der Südkoreanerin geht. „Warum setzt man ein Kind in die Welt, wenn man es mit sechs wieder wegschickt?“, diese Frage begleitet die freischaffende Musikerin schon seit ihrer Kindheit.

 

Mütterträume

Ihre Mutter ist in Südkorea Pianistin. Den großen Durchbruch schaffte sie aber nie. Ihrem Kind solle es da besser gehen. Jacky wurde mit sechs Jahren zu ihrer Tante nach Wien geschickt. Damals galt ein Musikstudium in Österreich als besonders schick. Nach nur einem Jahr ging die Tante wieder zurück nach Korea, um zu heiraten. Um den Traum nicht platzen zu lassen, fanden die Eltern eine andere Lösung: Jackys Geigen-Lehrerin, Ulla Schulz, war bereit das damals siebenjährige Kind in Pflege zu nehmen. Jacky war das dritte Pflegekind der Familie und das fünfte neben ihren zwei leiblichen Kindern. Heute sind alle Musiker.

 

Ob sie in eine andere Familie möchte, wurde die junge Südkoreanerin nie gefragt. „Ich sagte auch nie, dass ich das nicht will“, meint sie heute, „das war die Entscheidung meiner Eltern, die ich akzeptierte.“ Das Heimweh war für sie anfangs fast nicht auszuhalten. „Die Mutter wollte unbedingt, dass ihre Tochter Solistin wird. Schon damals sagte ich ihr, dass Jacky nicht der Typ dafür ist“, sagt Ulla, Jackys Pflegemutter. Sie war eine bekannte Geigenpädagogin und unterrichtete auf der Musikuniversität. Der Pflegevater Wolfgang Schulz war der beste Flötist in Wien und Solist bei den Wiener Philharmonikern.

 

Für Pflegemutter Ulla war Jacky sofort wie ihr eigenes Kind: „Wir hatten von Anfang an eine Mutter-Tochter-Beziehung.“ Auch heute noch kann Jacky mit ihrer Pflegemutter alles besprechen. „Ich hatte sehr viel Glück. Ihr war es wichtig, dass ich glücklich bin. Meine leibliche Mutter interessierte vor allem, dass sie mir einmal meinen Geigenkoffer bei den Tourneen nachtragen kann“, erklärt Jacky. Heute sei sie eigentlich froh, dass sie nach Wien geschickt wurde. In Südkorea hätte sie eine noch härtere Kindheit gehabt. „Eigentlich gehe ich gar nicht so gerne zurück nach Korea. Alle zu Hause wissen, dass ich früh nach Wien gegangen bin, um Geige zu lernen. Die Erwartungshaltung ist enorm“, erklärt Jacky den Druck. Dass die Familie viel für die Karriere der Tochter geopfert hat, bekommt sie oft zu hören.

 

Jacky kam als Kind nach Wien, um Violine zu lernen. Wunderkinder aus dem Ausland

Mit elf besuchte Jacky einen Vorbereitungslehrgang der Musikuniversität. „Da fühlte ich mich schon alt“, erklärt sie den Leistungsdruck in der Klasse. „Es gab Kinder unter zehn, die schon weiter waren als ich.“ Vor allem Kinder aus Asien und Osteuropa waren unter diesen Wunderkindern. Einige von ihnen sind ganz jung nach Wien gekommen, um hier ein Instrument zu lernen. Viele sind mit ihren Familien nach Österreich gezogen. Andere waren in Internaten oder manchmal in Pflegefamilien, wie Jacky, untergebracht.

 

Fast die Hälfte der Studenten auf der Universität für Musik und darstellende Kunst sind Ausländer. Im Konservatorium ist die Quote noch höher. Auch die Wiener Spitzenorchestren können ihr Niveau längst nicht mehr allein mit österreichischen Musikern halten. Die Wiener Philharmoniker etwa haben Mitglieder aus 16 Nationen. 

 

Bloß niemanden enttäuschen

Nicht nur einmal wollte Jacky das Violinspiel schmeißen, denn die Geige sah sie als Grund für die Trennung von ihrer Familie. „Zu verkrampft war sie“, meint ihre Pflegemutter und ehemalige Lehrerin. Nach der Matura am Musikgymnasium inskribierte sie Medizin; nicht aus Interesse. „Eine Ärztin als Tochter. Das wäre das Einzige gewesen, was meine Mutter noch akzeptiert hätte, wenn ich nicht Musikerin geworden wäre“, erzählt Jacky. Nach nur zwei Wochen schmiss sie das Studium. „Ich habe mir gedacht, bevor ich das alles lerne, übe ich lieber Geige.“

 

Vor ein paar Jahren spielte sie mit einem Ensemble auf einem Festival in Südfrankreich. Jacky war so stolz, dass sie ihre Mutter aus Südkorea einlud. Doch von Stolz war bei dieser nichts zu bemerken. Nach dem Konzert durfte Jacky nicht einmal ein Glas Wein mit ihren Kollegen trinken und wurde gleich ins Bett geschickt. Disziplin fehle ihr. Deswegen sei sie auch nicht Solistin geworden, sagte ihre Mutter damals. „Sie behandelt mich immer noch wie ein Kleinkind. Es ist so, als wäre ich immer noch sechs“, erklärt Jacky ihre schwierige Beziehung zu ihrer leiblichen Mutter. Vorwerfen will Jacky ihr trotzdem nichts. Sie hätte ja nur das Beste für sie gewollt.

 

Stolz auf Jacky ist hingegen ihre Pflegemutter Ulla: „Sie ist eine ausgezeichnete Ensemble-Musikerin geworden und ist ein ganz toller Mensch“, freut sich die Pensionistin. „Mir war bei allen meinen Kindern wichtig, dass sie auch Interessen außerhalb der Musik entwickeln“, erklärt sie, „Ich bin keine, die die Kinder mit der Peitsche zum Üben bringt.“

 

Russischer Drill und Wiener Wohlbehagen

Die russische Französin Alexandra Soumm hat den großen Durchbruch als Sologeigerin geschafft. Sacha – wie sie sich nennt - spielt etwa 50 Konzerte im Jahr in den renommiertesten Konzerthäusern weltweit. Ihr Vater und erster Lehrer, ein russischer Geiger, der in einem Orchester in Montpellier spielt, war hart und streng. Für ihn gab es auch nur einen Weg für Sacha: Sologeigerin. Um seiner hochtalentierten Tochter den richtigen Schliff zu geben, kam für ihn nur ein Lehrer in Frage: Professor Boris Kuschnir. Er unterrichtet am Wiener Konservatorium, gilt in der Musikwelt als Schmiede für Sologeiger und ist ein Vertreter der berüchtigten russischen Violinschule, bei der eine makellose Technik im Vordergrund steht.

 

Bis sie zwölf war jettete Sacha zwischen Frankreich und Wien, um Stunden bei Kuschnir zu nehmen. Dann zog sie nach Wien. Die ersten zwei Jahre verbrachte Sacha im Haus des Professors. „Er war wie mein Vater“, sagt die heute 25-Jährige, „Auch sehr streng. Manchmal weckte er mich mitten in der Nacht, um mich Geige spielen zu lassen.“ Methoden, die gerade in Russland nicht ungewöhnlich sind. Über längere Sicht wäre es aber nicht gut gewesen bei ihrem Lehrer zu leben, meint sie. Deswegen suchte sie nach Alternativen.

 

Sacha ist heute eine international gefragte Geigerin. Über einen Kollegen erfuhr der Hornist Volker Altmann, dass Sacha eine Familie suchte. Kurz davor hatte sie den Eurovision-Young-Musicians-Wettbewerb gewonnen, einer der bedeutendsten internationalen Musikwettbewerbe. Nach einer zweiwöchigen Probezeit nahm die Familie Altmann die junge Musikerin auf. „Ich war sofort hin und weg von der Sacha. Nicht nur von ihrem unglaublichen Geigenspiel, sondern auch von ihrer Persönlichkeit“, sagt der pensionierte Philharmoniker heute. Die drei eigenen Kinder waren schon ausgezogen und Platz hatten sie im mondänen Haus in Währing genug.

 

Auch für Sasha war die Familie Altmann ein Glücksfall. „Meine Eltern haben mich nie gefragt, wie es mir geht. Von ihnen gab es natürlich viel Druck“, sagt die Geigerin, „Bei den Altmanns war das ganz anders. Sie interessieren sich für mich.“ Pflegemutter Marika erklärt die unterschiedliche Herangehensweise so: „Nach einem Konzert sagen wir ihr, wie toll es war. Von ihren leiblichen Eltern bekommt sie nur zu hören, was ihnen nicht gefallen hat. Das geht so weit, dass ihr Vater einmal sagte, dass sie zu dick sei.“

 

Ein offenes Haus der Musik

Marika war es auch, die Sacha zeigte, dass nicht nur Musik wichtig im Leben ist. „Marika ist eine Philanthropin“, sagt Sacha, „Als ich in ihr Haus zog, kam immer wieder ein Obdachloser vorbei, der Geld und was zu essen bekam.“ Daneben unterstützt die Familie Altmann zahllose Hilfsorganisationen. Diese Vorbildwirkung veranlasste Sacha auch Menschen helfen zu wollen. Zusammen mit zwei Freundinnen gründete sie 2012 die Charity Foundation „Esperanz'Arts“. Mit ihren Kolleginnen veranstaltet sie Konzerte in Krankenhäusern, Gefängnissen und für Obdachlose. „So viele Menschen haben mir so viel gegeben. Meine Eltern, die Familie Altmann, mein Lehrer. Ich habe das Gefühl, etwas zurückgeben zu müssen“, erklärt sie.

 

Heute lebt Sacha in Paris, kommt aber öfter nach Wien, um ihren Abschluss zu machen. „Danach werden wir die Sasha nicht mehr so oft sehen“, meint ihre Gastmutter Marika etwas wehmütig. Dem wiederspricht die junge Musikerin: „Natürlich werde ich sie immer in meinem Herzen haben und sie besuchen. Sie sind für mich meine zweiten Mama und Papa.“

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