Wir Kinder vom Stadtpark

08. September 2022

Speed, Heroin, Crystal Meth, Prostitution und Obdachlosigkeit gehören zu ihrem Alltag, dabei sind sie teilweise erst 14 Jahre alt. Sie sind durch alle sozialen Netze gefallen, ihre Zuflucht finden sie im Rausch: Wiens vergessene Kinder, die von der Gesellschaft längst aufgegeben wurden und selbst keine Zukunft mehr sehen.

Von Aleksandra Tulej und Dennis Miskić, Mitarbeit: Daria Abed-Navandi, Fotos: Zoe Opratko

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©Zoe Opratko
Achtung: Drogenkonsum kann langfristige Schäden auf deine Gesundheit und Psyche haben. Es können schwere Schäden an Leber, Nervensystem, Herz und Bauchspeicheldrüse entstehen. Die geistige Leistungsfähigkeit sinkt, Gehirnzellen werden zerstört und dein gesamter Körper leidet darunter. Das gilt auch für Alkohol. Diese Reportage soll keinesfalls zum Konsum illegaler oder berauschender Substanzen einladen.
 
 Anmerkung: Auf den Fotos handelt es sich nicht um die Protagonist:innen des Artikels, sondern um szenische Ausschnitte aus nachgestellten Szenen mit Personen, die selbst nicht im Artikel vorkommen.

Willkommen am Abgrund“, begrüßt uns der 19-jährige Shiro lachend und herzlich, als würden wir in seine Wohnung eintreten. Shiros Arme sind mit tiefen Narben übersät. „Das ist vom Ritzen, nicht von Heroin. H ist Absturz. Das da drüben ist der H-Brunnen, wo immer die Spritzen rumliegen, der andere ist unser Piss-Gebüsch“, erfahren wir. Wir begegnen Shiro und seinen Freunden im Wiener Stadtpark, auf der Liegewiese gegenüber vom Kursalon Hübner, schräg neben dem goldenen Johann-Strauss-Denkmal.

Neben spazierenden Familien und fotografierenden Touristen fällt die Freundesgruppe auf den ersten Blick nicht auf. Eine große Clique, die im Park herumsitzt, lacht, Musik hört, billigen Wein trinkt und vielleicht den einen oder anderen Joint raucht. Für Jugendliche in ihrem Alter nicht unbedingt ungewöhnlich. Aber schnell wird klar: Statt Joints gibt es Crystal Meth, statt sorgloser Teenager-Gespräche werden tiefe Traumata geteilt. „Wir alle leben entweder auf der Straße oder haben so viel Stress zuhause, dass wir freiwillig abhauen“, bekommen wir zu hören. Wie Shiros Freund Charlie. „Ich habe mich gestern von zwei Mädchen dazu überreden lassen, in einem Porno-Video für OnlyFans mitzuspielen. Man hat eh nicht mein Gesicht gesehen. Dafür habe ich dann ein Blech bekommen. Das war das Einzige, das gezählt hat“, erzählt Charlie fast gleichgültig, zuckt mit den Schultern und zieht an seiner Zigarette. Mit Blech ist Heroin gemeint. Geraucht, nicht gespritzt. Dafür hat er zu große Angst vor Nadeln.

„Heutzutage wird über Instagram gedealt.“

Der Stadtpark und der Karlsplatz gehören seit jeher zu den Hotspots der Wiener Drogenszene. Vor allem in den 80er- und 90er-Jahren waren es berüchtigte Umschlagplätze. Damals gab es noch so gut wie keine Substitutionsprogramme und auch keine Hilfsangebote, wie heute (siehe Infobox). Laut dem Drogenbericht des Sozialministeriums 2021 wurden im Jahr 2020 österreichweit 115 tödliche Überdosierungen verifiziert. Die Karlsplatz-Räumung von 2010 hat die Szene von der U-Bahn-Unterführung weg an andere Orte hin verlagert. Zumindest augenscheinlich. Heutzutage wird „sowieso meistens über Snapchat oder Instagram gedealt“, wie wir von den Jugendlichen erfahren. Auf Social Media teilen sie selbst Fotos, auf denen man sie beim Drogenkonsum sieht. Die Drogenszene auf TikTok und Instagram boomt gerade. In bunten Videos zeigen sich zugedröhnte Jugendliche, die verschiedene Substanzen durch die Nase ziehen und mit ihren riesigen Pupillen angeben. Angst vor Konsequenzen scheinen sie dabei nicht zu haben. Was früher heimlich gemacht wurde, wird heute offen zur Schau gestellt. Was ist hier jugendliche Faszination und Neugier - und was lebensgefährlich? Wie kann das passieren, dass in der vermeintlich lebenswertesten Stadt der Welt Jugendliche durch alle sozialen Netze fallen? 

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"Wir haben die letzten zwei Jahre fast eingesperrt gelebt. Wer hält das aus?" ©Zoe Opratko

In der Wiener Innenstadt, direkt neben Touri-Hotspots und dem Trubel des Alltags, existiert seit Jahrzehnten ein Milieu, bei dem die Gesellschaft lieber wegschaut. Wir wollten wissen, wer diese Jugendlichen sind, die seit jeher in Statistiken und Zahlen vorkommen, die, die eigentlich nie eine richtige Chance hatten, für die im System kein Platz ist und die von allen Seiten gemieden werden. Dabei sind die meisten von ihnen nicht "selber Schuld" daran, wie ihnen oft vorgeworfen wird.

„Wenn was schiefgeht, sind wir eh nur der nächste tote Junkie“, sagt Shiro. Während des Abends, den wir mit der Clique im Stadtpark verbringen, fährt die Polizei mehrmals an uns vorbei. Dass hier öffentlich illegale Drogen konsumiert werden, sehen sie entweder nicht, oder wollen es nicht sehen. „Wie oft es im Zuge des Streifendienstes zu routinemäßigen Kontrollen kommt, können wir leider nicht beantworten, da diese Zahlen nicht dokumentiert werden“, heißt es seitens LPD Wien. Und weiter: „Wenn Jugendliche eine Straftat begehen, werden sowohl die Eltern als auch das Jugendamt verständigt.“ Was passiert aber, wenn ein 14-Jähriger mit Heroin erwischt wird? Ab 14 ist man strafmündig, das heißt, man kann angezeigt werden. Es werden auch die Eltern und das Jugendamt verständigt. Das alles scheint die Clique im Stadtpark aber nicht zu stören.

Der Wiener „Kinder-Strich“

„Die Polizei interessiert sich nicht für uns. Die freuen sich einfach, wenn wir hier alle an einem Fleck sind. Vor allem, was wollen die machen? Ich hatte eh schon mal eine Überdosis, so mit Schaum vorm Mund und alles. Keine Ahnung, wie ich das überlebt habe, im Krankenhaus war ich aber nicht. Ich bin ja nicht versichert, ich habe kein Geld für sowas“, erzählt Charlie.

Charlie ist 19 und lebt seit zwei Jahren auf der Straße. Er schläft „mal hier, mal da.“ Mal auf einem Bahnhof, mal bei Freunden. Charlies Mutter leidet an Schizophrenie, zuhause hat sich niemand so richtig um ihn gekümmert. „Aber hey, ich habe seit fünf Tagen kein Crystal mehr genommen! Mir tut zwar alles weh, aber fünf Tage sind schon mal was“, sagt Charlie glücklich. „Ich bin stolz auf dich“, entgegnet ihm Shiro. Shiros wiederum sind beide verstorben, er ist in einer betreuten Wohneinrichtung aufgewachsen. „Die Betreuer wollen aber eh nur, dass man sich alle paar Tage bei ihnen meldet.“ Er hatte nie einen richtigen Halt im Leben, ist viel draußen auf der Straße abgehangen. Objektiv gesehen hat und hätte es also Einrichtungen gegeben, die die Jugendlichen auffangen sollten. Aber sie haben sich nie abgeholt gefühlt. „Irgendwann ist man dann halt abgerutscht: Speed, Benzos, Crystal. Und jetzt geht es ohne halt nicht mehr“, erzählt er immer noch mit einem Halblachen. Womit sie ihre Sucht und überhaupt ihr Leben finanzieren? Wer zahlt ihre Handyrechnung? „Manche von uns bekommen eh noch von der Wohngruppe Geld, oder irgendwie anders, noch so halb durch die Eltern oder sonst wie. Keiner von uns fragt danach. Aber es ist eh nie genug.“ Deshalb muss es anders ablaufen. 

„Entweder, du stellst dich auf die Gumpi und verkaufst selber oder… naja“, Shiro zieht den Ärmel seines Pullovers über seine Hand, beißt sich auf die Lippe und wird ernst. Er war 14, als er das erste Mal „auf den Straßenstrich im Zehnten“ ging. „Manchmal habe ich 40 € verlangt für einen Blowjob, manchmal 50 € für Sex. Wenn die Typen ganz grindig waren, auch mal 70 €“, erzählt er. Dass er minderjährig war, wussten seine Freier. Das ist immerhin fünf Jahre her. Auch heute hat Shiro für seine 19 Jahre noch ein sehr kindliches Gesicht. „Es waren auch ein paar Pädos dabei, aber deshalb bin ich nie mit denen nachhause gegangen, sondern nur ins Auto“, rechtfertigt er sich. „Das war richtig schlimm, das war das Geld nicht wert, das war so eine grindige Zeit.“ Damit habe er aber jetzt aufgehört, nach diesen Erfahrungen hätte er mehrere Suizidversuche unternommen. Sein Blick wandert herum. 

„Es ist schon ein ziemlicher Absturz hier, aber zumindest haben wir uns.“

„Du bist ja wieder da!“, schreit Shiro plötzlich. Unser Blick wandert zu einem zierlichen jungen Mädchen mit schwarzen Haaren, das sich der Gruppe nähert. Sie wird begrüßt und umarmt. „Genau hier hatte ich letzte Woche eine Überdosis, ich wurde dann mit der Rettung ins Krankenhaus gefahren“, die 14-Jährige Yasmin* wedelt uns als Beweis fast schon stolz mit ihrem weißen Krankenhaus-Bändchen entgegen, das sie seit ihrer Entlassung aus dem AKH vorgestern mit sich trägt. Eine Mischung an Benzodiazepinen, Alkohol und Happy Caps (Anm.: legale „Stimmungsaufheller“) hat sie letzte Woche in die Notaufnahme gebracht. Ihren Eltern hatte sie erzählt, jemand hätte ihr etwas ins Getränk gemischt. Geglaubt haben sie es aber nicht so richtig. 

Yasmin wohnt bei ihren Eltern und geht zur Schule. Aber mit ihren Klassenkameraden kann sie nicht viel anfangen. Über Snapchat hatte sie einen 26-Jährigen kennengelernt, mit dem sie das erste Mal MDMA konsumiert hat. Der Rausch hat sie fasziniert, sie wollte nicht mehr ohne. Irgendwie ist sie dann durch Freunde an die Clique im Stadtpark geraten. „Wir sind hier wie eine Familie. Jeder hat hier Probleme, aber wir helfen uns gegenseitig. Außerdem hat hier immer irgendwer irgendwas zum Ziehen oder so dabei. Es ist schon ein ziemlicher Absturz hier, aber zumindest haben wir uns“, sagt Shiro und nimmt Yasmins Hand. Plötzlich klingelt Yasmins Handy. „Shit, Leute, meine Mutter ist hier! Sie sucht mich im ganzen Stadtpark. Ich muss weg!“ Das Mädchen springt auf und rennt davon. „Wenigstens sucht dich jemand“, murmeln die anderen. 

Während wir mit der Gruppe zusammensitzen, werden wir alle paar Minuten nach Wasser, Taschentüchern und Zigaretten gefragt. Manche sitzen mit uns, manche torkeln herum. Ein sehr zierliches Mädchen lehnt ihren Kopf immer wieder auf unsere Schulter oder unseren Schoß, schaut uns mit großen Augen an und fragt wiederholt, warum wir hier sind. Das Gesagte dringt zu ihr nicht durch. Ein anderer Junge nimmt einen Schluck aus einer Bierdose, übergibt sich im nächsten Moment und nimmt dann wieder einen weiteren Schluck von seinem Bier. 

„Wer weiß, wie alt wir noch werden“

In der Luft liegt ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Ob sie denn auch mal daran gedacht hätten, einen Entzug zu machen oder sich an die Suchthilfe zu wenden? Es gibt in Wien objektiv gesehen genug Hilfsangebote für Menschen mit Suchtproblemen. Aber so einfach ist das nicht, vor allem, wenn man kaum Unterstützung hat, und keinen Sinn darin sieht. „Wozu? Schau, wir haben es nie anders gelernt. Wir wissen eh, was die Gesellschaft von uns denkt. Wir sind Abschaum.“ Ob sie Pläne für ihre Zukunft haben? Kollektives Kopfschütteln. „Welche Zukunft? Wer weiß, wie alt wir noch werden. Entweder wir sterben, bevor wir 20 sind, oder wir werden wie diese grindigen Zombie-Junkies ohne Zähne am Praterstern. Die, die immer so zittern. Eine andere Option kann ich mir gerade nicht vorstellen“, zuckt Shiro mit den Schultern. „Wobei es schon cool wäre, clean zu werden. Aber wofür? Wir haben niemanden, der Zuhause auf uns wartet und niemanden, der noch irgendwas von uns erwartet.“ Shiro spricht die Dinge so an, wie sie sind: Ehrlich und unverblümt.

Shiro und Charlie lieben David Bowie und interessieren sich für Filme. Die Geschichte von Christiane F. und der „Kinder vom Bahnhof Zoo“ aus den 80ern kennen sie alle in- und auswendig. Christianes Geschichte hat erstmals auf den Drogenkonsum bei Minderjährigen im deutschsprachigen Raum aufmerksam gemacht und hat gleich Wellen geschlagen. Das Buch wird bis heute an Schulen gelesen und im Unterricht verwendet. Seit Erscheinung des Films sind mehr als vierzig Jahre vergangen. Trotzdem kennt Shiro jedes Interview mit Christiane F.: „Das ist ein Film, der uns repräsentiert. Da hat jemand endlich mal mit solchen wie uns geredet, und die haben einfach die Wahrheit gezeigt. Und wir sind jetzt die Kinder vom Stadtpark.“ Die Amazon-Prime-Neuauflage aus 2021 finden sie allerdings nicht mehr so gut, weil „dort Drogen und das alles so glamourös dargestellt werden. Der ganze Dreck wird da nicht abgebildet.“

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@Zoe Opratko

Was müsste sich ändern, damit die Jugendlichen wieder einen Sinn in ihrem Leben finden? „Schau, die meisten von uns waren schon mehrmals im Krankenhaus. Überdosis, Suizidversuch, Psychiatrie. Die klappern dort einfach nur alles medizinische ab, ich verstehe eh, dass die auch nur ihren Job machen. Aber keiner jemals fragt, wie es uns wirklich geht und wie es so weit mit uns kommen konnte. Ich habe einfach das Gefühl, dass wir eine Gruppe sind, von der die Gesellschaft nichts wissen will“, entgegnet Shiro.

 Vor allem aber mangelt es an Zugänglichkeit: Einen Psychotherapieplatz zu bekommen, ist in Österreich sehr schwierig und meist jenen Jugendlichen vorbehalten, deren Eltern es sich leisten können. Für die Clique gibt es diese Option nicht. Der Zugang zu Drogenentzug und der damit verbundenen Therapie hat sich aber vor allem in den letzten Jahren stark gewandelt, heißt es seitens der Psychosozialen Dienste Wien.

 „Wir erleben, dass die Vorstellung der Suchtbehandlung ziemlich veraltet und von Hollywood geprägt ist.“ so Ewald Lochner, Koordinator für Psychiatrie, Sucht- und Drogenfragen der Stadt Wien. „Grundsätzlich schauen wir vor einer Behandlung, wie das Konsummuster aussieht – das reicht von Probierkonsum bis hin zu einer Suchterkrankung. Ein problematischer Konsum liegt dazwischen. Zusätzlich ist auch die Substanz ein wichtiger Faktor. Je nachdem werden die Therapiemöglichkeiten angepasst.“ Ein Entzug allein wird laut Lochner in den wenigsten Fällen alle Probleme lösen. „Und auch hier möchte ich betonen, dass es längst nicht mehr zeitgemäß ist, für Jahre an einem abgelegenen Ort „clean zu werden“. Wir müssen hinter die Suchterkrankung schauen, um den Menschen zu sehen“, so Lochner. 

Trauma, psychische Erkrankung, Armut, Perspektivenlosigkeit – was ist der Grund für den Konsum, worin wurzelt die Erkrankung?  „Wir hören zu, beraten und helfen, wo wir können. Das betrifft nicht nur den Konsum bzw. die Sucht, sondern auch Themen wie Wohnen, Verpflegung, allgemeine Gesundheit, Schulden, Ausbildung. Es gibt in Wien Support auf vielen Ebenen – das beginnt ganz niederschwellig mit den Kolleg:innen aus der mobilen sozialen Arbeit und Streetwork und reicht bis zu den unterschiedlichen Angeboten im Sucht- und Drogenhilfenetzwerk. Wichtig ist: Jemand muss die Hilfe wollen, dann können die Unterstützungsmöglichkeiten sehr individuell angepasst werden.“

„Keta, Cola, Speck. Egal was. Irgendwer hat immer was da.“

Ortswechsel zum Wiener Karlsplatz. Auch hier kommen wir schnell mit einer Gruppe Jugendlicher ins Gespräch. „Wir sind nicht wie die Junkies im Stadtpark!“, hält uns die 14-jährige Amelie gleich zu Beginn entgegen. Die Clique hier trägt Klamotten von ASOS, Doc Martens und ist ganz in Euphoria-Manier glitzernd und bunt geschminkt. „Aber klar, wir treffen uns hier schon, um was zu nehmen. Nüchtern ist hier keiner“, erzählt sie. Was hier konsumiert wird? „Keta, Cola, Speck hauptsächlich“, (Anm.: Ketamin, Kokain, Speed) bekommen wir zu hören. Wir kriegen den Eindruck, dass die Szene hier sich etwas von der im Stadtpark unterscheidet. Das erzählen uns auch die Jugendlichen. „Es geht hier ums Betäuben. Wir haben die letzten zwei Jahre fast eingesperrt mit unseren Eltern gelebt, wer hält das aus?“, sagt Anna. Auch hier scheint es nicht nur um sorgloses Feiern zu gehen. „Als die Pandemie begonnen hat, war ich zwölf Jahre alt und bin an den Wochenenden mit meinen Eltern noch ins Kino gegangen. Und jetzt bin ich auf einmal 14 und mich interessieren ganz andere Dinge. Kommt mal mit, wir zeigen euch unseren geheimen Spot, das ist hinter einem Büro, das checkt keiner.“ 

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"Wofür sollen wir clean werden? Es erwartet niemanden irgendwas von uns." ©Zoe Opratko

Benzodiazepine, genannt Benzos, sind hier sehr beliebt. Wie in der allseits beliebten US-amerikanischen Serie Euphoria, die seit ihrer Erstausstrahlung im Jahr 2019 in der Kritik steht, Drogenkonsum zu glorifizieren. „Euphoria ist aber die erste Serie, die Drogen und mentale Gesundheit in einem anspricht. Das finde ich schon cool“, erzählt uns die 15-jährige Celina. „Habt ihr Wasser?“, werden wir gefühlt in jedem zweiten Satz gefragt. Wir nicht, aber dafür das Awareness-Team AwA*. Sie sind hier am Karlsplatz mobil unterwegs, leisten Aufklärung und haben Müllsäcke, FFP2-Masken, Infomaterial, Wasser, Hygieneprodukte und andere Dinge dabei, die sie bei Bedarf an die Jugendlichen verteilen. „Wir haben bemerkt, dass Heroin und Benzos gerade stark beliebt sind. Das Problem ist, dass viele der Jugendlichen auch wenig bis keine Ahnung haben, welche Substanzen sie auf gar keinen Fall mischen dürfen“, bekommen wir vom Awareness-Team zu hören. 

So hören wir auch immer wieder von Celinas Clique, dass sie Xanax mit Whisky runterspülen. „Für den Kick halt.“ Manche von ihnen bekommen Benzodiazepine verschrieben, sie verkaufen sie aber an ihre Freunde weiter. Oder man geht etwas „aufstellen“. Das Geld wird zusammengelegt. Aber wie kommen so junge Menschen an harte Substanzen?  

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"Die Polizei interessiert sich nicht für uns. Die freuen sich, wenn wir alle an einem Fleck sind." ©Zoe Opratko

Erwischt mit 100 Gramm Kokain

Wir treffen Matthias, einen ehemaligen Dealer, in seiner Wohnung in der Wiener Donaustadt. Der 24-jährige Wiener hat in jungen Jahren begonnen, kleinere Mengen von illegalen Drogen zu verkaufen, und hat dann Gefallen daran gefunden. Später bestellte er im Darknet Pillen und über andere Dealer kam er an größere Mengen Kokain und Gras. Oft auch mehrere Kilogramm. Das Geschäft lief so lange, bis es nun mal nicht mehr lief, erzählt er. Matthias wurde vor etwa einem halben Jahr verhaftet und zu einer zweieinhalbjährigen Haftstrafe verurteilt. Erwischt wurde er mit einem Kilogramm Gras, 100 Gramm Kokain und etwa 200 Ecstasy-Tabletten und Benzos. Einen Teil seiner Haft hat er abgesessen und ist jetzt auf Bewährung, mit einem - wie er es nennt „Freundschaftsbändchen“-, also einer Fußfessel, draußen. „Natürlich wird ein Dealer niemanden nach dem Ausweis fragen. Aber wenn ich gemerkt habe, die Leute, die zu mir kommen, sind entweder extrem jung oder einfach schon zu kaputt, habe ich denen nichts mehr verkauft. Aber dann finden die eben ganz schnell fünf andere, von denen sie es kriegen.“ 

Es mag objektiv gesehen genug Hilfseinrichtungen, Streetwork und Initiativen geben, die jungen Menschen wie Shiro, Charlie und ihren Freunden helfen könnten, wieder auf die "Gerade" zu kommen. Objektiv gesehen. In der Praxis fehlt es den Jugendlichen an Motivation, an Antrieb, und vor allem einer Zukunft: Sie sehen keinen Sinn darin, sich Hilfe zu holen. Wozu, wenn es immer schon so gewesen ist, sie von Anfang an "aufgegeben" wurden und sie quasi kein anderes Leben kennen. Als wir mit ihnen im Stadtpark zusammensitzen, werden immer wieder Lines auf einem Handy aufgelegt. Charlie entschuldigt sich kurz aus unserem Gespräch. „Oha, Crystal. Geil.“ Er war vor einer halben Stunde noch so stolz darauf gewesen, fünf Tage kein Crystal Meth mehr konsumiert zu haben. „Ist doch eh schon egal“, murmelt er und beugt sich übers Handy. ●

 

Anmerkung: Alle Personen in dieser Geschichte wurden zu ihrem Schutz anonymisiert.

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Safer Use
In der Drugchecking-Einrichtung „Check it“ auf der Gumpendorferstraße 8 im sechsten Bezirk in Wien kann man anonym und kostenlos illegale Drogen abgeben und sie auf ihre Inhaltsstoffe überprüfen lassen, oder sich zu den Substanzen beraten lassen. Oftmals sind in den Proben nämlich ganz unterschiedliche Dosierungen und sogar andere Substanzen enthalten. Das alles erfolgt komplett anonym, es gibt kein Mindestalter, es werden weder die Eltern noch die Polizei verständigt. Die Mitarbeiter:innen haben Schweigepflicht. Die Abgabe erfolgt nach Terminvereinbarung in der Homebase, oder auch auf verschiedenen Veranstaltungen und in Clubs, wo das Check-It-Team unterwegs ist. „Check it“ ist eine Initiative der Suchthilfe Wien. 
Telefonberatung von „Check it“: 01 4000 53655
Instagram: checkit.wien 
Montag 15 – 18 Uhr, Mittwoch 13 – 16 Uhr, Freitag 10 – 13 Uhr

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HIER FINDEST DU HILFE, PRÄVENTION UND INFORMATIONEN ZU DROGENKONSUM: 

●         Suchthilfe Wien: www.suchthilfe.wien, Telefon: 01 400053800
●         Verein Dialog: Suchtprävention und Früherkennung: www.dialog-on.at, Hegelgasse 8/13, 1010 Wien, Telefon: 01 205552500
●         Kolping Haus: Sucht- und Drogenberatung für Jugendliche und Angehörige, Paulanergasse 11, 1040 Wien, Telefon: 01/ 581 53 03

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