Wir waren biber

14. Dezember 2023

Das Ende von biber ist auch das Ende der biber-Akademie. Sie war Kaderschmiede für unzählige Journalist:innen mit Migrationshintergrund und das erste journalistische Zuhause für jene, die weder Deutsch noch Qualtinger mit der Muttermilch aufgesogen haben.

 

Von Marina Delcheva, Fotos: Zoe Opratko

 

Wie ein Klassentreffen nach Jahren: Amra Durić, Alexandra Stanić, Naz Küçüktekin und Marina Delcheva (v.l.n.r.)
Wie ein Klassentreffen nach Jahren: Amra Durić, Alexandra Stanić, Naz Küçüktekin und Marina Delcheva (v.l.n.r.)

 

Ich will eigentlich nur schreiben. Ich weiß, es gibt nicht so viele von meiner Sorte, sagte sie und zeigte auf ihr Kopftuch, „aber ich glaube, ich kann das!“ Urheberin dieser Aussage ist Menerva Hammad und sie sagte das beim Vorstellungsgespräch für die biber-Akademie 2014. Heute schreibt sie immer noch und das sehr erfolgreich, sie ist Buchautorin. Jahrzehntelang bekamen heimische Chefredakteure – es waren jahrzehntelang fast nur Männer – Sätze wie diese so gut wie nie zu hören. In den bunten Räumen der biber-Redaktion und bei den unzähligen Vorstellungsgesprächen für die biber-Akademie fielen Sätze wie diese aber ganz oft.

„Am liebsten habe ich die Geschichte über den bosnischen Müllbaron geschrieben. Er hat sich in der bosnischen Stadt Prijedor ein Müllimperium geschaffen und zusammen mit korrupten Beamten ein lukratives Business aufgebaut, erzählt Alexandra Stanić. Und es kam noch sehr viel mehr: Missbrauchsvorwürfe an der Grazer Oper, die heimlichen Symbole der serbischen Nationalisten, eine transfeindliche Montessori-Schule. Stanić ist heute erfolgreiche Autorin, Fotografin und Influencerin. Begonnen hat aber alles in der biber-Akademie vor über zehn Jahren. Seit 2011 hat die Akademie gut 150 jungen Menschen – fast immer mit und selten ohne Migrationshintergrund – journalistisch ausgebildet, ihnen den Raum und die Zeit gegeben, ihre eigenen Geschichten zu erzählen und ihnen Praktika in den großen Medienhäusern des Landes vermittelt. Die Mission: Mehr Menschen mit Migrationshintergrund in die österreichische Medienlandschaft zu bringen. Doch es ging auch über die Landesgrenzen hinaus: Seit 2021 hatte biber eine Kooperation mit jetzt.de, dem Onlinemagazin der Süddeutschen Zeitung in München – wo einige talentierte biber-Stipendiat*innen ihr Folgepraktikum absolviert haben. Und das mit Erfolg.

„Ich kenne fast keine Journalist:innen mit Migrationshintergrund in Österreich, die nicht bei biber waren, sagt Amra Durić. Bis vor kurzem war sie stellvertretende Online-Chefredakteurin von „Heute“ – immerhin eine der größten Tageszeitungen Österreichs. Jetzt ist sie stellvertretende Leiterin des Newsrooms der Parlamentsdirektion. So richtig begonnen hat aber alles hier, mit einer Geschichte, die so noch niemand erzählt hatte: „Geld gegen Trauschein und den wertvollen österreichischen Pass.“

 

Biber ist wie die erste große Beziehung“, so Alexandra Stanić.
Biber ist wie die erste große Beziehung“, so Alexandra Stanić. Foto: Zoe Opratko

Die biber-Akademie wurde über die Jahre die erste Anlaufstelle für viele junge Menschen mit Wurzeln auf der ganzen Welt. Die Chance für Kinder mit Migrationshintergrund, in Österreich irgendwann Journalist:innen zu werden, stand mehr als schlecht. Dieses Magazin hat die Statistik ganz maßgeblich verbessert. Denn ohne biber wären viele wohl nie im Journalismus gelandet, auch wir nicht. „Ich habe lange überlegt, ob ich Journalistin werden will, ob ich mir das zutraue, ob ich das Zeug dazu habe. Dank biber weiß ich: Ich kann das., sagt Naz Kücüktekin. Sie hat 2020 die biber-Akademie absolviert. Danach war sie beim „Kurier“ für das Projekt „Mehr Platz“ zuständig, wo sie weiterhin aus den migrantischen Communitys berichtete. Heute ist sie freie Journalistin und schreibt für zahlreiche österreichische Medien. Biber war das Zuhause der coolen Außenseiter und die biber-Akademie war eine Drehtür in verschiedene Welten – für die alteingesessenen Österreicher:innen in unsere, und für uns in ihre. Wir haben die Nächte bei geheimen Gürtel-Rennen verbracht, uns in Islam-Kindergärten geschlichen, waren undercover betteln und haben radikalen IS-Kämpfern nachgespürt. Wir haben vom Super-Gau mit der Balkanfrau erzählt und von den absurden Sexmythen super-strenger muslimischer Eltern.

Biber war für die vier Journalistinnen das Sprungbrett in die Medienbranche.
Biber war für die vier Journalistinnen das Sprungbrett in die Medienbranche. Foto: Zoe Opratko

Melisa Erkurt (die Chefredaktion), Ali Cem Deniz (FM4), Delna Antia-Tatić (Süddeutsche Zeitung), Jelena Pantić-Panić (Gründerin von medien.geil), Vanessa Spanbauer (Historikerin und Journalistin), Aleksandra Tulej (letzte Chefredakteurin von biber), Nada Chekh (Autorin) – all diese Journalist:innen haben ihre Reise in der biber-Akademie begonnen. Und auch ein paar waschechte Österreicher:innen wie Marian Smetana (Salzburger Nachrichten) und ­Clemens Neuhold (profil), der ebenfalls Leiter der biber-Akademie war, sind im Laufe der Jahre durch die bunte biber-Schule gegangen. Früher oder später sind alle weitergezogen. „Biber ist wie die erste große Beziehung, sagt Alexandra Stanić, die neun Jahre bei biber war und später ebenfalls die biber-Akademie leitete. „Irgendwann geht die Beziehung zu Ende und du musst weiterziehen und erwachsen werden.“ Dass die nächste Generation junger migrantischer Journalist:innen ohne biber erwachsen werden muss, ist ein großer Verlust für alle Medien. ●

Zur Autorin: Marina Delcheva war Akademieleiterin bei biber und leitet jetzt das Wirtschaftsressort bei profil. 

 

 

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