Wie es wirklich ist in Favoriten aufzuwachsen

26. Oktober 2015

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wien favoriten
Der Reumannplatz ist harmloser, als man denkt. Ich schwöre.

Mein Leben lang hab' ich mir mitleidige Blicke ansehen und etliche ooo’s anhören dürfen, wenn ich sagte, dass ich aus Favoriten bin. Ja, ich bin im vermeintlichen Ghettobezirk aufgewachsen und ich sag' euch eins: Ich möchte keinen Tag missen.

Da ich in ein paar Monaten wegziehe (neue, bessere Wohnung bekommen, sonst wäre ich nie gegangen), packt mich immer mehr die Nostalgie. Ich werde den Zehnten ganz schrecklich vermissen, denn ich habe mich immer als Favoritnerin identifiziert. Ich war nicht nur aus Wien, ich war aus dem Bossbezirk oida und es war der Hammer. Vielleicht ist das auch grad wie ein Beziehungsende, wo man sich nach dem Schlussmachen einbildet, dass ja doch alles rosig war. Wie auch immer, jetzt wo die Trennung naht, ist es an der Zeit ein für alle Mal Vorurteile zu klären und aufzuzeigen, wie es wirklich ist, in Favoriten aufzuwachsen.

„Da sind nur Ausländer.“

Kommt einem so vor. Aber die Statistik sagt was anderes, denn in Favoriten gibt es, verglichen zu anderen Bezirken, einen gar nicht so hohen Migrantenanteil. Es gibt aber sehr wohl Teile, wo es eben fast nur Migranten gibt und andere, wo vorwiegend ÖsterreicherInnen leben. Wenn du also in der Herzgasse bist, bist du in einer anderen Welt als in Oberlaa, das lässt sich nicht bestreiten.

„OMG, Reumannplatz!“

Wenn wir schon bei den „bösen Teilen Favoritens“ sind. Leute denken ja, man steigt am Reumannplatz aus und kriegt gleich „Bauchstich in Rücken“ oder wird zumindest ausgeraubt. Ich muss euch enttäuschen, so filmreif geht’s bei uns dann doch nicht zu. Wie die Frau vom Brunnenmarkt sagen würde: „Weil zuwegehst di glaubt du nimmst a Tasche weg oda wos!“ Dass du beraubt wirst, kann dir wirklich überall passieren. Und ich muss sagen, mir wurde mehrmals das Handy und einmal die Tasche gestohlen - niemals in Favoriten.

„Überall nur Döner.“

Es gibt wirklich an jeder Ecke einen Dönerstand, keiner weiß, wie sich das auszahlt. Aber bester Döner der Stadt! Und die Faustregel lautet: Je mehr Haare der Dönermann hat, umso besser schmeckt das Kebab. Weiß doch jeder. Generell gibt es in Favoriten tolles, nationales und internationales Essen um einen unschlagbar günstigen Preis.

 „Habt’s eh nur den Tichy.“

Jo eh, und er is beste wo gibt. Ihr könnt euch nicht vorstellen, welche Euphorie herrscht, wenn der Eissalon Tichy im Frühling endlich aufsperrt. Monate werden in Favoriten gemessen nach „Tichy hat zu“ und „Tichy hat offen“. Man muss schon sagen, bei uns gibt’s halt sonst nicht wirklich viel, mittlerweile schon mehr, aber es tut sich eventtechnisch viel weniger als in anderen Bezirken. Deshalb ist die Tichy-Eröffnung eine Attraktion und der ganze Bezirk stürzt sich darauf. #teamhaselnuss

 

„Der 6er ist ein Albtraum.“

Ist er. Und das unterschreibt dir jeder. Die 6er Bim, liebevoll auch „Orient Express“ genannt, ist das unmöglichste öffentliche Verkehrsmittel der Stadt. Der 6er ist immer vollgepackt mit den ärgsten Leuten und wenn du Stoff für Anekdoten suchst, brauchst du nur von Matzleinsdorfer Platz bis Absberggasse fahren. Habe kürzlich von einer Freundin erzählt bekommen, dass sich ein Mann neben sie gesetzt hat und genüsslich in eine ganze Zwiebel reingebissen hat wie in einen Apfel. Hab' ich ihr sofort geglaubt, denn sowas passiert im Zehnten ständig. Es streiten sich auch andauernd Leute auf der Straße, du hörst von allen Seiten „Arschloch tepata“ und türkische Mütter mit Kopftuch rennen mit FPÖ-Ballons herum. Welcome to Favoriten.

„Alles so rau.

Streitereien können im Zehnten schnell in Schlägereien ausarten und bevor du wen fragst, wie er sich fühlt und ob er vielleicht einen schlechten Tag hat, fragst: „Bist b’hindat oda was?“ und gibst ihm eine. Es kann also ein sehr hartes Pflaster sein. Und entweder du weißt dich zu verteidigen oder du kriegst eine auf die Gosch'n. Die Bandbreite reicht hier von mentale Watschn bis Fetzerei vorm Mäci.

„Wie hältst du das aus?“

Ich muss sagen, diese Frage hat mich immer am meisten auf die Palme gebracht. Was soll denn das heißen, wie halte ich das aus? Es ist einfach so wie es ist. Man muss verstehen, dass Favoriten der bevölkerungsdichteste Bezirk ist und hier einfach viel mehr Menschen sind. Natürlich kommt es da zu Konflikten, das Leben is ka Ponyhof. Es ist einfach am Naschmarkt spazieren zu gehen und tolerant zu sein. Aber sei mal tolerant, wenn eine sechsköpfige Familie mit kleinen Kindern über dir einzieht und dir die Decke eintrampelt. Oder deine Nachbarin dich am Gang drauf aufmerksam machen muss, dass Ausländerkinder viel garstiger Zunge zeigen als österreichische. Aber genau die Kinder von oben helfen dir mal tragen, wenn sie größer sind und die latent rassistische Oma übernimmt deine Pakete für dich. Ich kann irgendwo verstehen, dass manche Stories für andere Leute beängstigend wirken, aber wir sind nun mal hier aufgewachsen und kennen es nicht anders. Kein Mitleid erforderlich.

No regrets

Obwohl ich mich sicher oft geärgert habe, bereue ich es keine Sekunde lang, nicht irgendwo anders aufgewachsen zu sein. Bei uns war wenigstens immer was los. Und wenn du eine Auszeit vom Großstadtchaos brauchst, hast du ganz viele wunderschöne Erholungsgebiete in Favoriten. Aber „72-Jährige Pensionistin am Wienerberg Sonne getankt und von dunkelhäutigen Männern freundlich begrüßt“ gibt keine fetzigen Sensationsstories.

Manche Dinge passen im Zehnten eindeutig nicht und es hat keinen Sinn alles schönzureden, aber zumindest ist Favoriten ehrlich und unfrisiert. Die Leute, die Straßen, die Gebäude, die Sprache. Alles echt. Und mein Umzug ändert nichts, denn: Du kriegst vielleicht dich aus Favoriten aber Favoriten nie aus dir.

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Kommentare

 

haha mein Schwager ist jetzt von Sarajevo direkt in den Zehnten gezogen und er möchte nie wieder woanders hin, sagt er. 

 

Mann kennt sich aus :D

 

http://www.profil.at/oesterreich/wien-wahl-mitten-zehnten-favoriten-5921926

"Der Ausländeranteil liegt über 32 Prozent. Das ist zwar kein Spitzenwert, in manchen Wiener Bezirken gibt es deutlich mehr Zuwanderer. Aber Favoriten hat auch so etwas wie Nobelgegenden, in denen fast nur Österreicher leben, das verzerrt die Statistik. In den Straßen südlich des neuen Hauptbahnhofs ist dafür deutlich mehr los. Hier wurde Realität, wovor die FPÖ so oft warnt: Die Einheimischen sind – jedenfalls optisch – in der Minderheit. Und das fühlt sich seltsam an. Auch für Zuzügler wie mich, deren Alltag sich nach wie vor großteils woanders abspielt.

Manchmal finde ich das bunte Treiben auf der Favoritenstraße sehr unterhaltsam und auf eine angenehme Art exotisch, ähnlich wie im Urlaub. Es gibt aber auch Tage, an denen ich mir deplatziert vorkomme zwischen so vielen Menschen aus der Türkei und vom Balkan, mit denen die Verständigung nicht nur an der Sprache scheitert. Denn eines lernt man schnell in Favoriten: Der gemeinsame Wohnort macht aus unterschiedlichen Lebensrealitäten noch keine multikulturelle Sause. Das stellt sich die linke Elite in der City oder in Neubau nur gerne so vor. In Wirklichkeit grenzt man sich ab und geht einander aus dem Weg. Da können der türkische Schuster oder die Verkäuferin aus Serbien noch so freundlich sein: Mehr als ein geschäftlicher Kontakt ergibt sich nicht."

Passt gut zu Deinem "Aber sei mal tolerant, wenn eine sechsköpfige Familie mit kleinen Kindern über dir einzieht und dir die Decke eintrampelt."
:-)

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