Belgrad: Mehr als nur ein Protest

09. Juli 2020

Seit Dienstagabend brennt Belgrad. Autos brennen, die Augen der Demonstranten brennen wegen des Tränengases und der Wunsch nach Veränderung brennt. Als Grund für die heftigen Proteste werden neue Ausgangsbeschränkungen von Präsident Vučić genannt. Das ist aber nur die Spitze des Eisberges.

Von Jelena Čolić


„Ćale, ovo je za tebe“, sagt ein aufgebrachter Demonstrant unter Tränen in einem Interview. Er wird damit zur Gallionsfigur der Proteste. Auf deutsch „Papa, das ist für dich“. Der junge Mann erzählt, sein Vater sei an Corona gestorben, weil es nicht genügend Beatmungsgeräte im Krankenhaus gegeben hätte. Seine Aussagen treffen viele, das Interview wird tausendfach auf Instagram geteilt. 

Auf den sozialen Medien teilen viele Demonstranten Bilder und Videos von gewalttätigen Zusammentreffen mit der Polizei. Der serbische staatliche Rundfunk strahlt am Dienstagabend einen Karatefilm aus, obwohl die eigene Hauptstadt sprichwörtlich brennt. Der Privatsender N1 berichtete als einziges Fernsehmedium live über die Proteste. N1 Reporterin Jelena Zorić wurde ebenfalls Opfer einer Tränengasattake.

Viele westliche Medien berichteten am Dienstag über die Proteste wegen einer neu verhängten Ausgangssperre von Freitag bis Montag. Die meisten Medien haben wenig Aufwand in die Recherche gesteckt - Corona bestimmt das Protest-Narrativ um die wütenden Bürger*innen. Eine differenzierte Darstellung zu finden ist schwer. 

Die strengen Coronamaßnahmen wurden kurz vor der Parlamentswahl gelockert. Die Wahl findet statt und Vučić gewinnt mit seiner Partei. Der autoritäre Regierungsstil Vučićs mit eingeschränkter Pressefreiheit geht weiter. Das Recherchenetzwerk BIRN fand heraus, dass die offiziellen Zahlen der Coronatoten in Serbien verfälscht waren. Nach ihren Ergebnissen sind bis Anfang Juni 632 Menschen mit oder an COVID-19 gestorben. Der Krisenstab berichtete in diesem Zeitraum über 244 Fälle.

Warum es wichtig ist, die Proteste in Serbien in Kontext zu setzen, erklärt Aktivistin und Bloggerin Nataša Mikić im BIBER Interview.

biber: Warum protestieren die Leute in Serbien?

Nataša Mikić: Der zweite angekündigte Corona Lockdown hat das Fass zum Überlaufen gebracht - die angestaute Angst und Wut wegen Korruption, Lügen, Zensur. Im März wurden die Bürger*innen aufgefordert nach Milano shoppen zu gehen und Schnaps und Knoblauch zu essen. Mit steigenden Infektionen wurde die ganze Schuld auf das ungehorsame Volk geschoben. Es folgte eine tägliche Polizeisperrstunde und ein komplettes Ausgangverbot über das ganze Wochenende. Viele Menschen verloren ihren Job.

Während des Lockdowns wurde den Serb*innen versichert, dass ihr Land genug Beatmungsgeräte, Geld und Kapazitäten in den Krankenhäusern habe. Kurz vor den Wahlen wurden alle Maßnahmen aufgehoben. 

Wie schaut das Gesundheitssystem in Serbien aus?

Die Krankenhauskapazität in Belgrad ist schon längst ausgelastet: Patienten werden in kleinere Städte geschickt, wo diese dann weiter unter noch schlechteren Bedingungen versorgt werden. Menschen sterben grundlos, weil es nicht genug Beatmungsgeräte gibt. Im Gegenzug: wurde zeitgleich der serbisch-orthodoxen Sveti Sava Kirche 1 Milliarde Dinar zur Renovierung gespendet. 

Sie protestieren nicht wegen einer neuen Ausgangsperre. Sie protestieren wegen einer korrupten und unehrlichen Politik. Sie protestieren, weil die Siegesfeier des Präsidenten ohne Maske, mit viel Körperkontakt und einem Blasorchester abgehalten wurde. Plötzlich, ohne jegliche Erklärung und viel Schuldzuweisung an die Bürger*innen wird wieder eine Ausgangssperre und somit Freiheitsberaubung eingeführt. 

Was stört dich an der Berichterstattung der westlichen Medien über die aktuellen Proteste in Belgrad?

In Serbien gab es immer schon eine geteilte Gesellschaft. Das ist das erste Mal nach 20 Jahren, dass sich diese zwei äußerst unterschiedlichen politischen Lager wieder zusammen auf den Straßen befinden und ein gemeinsames Ziel haben. Während die einen Aggression verbreiten, tanzen und singen die anderen vor den Polizeibrigaden. 

Die Berichterstattung der westlichen Medien fokussiert sich auf den aggressiven, rechten Teil der Proteste. Somit geht die ganze Pointe verloren. Der Teil der Bevölkerung, der gegen die Diktatur friedlich demonstriert und nichts anderes als Menschenrechte verlangt, wird ignoriert. Wo sind jetzt unsere europäischen, offenen Menschen, die sich für alles einsetzen. In 2020 sollte es objektiven und professionellen Journalismus geben. 

Was lösen die Bilder von verletzen Menschen und Polizeigewalt in Belgrad in dir aus?

Ich habe selbst eine schlechte Erfahrung mit der Polizei gemacht und seit dem 7. Juli viele Geschichten aus erster Hand gehört. Belgrad ist MEIN Zuhause. Zu sehen, wie endlich alle aufstehen und sich nicht mehr schikanieren lassen, aber keine Chance haben, frustriert mich. Ich bin wütend, weil jungen Menschen ihre Würde und Hoffnung genommen wird, weil sich der "Freund und Helfer" für Geld verkauft. Es ist ein Teufelskreis.

Ich spreche für den Teil der Bevölkerung, der die Schnauze voll hat und sich ein besseres Leben in ihrem eigenen Land wünscht und dafür sogar eigene Gesundheit und Leben aufs Spiel setzt. Wer meiner Berichterstattung auf Instagram folgt, wird in vielen Videos sehen, dass es eine vom Staat bezahlte Gruppe von Menschen gibt, die durch Aggression die Masse animieren soll gewalttätig zu werden, damit die Polizei einen Grund hat gewalttätig zu werden. Am 6. Juli wurden Straßen vor Schaufenstern ausgegraben damit sie die Leute dazu bringen, mit diesen die Auslagen einzuschlagen. Auf Instagram wird vor dieser Falle gewarnt und zu einem Sitzprotest aufgefordert.  Eine Diktatur ist nun mal dem normalen Volk immer drei Schritte voraus.

Du bist sehr aktiv auf Instagram und leistest wichtige Aufklärungsarbeit. Was fällt dir auf Social Media auf? Gibt es eine Welle der Solidarität?

Ich bin entsetzt, dass einer brennenden Kirche in Paris mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, als sterbenden Menschen, die in einer Diktatur mitten in Europa leben. Außerdem finde ich es heuchlerisch, dass trotz großer „Balkanwurzelbevölkerung“ in Österreich Vorurteile und Desinteresse herrschen. Ich lebe schon seit 5 Jahren in Belgrad, ich habe viele fleißige und inspirierende Persönlichkeiten kennengelernt und möchte etwas unterstreichen: Nicht alle Serb*innen sind nationalistischen Kosovo-Fanatiker! 

Was möchtest du den österreichischen Diaspora Mitgliedern sagen?

Ich wünsche mir, dass die österreichischen Copy-Paste Blogger*innen nachdenken, bevor sie etwas aus ihrem goldenen Käfig weiterposten.  Jetzt auf Serbiens Straßen für bessere Rechte zu kämpfen, braucht sehr viel Mut. 

Nataša Mikić ist 1988 in Wien geboren. Nach ihren abgeschlossenen Studien ist sie für ein Jahr nach Belgrad, die Heimat ihrer Eltern, gezogen. Ursprünglich wollte sie dort einen Film drehen: aus einem Jahr sind fünf geworden und aus einem Film ihr jetztiger Blog. 

Um immer up-to-date bei den Protesten in Serbien zu sein, schau auf Natašas Instagram vorbei!

Stand 9.Juli, 23 Uhr: Die Proteste wurden friedlich seitens der Demonstranten unter #sedidole - bleib sitzen -  weitergeführt. In Novi Sad kam es ebenfalls zu Sitzprotesten. Die Zeit im Bild spricht in einem Social Media Posts, erstmals von "Protesten gegen die Regierung".

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