Bevor die Scharia alles zerstörte

04. Juli 2018

Es sind Bilder, wie aus einem Paralleluniversum. Frauen, die in Sommerkleidern in den Parks von Kabul spazieren, junge iranische Pärchen im Hippielook, glamouröse ägyptische Filmstars, die ihre Sixties-Mähnen zum Besten geben. In der Facebook-Gruppe “Before Scharia spoiled everything” werden ungewohnte Einblicke in Gesellschaften muslimischer Länder offenbart.

Von Nada El-Azar

Iranische Frauen vor der Revolution
Iranische Frauen vor der Revolution (C) Rita Pahani

Im Dezember 2017 gründete der Schweizer Rechtsanwalt Emrah Erken (48) die Facebook-Gruppe „Before Sharia spoiled everything“, deren Mitgliederzahl bereits die 15.000 überschritten hat. Die Fotos stammen aus dem zwanzigsten Jahrhundert und porträtieren moderne, säkulare Menschen in einer Zeit, bevor der politische Islam diesen Lebensstil zurückgedrängt oder ausgelöscht hat. Biber sprach mit dem Initiator über die Wirkung und Hintergründe der Gruppe.

 

Biber: Die Diaspora aus dem Iran, Afghanistan, Ägypten, und anderen mehrheitlich muslimischen Ländern lebt heute in der ersten bis dritten Generation in Europa. Wie kommt es, dass viele junge Leute nicht wissen, dass ihre eigenen Eltern den Säkularismus noch persönlich miterlebt haben?

Emrah Erken: Das ist sehr schwierig zu sagen, zumal man nicht alle Kulturen in einen Topf werfen kann. Man kann die iranische Subkultur in Österreich nicht mit einer nordafrikanischen oder arabischen vergleichen. Bei der türkischen kenne ich mich ein bisschen besser aus. Man muss sich die Frage stellen, was für Leute in ein Land eingewandert sind. Die türkische Einwanderung in die Schweiz ist eine andere als nach Österreich oder Deutschland. In der Schweiz sind AKP-Anhänger in der Minderheit, im Vergleich zu Kurden und Aleviten – was in Österreich und Deutschland nicht so ist. Die Schweizer Einwanderung steht im Zusammenhang mit dem Militärputsch von 1980 in der Türkei, wohingegen in Österreich und Deutschland ab den 50er Jahren eher Armutsmigranten aus Anatolien eingewandert sind. Es gibt also große Unterschiede zwischen den Subkulturen und den Inhalten, die an die Kinder weitergegeben werden.

Wie kann es sein, dass diese säkularen Werte so schnell in Vergessenheit geraten sind?

Eine Sache darf man mit „Before Scharia spoiled everything“ nicht missverstehen: Der Säkularismus ist heute nicht vollständig verschwunden. Mir geht es vor allem darum, Europäern zu zeigen, dass man uns alle nicht in ein allgemeines islamisches Klischee zwängen kann. Ich kann ein Beispiel nennen. Als ich für die Pendlerzeitung 20 Minuten ein Interview gegeben hatte, hat die Journalistin zusätzlich die Meinung der Islamwissenschaftlerin Helena Rust eingeholt. Ich wollte Menschen wie Du und Ich in ihrem Alltag zeigen. Dass das soziologisch von einer Islamwissenschaftlerin beurteilt werden musste, ging mir irrsinnig auf den Keks.

Hat die Schweiz ein Extremismusproblem?

Die Mehrheit der Muslime in der Schweiz sind aus dem Balkan, sind punkto Religion eher gemäßigt und wollen keine Scharia. Das Islamismusproblem in der Schweiz geht eher von Konvertiten aus.

Dazu fällt mir eure Burkaträgerin Nora Illi ein.

Ja, die ist international schon sehr berühmt und tritt immer wieder im Fernsehen auf.

Iranerin in den 70er Jahren
Iranerin in den 70ern (Facebook/Before Sharia spoiled everything)

In Österreich hat sich die Deutsche Khola Maryam Hübsch, auch Tochter eines Konvertiten, für ultrakonservative Werte wie dem Kopftuch für kleine Mädchen starkgemacht. Sie plädiert auf Toleranz, mit dem Argument, dass sich kleine Mädchen ausprobieren sollten. Wie finden Sie das?

Khola Maryam Hübsch ist ein spezieller Fall, denn sie kommt von der Ahmadiyya. Das ist eine Sekte, und bildet eine verschwindend kleine Minderheit im Islam. Was sie vertritt ist überhaupt nicht repräsentativ. Trotzdem ist sie ein Dauergast, die Medien scheinen sich auf sie fixiert zu haben, ähnlich wie mit Lamya Kaddor. Ich habe mir jeweils bei beiden angeschaut, wofür sie stehen und für mich haben ihre Argumente keine Substanz. Überhaupt empfinden auch viele Gender-Feministinnen die Forderung, dass Frauen auf das Kopftuch verzichten sollten, als Zwangsverwestlichung und Rassismus. Es gibt auch einige prominente Kopftuchträgerinnen, die sich als Feministinnen ausgeben und im Mainstream-Feminismus mitschwimmen. Die amerikanisch-palästinensische Aktivistin Linda Sarsour ist so ein Beispiel, die sogar beim Women’s March mitgemacht hat.

Ägyptische Schauspielerin Shadia, 60er Jahre
Ägyptische Ägyptische Schauspielerin Shadia, 60er Jahre (Facebook/Before Sharia spoiled everything)

 

Kopftuch und Burka werden häufig in linken, feministischen Kreisen als selbstbestimmte Entscheidung von Frauen in Schutz genommen. Macht man Frauen mit einem Verbot dieser Kleidungsstücke Vorschriften, wie man sich anzuziehen hat?

Durch das islamische Kopftuch entsteht eine Gesellschaftsordnung. Eine einzige Kopftuchträgerin unter Tausenden macht keinen Unterschied. Sobald aber 50 Kopftuchträgerinnen auf 80 Musliminnen kommen, gefährdet das die Freiheit der Nicht-Kopftuchträgerinnen. Unter dem Mantel der Religionsfreiheit wird eine neue Ordnung in unsere Gesellschaft importiert, die klare Verhaltensregeln von Männern und Frauen aufstellt. Das ist das Problem mit dem islamischen Kopftuch. Wenn es keinen Einfluss auf unsere Gesellschaft hätte, würde ich es als individuelle Entscheidung abtun. Aber es beeinflusst die Sexualmoral der Gesellschaft, in der auch ich lebe - und das will ich nicht. Wenn eine Frau beim Beten das Kopftuch trägt, ist das eine Kultushandlung, die in der Privatsphäre stattfindet. Das ist okay. Sobald jedoch unsere eigene Gesellschaftsordnung beeinflusst wird und der Islam Frauen in ihrer persönlichen Bewegungsfreiheit einschränkt, ist das aber inakzeptabel für mich. Religionsfreiheit sollte die persönliche Freiheit nicht einschränken.

 

Iranisches Paar, Anfang der 70er Jahre
Iranisches Paar, Anfang der 70er Jahre (Facebook/Before Sharia spoiled everything)

Werten Sie die sorglose Toleranz gegenüber der Verschleierung also als Kapitulation vor dem politischen Islam?

Das kann man schon sagen. Dieses Anbiedern ist ein Problem für mich. Als Beispiel: Wenn die SPD in Deutschland eine Gratulation zum Ramadan veröffentlicht, ist das für mich sehr befremdlich. Einerseits, weil man üblicherweise eher zum Abschluss des Ramadans, dem Bayram, gratuliert. Andererseits, weil Pfingsten dagegen kein Thema war. Noch einmal zur Verschleierung: Eine Frau kann nicht Schleier tragen und säkular sein – so wie man nicht Fleisch essen und vegan sein kann. Das geht nicht zusammen.

 

Filmposter für eine türkische Sexkomödie aus den 70ern
Filmposter für eine türkische Sexkomödie aus den 70ern (Facebook/Before Sharia spoiled everything)

 

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