Ausgeliefert, überfordert, gedemütigt - wenn Geburt traumatisiert.

11. April 2019

Das Intime ist politisch: Chefredakteurin Delna Antia-Tatic spricht über ihr traumatisierendes Geburtserlebnis und bricht damit ein Tabu. Ein Bericht und eine Anklage über die geringschätzenden Zustände, unter denen Frauen in unserer Gesellschaft Leben auf die Welt bringen.

Von Delna Antia-Tatić, Foto: Marko Mestrović

Foto: Marko Mestrovic
Foto: Marko Mestrovic

Seit 16 Monaten bin ich nun wütend. Die Wut verschwindet nicht, wie man es mir versprochen hat. Sie steigt mir zu Kopf, in Bauch und Beine, jedes Mal, wenn das Thema angeschnitten wird. Ich habe nicht vergessen, im Gegenteil, ich bin empört darüber, was ich erlebt habe. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl „nur“ eine Frau zu sein. Dieses Empfinden kannte ich so nicht, ich bin selbstbewusst, führe ein selbstbestimmtes Leben und umgebe mich – aus Zufall oder nicht – mit feministischen Männern. Aber seit November 2017 bin ich mir sicher: Würden Männer Kinder kriegen, sähe die Situation anders aus. Und das Interessante ist: Selbst Männer stimmen mir zu.

Ich hatte eine harte Entbindung, eine schwierige und langwierige. Einfach Pech gehabt? Nein, ich bin kein trauriger Einzelfall. Wo man mitleidig mit dem Kopf nickt und Schulter tätschelnd versichert, dass ich das irgendwann schon vergessen werde. Und ich mich doch überhaupt freuen sollte, weil es ja ein „Happy End“ gegeben hat. Solche Reaktionen empfinde ich als beschwichtigend und stummstellend. Nach dem Motto: Frauen kriegen nun einmal die Kinder, das ist Naturgesetz, die Schmerzen gehören nicht nur dazu, sondern sind im Prozedere wichtig und seit Hunderten von Jahren müssen wir da durch. Außerdem, viele Frauen haben auch einfache Geburten. So weit, so richtig. 

Würden Männer Kinder kriegen, sähe die Situation anders aus. 

Aber was ist mit d­­­en Umständen? Ich beklage nicht das „Los der Frau“ noch die Schmerzen. Ich beklage auch nicht einzelne Personen. Im Gegenteil, die Arbeit von Hebammen ist b­­ewundernswert. Sie ist wahrlich lebenswichtig und wird in unserer Gesellschaft völlig unterbewertet bzw. unterbezahlt. Ich bin auch den Ärzten dankbar, ja der modernen Medizin, ich weiß nicht wie es am Ende bei mir ohne Kaiserschnitt ausgegangen wäre. Aber ich beklage die Umstände. Für jede Frau ist die erste Schwangerschaft und Geburt unbegreiflich. Besonders vor der ersten Geburt geht es uns nicht anders als Männern. Wir wissen so wenig wie unser Partner, was auf uns zu kommt, kennen nur die Theorie, hören Geschichten und sehen Bilder, aber wir sind so unerfahren wie jeder Mann. Nur mit dem Unterschied, dass wir betroffen sind. Daher müssen wir vertrauen. Auf unseren Körper zunächst, und später auf all die Experten – dem Geburtensystem an sich. Denn das Wunder des Lebens ist ja paradoxerweise das Normalste der Welt. 86.987 Geburten fanden 2017 in Österreich statt.

Das Wunder in meinem Bauch ist also „normal“, so habe ich es gesehen. Als ich schwanger wurde und die Geburtsortwahl anstand, entschied ich mich für die normale Spital-Variante: kein Schnickschnack a la „Hypno-Birthing“, keine Wahlhebamme extra nur für mich bei der Geburt, keine Privatklinik. Tausende Frauen hatten vor mir Kinder auf die Welt gebracht – oft nicht einmal in Krankenhäusern. Warum sollte gerade ich auf eine Sonderbehandlung bestehen? Obwohl ich in der privilegierten Situation bin, dass wir uns all die privat zu zahlenden Extras hätten leisten können – eine Wahlhebamme kostet 1500€ aufwärts – entschied ich dagegen. Im Nachhinein war das dumm. Heute würde ich alles extra zahlen. Aber ich wusste es nicht besser und vertraute in guter Hoffnung.

Heute würde ich alles anders machen und alles extra zahlen. Aber ich wusste es nicht besser.

Außerdem werden Geburten systematisch vernebelt. Es herrscht das ungeschriebene Gesetz, dass erfahrene Frauen den unerfahrenen keine Angst machen. Daher redet mit einer Erstgebärenden niemand Tacheles – weder die Freundin noch die Hebamme in der Geburtsvorbereitung. Die Logik ist natürlich nachvollziehbar. Jede Schwangere kennt das Gefühl der Unausweichlichkeit: Irgendwann gibt es kein Zurück mehr, nur noch einen Weg hinaus. Da ist es natürlich besser, nicht in Panik zu geraten, weil dir jeder Horrorstorys erzählt. Andererseits hätte ich mir gewünscht, vorbereitet gewesen zu sein: auf all die Mittel, die man mir reichte, damit es besser voranging, auf die Auswirkung der „Wehenverstärker“, auf die PDA, auf den Kaiserschnitt schlussendlich. Ich hätte mir gern vorher mit einer Expertin Gedanken gemacht und mir das Für-und- Wider samt Nebenwirkungen der Periduralanästhesie (PDA), das ist die lokale Betäubung im Bereich der Wirbelsäule, erklären lassen.

Stattdessen saß ich plötzlich da, hilflos. Mitten in der Nacht, 10 Stunden Wehen hatte ich schon hinter mir, ich zitterte unkontrolliert am ganzen Körper wie das Gebärende tun, immer wieder unterbrochen von einer erneuten Wehe, und musste meine Unterschrift abgeben. Der Anästhesist klärte mich über die Nebenwirkungen wie Lähmungen auf und sagte mir deutlich, dass das Wichtigste bei dem Nadelstich bei der Wirbelsäule sei, damit nichts schiefginge, dass ich absolut stillhielte. Als ich ihm erklärte, dass ich bereits einmal eine Rückenmarksuntersuchung hatte, meinte er nur, dass das Gewebe bei mir wahrscheinlich verklebt sei und dadurch die PDA möglicherweise nicht wirken könnte. Man kann sich meine Überforderung in dieser Situation vorstellen. „Eine Zumutung“, beurteilt meine Nachsorgehebamme, die mich später – privat – betreuen würde. Warum wurde kein Gespräch samt Aufklärung über PDA & Co bei der Anmeldung im Spital geführt? Das wird es mittlerweile, sagt sie. Trotzdem, auf den Kaiserschnitt war ich auch nicht vorbereitet. Als nach 30 Stunden und nach dem gescheiterten Versuch, das Kind manuell hinauszudrücken – mein Mann erinnert sich noch heute an den Fußabdruck der Ärztin, den sie beim Drücken auf meinen Bauch an der Wand hinterließ – als nun endlich die „Erlösung“ entschieden wurde, wusste ich nicht, was kommt. Ich sorgte mich, hatte Angst, dass ich den Schnitt spüren würde. Denn tatsächlich hatte meine PDA nicht gut gewirkt. Man beruhigte mich. Doch leider hatte mein Bauchgefühl recht – ich spürte den Schnitt, schrie und wurde in Vollnarkose versetzt.

Mangelnde 1:1 Betreuung

Mit zwei Expertinnen spreche ich über meine Geburt – stellvertretend für all jene Fälle, die traumatisieren können. „Es ist kein trauriger Einzelfall. Die Ursachen liegen im System“, bestätigt Judith Raunig. Die Psychologin ist spezialisiert auf Geburtstraumata und arbeitet mit Frauen, die sich während der Geburt nicht nur überfordert, hilflos, ausgeliefert und gedemütigt fühlten, sondern gerade nach einem Kaiserschnitt geplagt sind von Schuld- und Versagensgefühlen. Die Kaiserschnittrate steigt seit Jahren und so erlebt auch Raunig derzeit einen extremen Zuwachs an Anfragen. Was sind die Fehler im System, will ich wissen.

„Zum einen natürlich der Personalmangel in den Spitälern – die mangelnde 1:1 Betreuung“. Hebammen müssen sich oft um drei und mehr Frauen, die gebären, gleichzeitig kümmern, dazwischen ambulante Kontrollen durchführen und all das noch dokumentieren. Die Dokumentation nimmt gut zwei Drittel ihrer Arbeit ein, die Betreuung der Frauen lediglich ein Drittel. Es herrscht Druck und Stress, kein Umfeld, in dem es leichtfällt, sich „zu öffnen“. Dass zu wenig Hebammen da sind, bzw. Plätze vorgesehen, ist eine Frage der Planbarkeit und natürlich des Geldes. So erklärt es mir eine Hebamme, deren Namen ich nicht nennen soll und die lange im Spital gearbeitet hat, bis sie sich selbstständig machte, weil sie die Geburtsumstände nicht mehr ertrug. „Die Spitäler arbeiten mit den Krankenkassen. Es gibt ein Punktesystem und für eine Geburt per Kaiserschnitt gibt es nun einmal mehr Punkte als für eine Spontangeburt.“ Dass in Spitälern ökonomisch gebärt werden soll, ist kein Geheimnis. „Mutter und Kind wird nicht die Zeit gegeben, die sie brauchen,“ so Raunig. „Eine 20-Stunden-Geburt ist eine teure Geburt für das Spital.“ Meine Geburt hat weit länger gedauert. Trotz aller Mittel und Maßnahmen, sie voranzutreiben. Trotz oder gerade deswegen?

„Es ist kein trauriger Einzelfall. Die Ursachen liegen im System.“

„Das größte Problem sind die Interventionen. Eine Geburt im Krankenhaus findet kaum mehr interventionsfrei statt – außer du kommst mit 9,5cm Muttermundöffnung und Presswehen ins Spital“, kritisiert die Traumapsychologin. Geburten würden extrem getaktet. Wenn nicht jede Stunde ein Zentimeter weiter geht (der Muttermund muss sich laut Theorie von 1 auf 10 cm öffnen, damit das Kind hinauskann), dann würde eben „interveniert“ – sprich eingeschritten. Es gibt vielfältige Mittel wie den Wehentropf oder auch das konkrete Einleiten einer Geburt, wenn die Frau zu lange über dem Geburtstermin liegt. Und natürlich gibt es das CTG – den Herz- und Wehenschreiber. Daran kann ich mich erinnern, alle paar Stunden wurde ich unbequem an das Gerät gehängt, um die Herztöne des Kindes zu messen. Diese „CTG-Routine“ im Spital sieht Raunig als kontraproduktiv. „Es gibt nun einmal all diese schönen Geräte und Mittel, daher werden sie auch verwendet!“, kritisiert sie die Motivation der Spitäler. Selbst die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bemängelt den Trend zu immer mehr medizinischen Interventionen während der Geburt, insbesondere gegen den immer häufigeren Einsatz von Wehenmitteln zur Beschleunigung der Geburt. „All das ist auch eine Folge der mangelnden 1:1 Betreuung“, erklärt mir die Hebamme. Wenn eine Hebamme nicht bei einer Gebärenden im Raum bleiben kann, ist die stetige Kontrolle des Gesundheitszustands des Kindes mittels CTG ein wichtiger Ersatz. Dass es am Ende bei all den Eingriffen dann zu einem Kaiserschnitt kommt, verwundert weder sie noch die Hebamme. Und die steigenden Kaiserschnittraten sprechen für sich: 29,6 % waren es im Jahr 2017 – das ist fast jede dritte Frau. Auch in meinem Freundeskreis haben vier von sechs Frauen seit 2017 eine ungeplante Narbe. Und davor schützt auch keine Privatklinik, denn nicht selten weisen Privatärzte eine Kaiserschnittrate von 80% vor, so Raunig. Auch die Hebamme bestätigt: Die Spitäler verdienen mehr Geld an Kaiserschnittgeburten. Raunig geht so weit, die hohe „Sectio Rate“ als moderne Frauenbeschneidung zu bezeichnen. Die Psychologin ist Expertin in diesem Gebiet und drehte 2014 einen Dokumentarfilm zum Thema „Meine Narbe“, der u.a. für den Fernsehpreis nominiert war und im ORF ausgestrahlt wurde.

„Eine Geburt im Krankenhaus findet kaum mehr interventionsfrei statt.“

Obwohl ich letztlich froh bin, durch einen Kaiserschnitt „erlöst“ worden zu sein, waren die Umstände danach umso schlimmer. Da ich nicht in einem Einzelzimmer in einer Privatklinik lag, sondern zunächst in einem Dreibett-, dann in einem Doppelzimmer, musste mein Mann zwischen 19 Uhr und 7 Uhr morgens gehen. Ich war mit einer Bauchoperation, wie die Ärzte mir stets einbläuten, unter Schmerzmittel und mit meinem so neuen Säugling über Nacht allein. Mein Sohn war gesund, kräftig, hungrig und schrie. Ich konnte ohne Hilfe nicht aufstehen, kaum gehen, geschweige denn mein Baby tragen, wiegen, wickeln. Natürlich halfen die Hebammen, wenn ich sie rief, aber dass sie Stress hatten war mehr als spürbar. Die Muttermilch ließ auf sich warten, typisch für die Kaiserschnittgeburt. Ich entließ mich einen Tag früher aus dem Spital, weil mein Sohn und ich zuhause nicht nur mehr Betreuung haben würden, sondern vor allem Ruhe. Und prompt schoss die Milch ein. Ruhe, Zeit und die individuelle Betreuung, das braucht es für Geburten – vorher wie nachher. „Wie soll eine Frau sich sonst öffnen können?“, kritisiert die Hebamme. Ich hatte es nicht gekonnt. Ich erlebte während meiner Geburt vier Personalschichten. Zwar allesamt freundlich – da hatte ich Glück, denn ich kenne andere Berichte – aber nichtsdestotrotz bedeutete dies, dass mich vier Schichten an der bis dato intimsten Stelle untersuchten. Diese stetige Muttermunduntersuchung ist für die Frauen nicht nur oft unangenehm, sie ist so häufig auch nicht erforderlich, so die Expertinnen. Als bei mir kurz vor Schluss die Auszubildende dann auch noch fühlen wollte, was denn da nicht weiterging, hatte ich wahrlich das demütigende Gefühl des Tags der offenen Tür. 

Es gibt immer mehr Berichte von Gewalt während der Geburt, von Verletzungen – verbaler wie physischer.

Würden Männer die Kinder kriegen, liefe es hundertprozentig anders. Die Psychologin und die Hebamme stimmen mir sofort zu – ohne Zögern. „Wenn Männer das System gestalten und Hebammen nicht mitreden dürfen, dann ist das zu Gunsten des Geldes und zu Lasten der Frauen und Kinder“, so die Hebamme. Es fehle an Güte und Mitgefühl. Für mich fehlte es vor allem an Respekt vor dem, was wir Frauen hier leisten. Wir bringen Leben auf die Welt! Das Wichtigste für unsere Gesellschaft, und geben dabei viel von uns hin. Denn kaum ein Mutterkörper ist danach derselbe. Beide Frauen bestärken mich in dem Vorhaben, diesen Artikel zu schreiben. Ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin. Es gibt immer mehr Berichte von Gewalt während der Geburt, von Verletzungen – verbaler wie physischer. Es gibt zwar keine Statistiken, aber laut Schätzungen von Christina Mundlos, der deutschen Soziologin und Autorin des Buchs „Gewalt unter der Geburt“, betrifft es mindestens 40–50% der Geburten. „Das Risiko für die einzelne Frau bei einer ihrer Geburten Gewalt zu erleben ist jedoch noch höher. Wenn etwa 50% der Geburten betroffen sind, dann liegt das Risiko für die einzelne Frau bei 80% bei einer ihrer Geburten Gewalt zu erleben,“ so Mundlos. Das Sprechen darüber ist gut. Denn wenn wir Frauen uns nicht wehren, wie soll sich etwas ändern? Das Intime ist politisch. 

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