Die Gesichter Syriens in Serbien

23. Juli 2015

Aleksandar Trifunovic ist Journalist aus Bosnien-Herzegowina und Chefredakteur des Online-Magazins "Buka". Er ist zur serbischen Grenze gefahren und hat sich dort mit syrischen Flüchtlingen unterhalten. Lest hier seine Reportage:


Syrien, Flüchtlinge, Serbien
Foto by Aleksandar Trifunovic

Traurige Gesichter Syriens am Busbahnhof in Belgrad. Segal Alzoaby, ein junger Mann aus Syrien, ist eines dieser Gesichter. Tagelang ist er in seinem Land vorm Krieg geflüchtet und marschierte mit Tausenden von Landsleuten über Griechenland, Serbien, Bulgarien, Makedonien in Richtung Deutschland. Ich habe ihn in einem Park neben einer Busbahnhof in Belgrad getroffen.

Ich habe oft bei meinen Durchreisen in Belgrad genau in diesem Park auf den nächsten Bus gewartet. Meistens habe ich, auf dem Weg zu meiner Großmutter und meinem Großvater in die Vojvodina, gerade auf dieser Wiese, die jetzt voll von syrischen Knirpsen ist, gespielt. Sorglosen Kindern sind die schlechten, unmenschlichen Bedingungen egal, sie spielen Ball, spritzen mit Wasser herum, spielen Fangen. Sie laufen vor meine Linse und wollen sehen, wie ihre Fotos ausgefallen sind. Andere Eltern halten ihre Kinder fest im Arm, sie sind misstrauisch. Der öffentliche Brunnen und der schattigen Park sind eine Art Schutz vor der unerträglichen Hitze.

Syrien, Flüchtlinge, Serbien
Foto by Aleksandar Trifunovic

„Richtung Unbekannt“
Belgrad ist, für die meisten, mit denen ich gesprochen habe, nur eine Durchgangsstation. Einige warten darauf, von Freunden abgeholt zu werden, andere warten auf gar keinen, sie sind in kleinen Gruppen unterwegs Richtung „Unbekannt“, mit der Hoffnung irgendwann in Europa anzukommen. Sie erhalten fast keine Unterstützung von den Menschen in Belgrad. Sie umgehen und meiden sie. Segal sagt mir, dass Passanten nur abwinken, falls er sie etwas fragen möchte. Niemand geht auf sie zu oder bietet ihnen gar Hilfe an.

Syrien, Flüchtlinge, Serbien
Foto by Aleksandar Trifunovic

Während wir uns unterhalten haben, sind Hunderte neue Flüchtlinge eingetroffen. Einer von ihnen, Omar, ist zehn Tage lang zu Fuß mit einer Gruppen junger Männer durch Bulgarien marschiert. Einen der Männer nennt er Kapitän, weil dieser sich um alle kümmert.  Er hat mich gebeten, ihn nicht zu fotografieren, seine Leute sind noch in Syrien und er möchte nicht, dass sie Probleme bekommen. Seitdem er auf Reisen ist, haben sie sich nicht gehört. Sobald sich die Gruppe ein bisschen ausgeruht hat, macht sie sich wieder auf den Weg. 

Die ungarische Wand

Segal fragt mich, ob es stimmt, dass die Ungarn eine Wand aufgestellt haben. „Warum tun sie das, wir sind doch auch Menschen. Ich bin nicht aus meinem Land geflüchtet, weil es mir gut ging." Er zeigt mir Bilder von einem Lager in Mazedonien, wo es, wie er mir sagt, sehr schmutzig war und schlechte Bedingungen geherrscht haben. Sie sind Eisenbahnschienen entlang gelaufen, in der Hoffnung auf einen der Güterzüge aufspringen zu können. Als sie in Belgrad angekommen sind, mussten sie sich mehrmals eintragen. Seine Finger sind schwarz wegen der Abnahmen von Fingerabdrücken.

Die Polizisten sind unfreundlich und schreien uns an, beschwert er sich bei mir. Sie haben gehört, so sagt er mir, dass Ungarn in drei Tagen aus der EU austreten würde. Sie fragen mich, ob das stimmt. „Wenn das wahr ist, dann ist das nicht gut für uns“, sagt er besorgt. Ich bringe es nicht übers Herz, ihnen zu sagen, dass sie mehr Vertrauen in Europa haben, als Europa Verständnis für sie hat. Ungarns Zaun ist wohl die ehrlichste Sicht Europas auf diese unglücklichen Menschen.

Syrien, Flüchtlinge, Serbien
Foto by Aleksandar Trifunovic

Ich verabschiede mich von Segal und er dankt mir dafür, dass ich mit ihm gesprochen hab. Er fügt mich auf Facebook hinzu und sagt, dass er mir Fotos und Videos von seiner Reise schicken wird. Ich habe ihn gebeten, sich auf seiner Reise zu melden und mir Bescheid zu geben, wieweit er gekommen ist und ob es Probleme gibt. Ich wünsche ihm Glück, wo immer er auch hingeht, aber sowohl er als auch ich wissen, dass er viel mehr als das brauchen wird. Wenn wir nur ein bisschen mehr Menschlichkeit und Mitgefühl für sie und ihre unglückliche Lage zeigen würden, würde ihnen, davon bin ich überzeugt, alles ein bisschen leichter fallen.

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Hier ist die Reportage auf BKS zu nachzulesen. Übersetzt wurde sie von unserem Redakteur Arman Bobeta.

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