„Halt dich nicht dort auf, wo viele Türken sind“

19. Februar 2021

Mama sagt: „Halt dich nicht dort auf, wo viele Türken sind“. Sie weiß gar nicht, wie drastisch diese Aussage ist. Es ist die Aussage einer Mutter, die Angst um ihre Tochter hat. Was dahinter steckt ist aber eigentlich viel größer: es ist die Angst vor rechtem Terror. Dieser hat genau vor einem Jahr, am 19. Februar 2020, zehn Menschen in Hanau erschossen.

von Berfin Silen

 

„La Votre“ und „Midnight“, die zwei Bars an denen ich sicher etliche Male vorbeigelaufen bin. Während meiner Schulzeit verbrachten wir die Freistunden oft am Forum oder am Marktplatz in Hanau. Die Bars sind direkt um die Ecke. Vor dem 19. Februar sind sie mir nie so richtig aufgefallen, seitdem denke ich oft daran. Ich denke an Gökhan, Sedat, Said Nesar, Mercedes, Hamza, Vili, Fatih, Ferhat, Kaloyan und auch an Gabriele, dessen Sohn an diesem Abend diesen Menschenleben ein Ende gesetzt hat. Der Täter suchte sich bewusst Menschen aus, die „anders“ aussahen, denen man angesehen hat, dass sie „woanders“ herkämen. Die meisten von ihnen waren in Deutschland geboren.

 

Ein Anschlag auf uns alle

Der jüngste der Verstorbenen war 21. An diesem Abend hätte auch einer meiner ehemaligen Klassenkollegen in der Bar sitzen können. Einige der Verstorbenen haben türkisch gesprochen. Ich kannte sie zwar nicht, aber ich kenne ihre Sprache. Ich kenne ihre Familien nicht, aber ich weiß, sie sind meiner ähnlich. Und genau das trifft mich besonders: Die Verstorbenen und mich verbinden viele Linien, deswegen war dieser Anschlag nicht nur einer auf einzelne Menschen, sondern auch auf mich, meine Familie und alle die sich identifizieren, oder auch wenn nicht, einfühlen oder solidarisieren können. Der Täter hat mit einer Ideologie geschossen und diese steht symbolisch für einen Anschlag auf viele.

Erinnerungen verstauben schnell

Fast ein Jahr später - es ist der erste Januar 2021: Ich stehe vor dem Graffiti unter der Friedensbrücke in Frankfurt. Ich sehe die Gesichter von Gökhan, Sedat, Said Nesar, Mercedes, Hamza, Vili, Fatih, Ferhat und Kaloyan ganz groß vor mir. Ich schaue sie an. Vielleicht bin ich ihnen schon mal über den Weg gelaufen, vielleicht haben wir uns angesehen. Heute sind sie nicht mehr da. Heute schauen ihre Gesichter mich an. Ein lebender Moment eingefroren und an die Wand gesprüht. Sie werden zwar nie wieder lebendig sein,  aber sie werden uns erinnern. Mir kommt der Gedanke, dass sobald etwas zu einem Denkmal wird, es auf eine seltsame Art dem Persönlichen entzogen wird. Das Persönliche wird veröffentlicht. Die Erinnerung ist wichtig, aber sie wird so schnell fremd ohne persönlichen Bezug. Menschen gehen vorbei, heben kurz den Kopf und gehen weiter. Der Mensch vergisst sehr schnell und vor allem Dinge, die wenig oder nichts mit ihm zu tun haben. Hanau hat sehr viel mit mir zu tun  - und um nicht zu vergessen, muss ich darüber reden. Es wäre wirklich wunderbar, wenn nicht nur betroffene Menschen darüber sprechen, sondern wir alle. Wir alle, die wir in einem Land leben möchten, in der Mütter nicht Angst um ihre Kinder haben müssen, nur weil sie anders aussehen.

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