Ich bin Arbeiterschicht

16. Mai 2013

Ein bosnischer Spruch besagt: “Du kannst aus Bosnien raus, aber Bosnien nicht aus dir.” Den biege ich mir zurecht, ersetze Bosnien durch Arbeiter- schicht. Trotz meines akademischen Titels bleibe ich Teil davon. Weil ich bin, wie ich bin und sich mein erlangter Magistertitel wie eine fremde Haut anfühlte, die gewöhnungsbedürftiger war, als ich dachte.

UNI WIEN, 25. Juni 2009: Tag meiner Diplomprüfung, Todestag von Michael Jackson. Am letzten Schultag, wie auch am ersten, in Begleitung meiner Mutter, flossen Tränen, als mich die Prüfungskommission Frau Magistra nannte. Als ob der Ballast aus mir herausgeflossen ist, nach all den Jahren Mühe, dieses Ding verliehen zu bekommen. Dann kam die Phase der Selbsterkenntnis, was mir an dieser Veränderung auf einmal nicht passte. Die erste Überwindung war der Mailverkehr. Lange Zeit hatte ich Hemmungen, den Titel Mag. I.M beim üblichen “Mit freundlichen Grüßen“ zu schreiben. Ich fühlte mich wie eine Angeberin, die dem Empfänger eine zwischenzeilige Botschaft “Herst, bin Magister, gebildet und so!” überbringt. Anfangs habe ich ihn weggelassen. Irgendwann verpackte ich’s in die Mailsignatur. Der Blick darauf ist noch immer gewöhnungsbedürftig. Smalltalk mit meiner Hausärztin: Als ich vom Abschluss erzählte, befand sie es für nötig, diesen „Zusatz“ in die Akte einzutragen. Danach wurde ich stets von der Ordinationshilfe mit Frau Magister M. aufgerufen. Ich fühlte mich beobachtet. Aufgestanden bin ich im geliebten Schlabberlook, Trainingshose und Turnschuhen. Alles andere, als einer Frau oder einem Herrn Magister gleich, die ich mir selbst beim Aufruf erwarten würde.

Die Aufmerksamkeit störte mich. Jetzt erwähne ich’s bei keinem neuen Arzt mehr, damit’s nicht durch den Raum gebrüllt wird. Vor allem verwirrend war, als mich einige ältere Verwandte, sogar die Großmutter meines Freundes, mit Sie ansprachen. Als ich Oma fragte, warum sie mich siezt, antwortete sie: “Du hast gute Schule gemacht, mein Kind!” Und mir tat es leid, dass sie meinen Titel über ihre Lebenserfahrung stellte. Ein lustiger Aspekt dabei ist, dass ich ab und zu Frau Magistrat genannt werde.

Oft bemerke ich, dass Leute nur mit dem Titel angesprochen werden. Dann heißt es Frau Generaldirektorin, Dr. Mag. bla bla. Manchmal geht der Name ganz flöten, Hauptsache der Titel wird gebrüllt. Stets bei mir im Kopf: Warum zum Teufel kannst du nicht einfach Frau Müller sagen? Aber in Österreich scheinen Titel wichtig zu sein. Etwas besser zu sein, als einer, der keinen hat? Ich habe einmal versucht, die Bücher eines Mechanikerlehrlings zu wälzen, um zu lernen, wie ein Auto funktioniert. Ich habe nichts gecheckt und fühlte mich wie ein Vollidiot.

Mich stört es, dass gewisse Bildungsgrade der Arbeiterschicht als weniger wert empfunden werden. Nur Friseur, nur Elektriker, nur Bäcker zu sein, ist nicht „nur“. Genau diese Menschen sind es, die mehr für das alltägliche Leben der Gesellschaft leisten, als einer, der Bücher verschlingt, Studien herausgibt oder auf der Tastatur herumtippt, wie ich. Wissenschaft und Studien sind wichtig. Satt davon werde ich nicht, sondern vom Brot eines Bäckers. Deshalb bleibe ich im Herzen Arbeiterschicht, weil ich weiß, was diese Menschen leisten und was ich alles nicht kann. Kochen? Bei mir brennt sogar die Suppe an. Putzen? Bei den Putzmitteln im Supermarktregal stehe ich wie eine verlorene Seele davor. Ich kann keine Häuser bauen, keine Haare schneiden. Ich weiß, wie viel harter Arbeit hinter einer verschmutzten Bauarbeiterhose steckt. Ihr seid für mich mehr wert, als jeder Titel dieser Welt. Ich kam raus aus der Arbeiterschicht, aber die Arbeiterschicht nicht aus mir.

 

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Kommentare

 

Sehr gut geschrieben!

 

Super Kommentar, Ivana! Wir haben in Bulgarien ein aehnliches Sprichwort: "Der Mensch verlaesst das Dorf, das Dorf den Menschen aber nie." :)

 

Ivana, Du schreibst mir aus der Seele...bin Mag.(FH) und habe dieselben Erfahrungen beim Arzt oder Ämtern gemacht. Und auch ähnlich Gedanken zu "klassischen" Hacklerberufen: leider werden Titel hierzulande immer noch wichtiger genommen als tatsächliches Können und Wissen.

 

Interessant ist ja nicht nur die Wahrnehmung unter den Österreichern ohne Migrationshintergrund (geschätzte 100, die abgeschotte in einem Tiroler Tal leben ;) sondern auch des Rests: Ein türkischer Fleischhauer hat mich letztens als ich Lammfleisch kaufte (und mich dabei offenbar als First-Timer erwies) zuerst gefragt ob ich Deutscher bin, dann ob ich "studiert bin". Mein Fleisch hab ich dennoch bekommen...

 

 

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