„Mein Gott, hilf mir, diese tödliche Liebe zu überleben“

11. November 2019

von Andrija Perkovic

Andrija Perkovic

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Im November 1989, also vor 30 Jahren, fiel die Berliner Mauer. Am Tag der deutschen Einheit, den 3. Oktober des Folgejahres, fielen auch die politischen Grenzen. Deutschland war wieder eins. Drei Jahrzehnte später wandere ich als Ösi hier in der Hauptstadt der Ossis, Wessis und Wossis (Wessi + Ossi) herum mit der Frage: „Was it a Happy Ever After“? Die Geschichte einer wiedervereinten Nation. 

9 Uhr Früh, die Tram mieft und die Menschen drängen sich herein. Berufsverkehr. Ausgestiegen, der Himmel ist grau, der Beton nass, die Luft kalt und feucht. Das Ampelmännchen zeigt mit weit ausgestreckten Armen rot. Ich stehe an der Ecke Oberbaumbrücke/Mühlenstraße. Treffpunkt East Side Gallery, gleich bei der Mauer und dem Graffiti „Mein Gott, hilf mir, diese tödliche Liebe zu überleben“ oder manchmal auch nur „Der Bruderkuss“. Das Graffiti ist von Dmitri Wrubel. Es sticht hervor unter alle den Gemälden an der Berliner Mauer. Es ist provokant und fällt auf. Das 1990 entstandene Kunstwerk zeigt Leonid Breschnew und Erich Honecker, zwei sowjetische Staatsmänner, beim Bruderkuss während des Jubiläums zum 30. Jahrestag der Gründung der DDR. Heute, 30 Jahre nach dem Ende der DDR, treffe ich genau vor diesem Bild Elisa Gutsche.

Mein Telefon läutet. Elisa ruft an. Ich erblicke sie auf der anderen Straßenseite. Autos rasen über Pfützen vorbei und spritzen Passanten an. Es wird grün. Sie sieht mich, legt auf und mit einem Lächeln entschuldigt sie sich sofort. 

Andrija Perkovic

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„Typisch Berlin, nicht?“ Sie meint den Regen. Ich muss an das Peter Fox Lied denken. Ich habe sie am Vorabend bei einer Veranstaltung zur friedlichen Revolution kennengelernt. Vier Stunden lang diskutierten ehemalige Revolutionäre, Mitbegründer der SPD, Bürgerrechtler, Aktivisten und allgemein interessierte Bürger über die friedliche Revolution und die Situation im Osten danach. Elisa moderierte die Veranstaltung. 

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Gegenüber der Mauer, an der Zalandozentrale vorbei, setzen wir uns in ein Cafe. Elisa ist ein Nachwendekind.

Brüche in den Biographien.

1985 ist Elisa in der Sächsischen Schweiz zur Welt gekommen. In der Kleinstadt Pirna zwischen Dresden und der tschechischen Grenze an der Elbe verbrachte sie ihre Kindheit und zog wie die meisten jungen Menschen nach dem Abi weg. Sie studierte anschließend im Westen in Heidelberg und Köln. Heute lebt sie in Berlin, ist Juristin, Politikwissenschaftlerin, Autorin und Vorsitzende von Perspektive Hoch 3. Einem Verein, welcher sich mit den Sichtweisen der dritten Generation Ostdeutschlands auf vergangene, gegenwärtige und zukünftige gesellschaftliche Fragen beschäftigt. Als Nachwendekind kann sie sich nicht an die Wiedervereinigung erinnern, aber an die Nachwendezeit. Sowohl ihr Vater, als auch ihre Mutter haben nach der friedlichen Revolution im Jahr 1992 ihre Jobs verloren. Ihr Vater hat sich mit Gelegenheitsjob über Wasser gehalten. Er hat nachts Zeitungen ausgetragen, fuhr Reinigungsmittel aus und hat bei Entrümpelungen geholfen. Hauptsache, es kam Geld rein. Nach einem Jahr fand er wieder einen Job im Dienstleistungssektor. Ihre Mutter war länger immer wieder arbeitslos. Wie viele andere Ostdeutschen hatte er „einfach ein Bruch in seiner Biographie“. 

Kollaps der ostdeutschen Volkswirtschaft

Die ostdeutsche Wirtschaft ist bei der Wiedervereinigung kollabiert. Industrie und Landwirtschaft waren veraltet und konnten nicht mit dem Westen mithalten. Fabriken und staatliche Betriebe wurden geschlossen So konnten von den 12,345 mittleren und kleineren Betrieben mit rund vier Millionen Beschäftigten, die während des Transformationsprozesses privatisiert wurden, nur rund 15 % verkauft werden, zumeist an West-Deutsche oder ausländische Unternehmen. Der Rest wurde geschlossen.  Auch Elisas Familie wurde angeboten, den Betrieb, in dem ihr Vater gearbeitet hat, zu übernehmen. Elisa erinnert sich „Ihnen wurde halt angeboten, das Unternehmen um 100 000 DM  zu kaufen. Das ist halt total absurd. Kein Ost-Deutscher hatte im Jahr 92 diese Masse an Geld. Also woher sollten die Leute dieses Geld haben, die DDR war nicht darauf ausgelegt, Geld zu sparen.“

1995 schaffte es die Volkswirtschaft im Osten wieder auf das Niveau von 1989. Auch wurden die Städte und die Infrastruktur erneuert. Jedoch hielt der Bauboom nicht an. Irgendwann wurde auch die letzte Altstadt renoviert. Es folgten Stagnation und Abwanderung. Die Schere zwischen Ost und West blieb erhalten. Bis heute verharrt die Wirtschaft der neuen Bundesländer bei einer Leistung von etwa zwei Drittel des Westens und verzeichnet eine konstante Binnenmigration in den Westen. 2017 hatte Ostdeutschland (ohne Berlin) zwei Millionen Einwohner weniger als noch im Jahr 1991.

Wäre eine Alternative besser gewesen?

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Ich treffe Prof. Volkmar Hartje bei einem Kaffee in der Berliner Innenstadt. Er wuchs im Westen auf, studierte in Köln und in Harvard Volkswirtschaft und Städteplanung. Nach zwei Jahren in der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau zog er 1987 nach Berlin, um an der TU Berlin zu unterrichten. 30 Jahre nach dem Mauerfall zieht er Bilanz: „Es gab eine kleine Gruppe an Befürwortern, die sich für eine selbständige DDR aussprachen. Eine Demokratie mit freier Markwirtschaft, aber eben eigenständiges Währungsgebiet. Wenn man sich das aber überlegt: All die Effekte, die wir jetzt haben, wären viel größer gewesen. Die Abwanderung wäre höher gewesen und die Möglichkeiten der vom Bund finanzierten Modernisierung der gesamten Volkswirtschaft der DDR nur im begrenzten Maße möglich.“ Der größte Teil der Bevölkerung wollte eine schnelle und vollständige Angliederung an Westdeutschland. Das spiegelt sich auch in den ersten Wahlen wider, in denen Helmut Kohls CDU haushoher Sieger war.


Eine schnelle und vollständige Angliederung an Westdeutschland - geklappt?

Elisa nimmt einen Schluck vom Kaffee, beobachtet die vorbeifahrenden Autos und gibt zu bedenken: „War die Angliederung ein Erfolg? Es kommt darauf an, wie man Erfolg definiert.“ Die neuen Bundesländer erlebten im Vergleich zu den anderen Staaten des Ostblocks die schnellste und massivste Deindustrialisierung und Transformation. Die meisten Menschen haben mittlerweile wieder einen Beruf. Jedoch wurden bei der Eingliederung ostdeutsche Eigenheiten außer Acht gelassen. So hatten die Arbeit und der jeweilige Betrieb im Osten einen ganz anderen sozialen und kulturellen Stellenwert. Dein Arbeitsplatz hatte eine ganz andere Funktion, als im Westen. „Du hattest deine Fabriken und da war gleich dein Kindergarten, dein Arzt. Du hattest deine Brigade - so hieß dein Team - mit denen hast du Ausflüge gemacht und deine Feierabende verbracht. Das war dein gesellschaftlicher Zusammenhalt“, erklärt Elisa. Mit dem wirtschaftlichen Erliegen oder der Umwandlung kam es somit auch zum gesellschaftlichen Stillstand. Elisa ist sich sicher: „Ich glaub auch, dass der Aufstieg der AFD und die Stärke der AFD mit den Fehlern dieser Zeit zu tun hat.“

Andrija, Perkovic, Der Deutsche Bundestag

Copyright Andrija Perkovic Der Deutsche Bundestag

Eurotours

2019 war ein besonderes Jahr für die EU. Vor 30 Jahren fiel der Eiserne Vorhang. Das EU-Referendum in Österreich liegt 25 Jahre zurück. 2004, also vor 15 Jahren war die EU-Osterweiterung. Das vom Bundeskanzleramt geförderte Projekt "eurotours 2019" nahm das zum Anlass, um 28 Jungjournalisten rund um die EU zu schicken und über die Lage der Union zu schreiben. 

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