„Meine größte Schwäche ist meine Ungeduld“

29. Januar 2019

OMV-Chef Rainer Seele über Russland und seinen Freundschaftsorden, warum er eintausend Weihnachtskarten geschrieben hat und die Frauenquote in der OMV.

von Simon Kravagna, Fotos: Susanne Einzenberger

ALMANAH: Herr Seele, Sie sind in der OMV dafür bekannt, besonders viele Weihnachtskarten handschriftlich zu schreiben. Wie viele waren es denn diesmal?

RAINER SEELE: So rund eintausend Karten, denke ich. Ich finde, man sollte zu bestimmten Anlässen ein persönliches Zeichen setzen. Das klingt vielleicht kitschig. Aber ein paar persönliche Worte bringen schon mehr Wertschätzung zum Ausdruck als jene Massenmails, die ich oft so vor Weihnachten bekomme.

 Wer bekam denn so eine Karte von Ihnen? Bundeskanzler Sebastian Kurz?

 Ja sicher, den schätze ich auch persönlich sehr.

Und hat Russlands Präsident Putin eine Weihnachtskarte bekommen?

Nein. Ich habe vor allem Geschäftspartnern geschrieben. Aber auch vielen Mitarbeitern und Freunden.

Foto: Susanne Einzenberger
Foto: Susanne Einzenberger

Wie wichtig sind persönliche Beziehungen im internationalen Öl- und Gasgeschäft?

Es gibt eine simple Erkenntnis: Vertrauen hilft enorm, nachhaltig Geschäfte zu machen. Diese Erkenntnis gilt wohl für die ganze Welt aber mit Sicherheit für Russland und den arabischen Raum. Wenn man eine gute Vertrauensbasis hat, geht man gemeinsam durch dick und dünn. Es hilft übrigens auch, sich nicht nur fürs Geschäft, sondern auch für die Kultur und die Menschen eines Landes zu interessieren.

Sie gelten als Russland-Versteher. Sie sollen einmal gesagt haben: „Ein Russe spürt vom ersten Moment an, ob Sie ihm auf Augenhöhe begegnen.“  Sind Russen da besonders sensibel? Wie tickt die russische Seele?

Ich bin kein Tiefenpsychologe. Aber auch in Russland hilft es, sich auf seine Gesprächspartner und das Land einzulassen.

Wie machen Sie das konkret?

Ich fahre nicht nur nach Russland, um Verträge zu unterzeichnen, sondern nehme mir ab und zu Zeit, Menschen zu treffen und mir das Land anzuschauen. Zurück zur Augenhöhe: Mit dominanten Modellen fahren Sie sowieso nie gut. Daher strebe ich immer gleichberechtigte Partnerschaften an – egal ob in Russland oder in Malaysien. 

Was gefällt Ihnen besonders gut in Russland?

Da gibt es vieles. Die sprichwörtliche Gastfreundschaft und die Kultur. Aber auch die Natur. Gehen Sie mal ins Altai-Gebirge. So ein wunderschöner Teil unberührter, geschützter Natur fasziniert mich. Eines der ersten Worte, die ich in Sibirien gelernt habe, ist übrigens Komáří, das heißt Mücken auf Russisch. Im Sommer wartet in Sibirien ja eine Mückenplage auf Sie. Aber im Altai-Gebirge gibt es keine Mücken, das ist unglaublich zu erleben, wenn Sie dort sind.

Haben Sie eigentlich schon den Freundschaftsorden bekommen, für den Sie von Präsident Putin vorgeschlagen wurden?

Ja, im Dezember. Aber man sollte einen Orden nicht überbewerten. Ich verstehe ihn als Zeichen der Anerkennung, weil ich mich um die Beziehung zwischen Österreich und Russland bemühe. Es ist nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Nach der Republik Österreich ist Abu Dhabis Staatsfonds IPIC der nächstgrößte Eigentümer. Wie kommen Sie mit den arabischen Miteigentümern zurecht?

Ich erkenne sehr große Parallelen zu Russland. Vertrauen ist einfach das wesentliche Thema. In Amerika denkt man mehr mit dem Kopf, in Russland und dem arabischen Raum mehr mit dem Herzen. Das Thema Emotion hat einfach in den beiden Regionen mehr Bedeutung. Aber zur Klarstellung: Geschäftlich ist die OMV dort tätig, wo wir die größten wirtschaftlichen Chancen sehen und nicht dort, wo ich gerne hinfahre.

Kommen wir zu den USA: Wirkt sich die „America First“-Politik von Präsident Donald Trump auf die OMV aus?

Nein, nicht direkt. Wir haben aber auch keinerlei geschäftliche Tätigkeiten in den USA. Wir spüren aber Druck bei Infrastrukturprojekten, die wir gemeinsam mit Partnern betreiben. Bei der von den USA abgelehnten Nord-Stream 2 Pipeline, die russisches Gas nach Europa bringen soll, erkennen wir, dass Wirtschaftspolitik mittels Sanktionspolitik betrieben wird.  Die USA würden halt lieber ihr eigenes Flüssiggas in Europa vertreiben.

Zu Präsident Trump: Verstehen Sie den Mann?

Ich möchte mich da raushalten. Als jemand, der in Deutschland aufgewachsen ist, bin ich grundsätzlich ein Anhänger der transatlantischen Freundschaft. Da sehe ich doch mit einem gewissen Schmerz, dass die US-Regierung derzeit andere Prioritäten hat. Das Signal von Europa ist klar: Wir möchten Freundschaft mit Amerika. Aber wie man so schön sagt: Es braucht „two to tango“. Allerdings sollten wir nie ein Land mit seiner Regierung oder seinem Präsidenten gleichsetzen. Das gilt für die USA wie für Russland übrigens.  

Zu ihrer Heimat Deutschland. Hat Angela Merkel als Kanzlerin Großes geleistet?  

Ohne jegliche politische Leistung könnte sich eine Kanzlerin in einem so großen Land wie Deutschland nicht so lange halten. Wenn ich an Angela Merkel denke, denke ich als Erstes an ihre großartige Leistung bei der Bewältigung der Finanzkrise für Europa. Beim Thema Migration ist Deutschland – wie auch viele Länder in Europa - gespalten.

„Vertrauen hilft enorm, nachhaltig Geschäfte zu machen.
Susanne Einzenberger

Apropos Frauen an der Macht: Wo sind denn die Frauen im OMV-Vorstand?

Da könnte ich mich jetzt auf den Aufsichtsrat herausreden. Das will ich aber gar nicht. Grundsätzlich ist mir wichtig zu sagen, dass man sich für den Vorstand auch durch besonders viel Erfahrung qualifiziert. Wir müssen daher zuerst einmal jenen Pool an Frauen erhöhen, die für so eine Funktion in Frage kommen. Daran arbeiten wir. Im Aufsichtsrat der OMV gibt es Frauen. Vielleicht aber nur, weil ein gewisser Frauenanteil gesetzlich vorgeschrieben ist.

Sind Sie Fan derartiger Quoten?

Wir haben uns im Unternehmen ja bereits selbst eine Quote gegeben. Bis zum Jahr 2025 wollen wir 25 Prozent Frauen im Management haben. Derzeit sind wir bei 18 Prozent, im Jahr 2010 waren es nur fünf Prozent. Wir holen auf. Wenn ich eine große Schwäche habe, dann ist es meine Ungeduld. Wir haben immer sehr viel über das Thema gesprochen, aber es hat sich nichts getan. Jetzt gibt es Ziele, die in Zahlen gegossen sind. Damit geht was weiter. 

Noch zum Thema Vielfalt im Konzern. Welche Sprache spricht man im Konzern?

Bei unseren Standorten gilt die Landessprache. In Englisch wird untereinander kommuniziert. Wenn wir also jemanden ins Management der „Petrom“ (OMV-Tochter) nach Rumänien schicken, erwarte ich mir, dass diese Person nach ein paar Jahren auch auf Rumänisch kommunizieren kann. In Wien sprechen wir Deutsch. Vor meiner Zeit war die Unternehmenssprache auch in Wien Englisch. Damit wollte man einen internationalen Anspruch betonen. Aber wir wollen uns bewusst nicht mehr als englischsprachiger Konzern verstehen, sondern als ein Unternehmen, wo Vielfalt großgeschrieben wird – sprachlich und kulturell.

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