Ohne deutsche Freunde kein Deutsch

10. Mai 2018

Die Einführung von Flüchtlingsklassen sorgte 2015 für Diskussionsstoff unter Journalisten, Politikern und Lehrern. Was ist aus den Kindern geworden? Exklusiv-Reportage aus Deutschland.

von Amar Rajkovic, Fotos: Mafalda Rakos 

"Was sind Adjektive?“, fragt Frau Röher laut in die Runde. Sofort schießen alle Hände der 7e
in die Luft. Oskar, ein Schüler aus Polen, zeigt auf und ruft zögerlich heraus: „Der, die, das?“ „Nein, Oskar“, antwortet die Pädagogin, „wer kann mir sonst erklären, was Adjektive sind?“, fragt Frau Röher noch einmal. Yaman, das Mädchen aus Syrien, versucht sich an einer Erklärung: „Wenn etwas heiß oder kalt ist, oder wenn jemand schnell oder langsam ist.“ „Richtig, Yaman!“, regnet es Beifall für die Schülerin mit dem blumenverzierten Kopftuch. Yaman, sichtbar siegesgewiss, genießt den Moment des Triumphes. Auch Pakisa, eine kurdische Yesidin, wirft ihr anerkennende Blicke zu, um gleich wieder aufzuzeigen, in der Hoffnung, es ihrer Sitznachbarin gleichzutun. „Was
ist das Gegenteil von spitz?“, fragt die Pädagogin erneut in die Klasse. Die Willkommensklasse ist kaum zu halten und ruft reihenweise ungefragt die Lösung heraus. Das „Spiel“ geht wieder von vorne los.

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Rund 60 Flüchtlinge von 2015 sind heute in ihren Regelklassen eingegliedert

Flüchtlingsklassen seit 2015

Wir befinden uns in der letzten Willkommensklasse der Hauptschule Herbertskrau in Frechen. Früher habe man die Kinder ohne Deutschkenntnisse problemlos in den Klassenverband integrieren können, im Jahr 2015 sind aber die Lehrer an ihre Grenzen gestoßen und aus diesem Grund wurden „Willkommensklassen“, im Boulevard auch oft „Flüchtlingsklassen“ genannt, eingerichtet. Dort sitzen 11- bis 16-jährige Kinder aus Syrien, dem Irak, Albanien, Eritrea, dem Kongo, Kasachstan, Polen oder Italien zusammen. Das Hauptziel: möglichst schnelles Lernen der deutschen Sprache und Eingliederung in die Regelklassen. Die Schule dient hier als Auffangbecken für all diejenigen, die sonst keinen Platz im deutschen Schulsystem finden. Die Stadt ist bekannt für ihre Logistikunternehmen, das größte Bauhaus Deutschlands, den Braunkohleabbau und ihre charakteristischen Backsteinhäuser, die dem Besucher die architektonische Nähe zu Holland suggerieren. Man habe sich für den Begriff „Willkommensklasse“ entschieden, weil der viel freundlicher rüberkommt als „Flüchtlings- oder Auffangklasse“, so Frau Kusenberg, die Schulleiterin, eine Frau mit kurzen, grauen Haaren und beruhigender Stimme. Sonderschullehrerinnen wie Frau Röher wurden mit der Betreuung der Willkommensklassen beauftragt. Die rund 60 Flüchtlinge von 2015 sind mittlerweile in die Regelklassen integriert worden. Wie geht es ihnen heute? Haben sie von der damaligen Segregation proftiert oder  wurden sie den Stempel des Flüchtlings nicht mehr los? 

„Wir hatten eine super Zeit“, erinnert sich Petros Kaja. Der 15-jährige Albaner aus dem Städtchen Fier kam zusammen mit seinem Vater nach Frechen. Sie lebten zusammen in Griechenland, bevor Petros‘ Eltern die Entscheidung trafen, mit ihrem Sohn ein besseres Leben führen zu wollen. In Deutschland angekommen fühlte sich Petros einsam. Da kamen die Schicksale der anderen Flüchtlingskinder in der Klasse gerade recht, um sich auszutauschen und von den schlimmen Erfahrungen abzulenken. „Wir konnten alle kein Deutsch und teilten uns dieses Leid.“ Petros Aussagen wirken sehr reif und durchdacht, wenn man bedenkt, dass er gerade mal 15 Jahre alt geworden ist. Zusammen mit Adil bildet er heute ein Power-Duo,
das durch dick und dünn geht. Die beiden Freunde haben sich in der damaligen Flüchtlingsklasse kennengelernt und blicken durchwegs positiv auf die Zeit zurück. 

Das sind keine Teenie-Stars, sondern fünf Freunde, die alle eine damalige Flüchtlingsklasse besuchten.
Das sind keine Teenie-Stars, sondern fünf Freunde, die alle eine damalige Flüchtlingsklasse besuchten.
 

Adil ist syrischer Kurde. Seine Eltern stammen aus Afrin und Kobane, er und seine zwei Geschwister Jinan und Kauwser erblickten in Aleppo das Licht der Welt. Die Schulzeit in Syrien war unbekümmert und eben so, wie man sich eine Kindheit
 in Frieden vorstellt. In Aleppo durften
 die Geschwister in die Schule gehen, ein Privileg, das ihnen nach der Flucht in die Türkei verwehrt blieb. Die beiden Schwestern Jinan, 17, und Kauwser, 16, mussten in Massennähereien in Istanbul arbeiten. Nicht selten von sieben Uhr morgens bis zehn Uhr abends. Kein Wunder, dass ihre Augen hell aufeuchten, wenn sie über Deutschland sprechen: „Hier haben wir die Freiheit und den Frieden“, schwärmt Kauwser, die mittlere der drei Geschwister. Sie trägt ihre dunklen Haare offen über beide Schultern, ihre mandelgroßen, schwarzen Augen werden mit jedem gesprochenen Satz größer. Die Euphorie verfliegt als wir die beiden Schwestern auf die Anfangszeit in der Flüchtlingsklasse ansprechen. „Wir konnten es nicht erwarten, endlich mit anderen Schülern in normalen Klassen zusammengeführt zu werden.“, so Jinan. Die ältere Schwester erklärt uns , warum: „Meine Schwester und ich waren in der Flüchtlingsklasse mit vielen anderen Syrern, die Klasse unseres Bruders Adil war besser durchmischt.“ Während der Bruder sofort Anschluss fand, deutsche Freunde im Schulhof kennenlernte, ärgerten sich die Schwestern über ihre Landsleute im Unterricht. „Die anderen syrischen Schüler haben sich nur in ihrer Muttersprache, entweder arabisch oder kurdisch, unterhalten“, berichtet Jinan. Ihre Schwester legt nach: „Ich war ein Jahr in dieser Klasse und es war so richtig schlimm, wirklich schlimm.“ Kauwser blickt auf eine Zeit zurück,
die sie nicht nochmal erleben möchte. Auch die mitgebrachten Traumata der Flüchtlingskinder trugen dazu bei, dass die Schwestern ganz anders über die Flüchtlingsklasse berichten als ihr Bruder Adil. Sie betonen mehrfach während des Gesprächs die Wichtigkeit, sofort mit anderen in deutscher Sprache kommunizieren zu können. Kauwser und Jinan gehen sogar so weit, dass sie auch ihre Mutter daheim zum Deutsch-Sprechen „nötigen“. Ihr Motto: „Wir wollen deutsch sprechen, um Deutsch zu lernen.“ 

Fab Five 

Die fünfte im Bunde ist zugleich die Unauffälligste. Während Petros, Adil, Jinan und Kauwser schon 2015 nach Frechen kamen, machte es ihnen Fikrat Alamo im Oktober 2016 nach. Die 17-jährige Syrerin bestand darauf, mit uns zu sprechen. Sie brachte einen handgeschriebenen Brief mit, in dem sie die Vereinten Nationen und die EU bat, das Blutvergießen in ihrer Heimat zu beenden. Der rührende Brief beinhaltet zwar Grammatikfehler, ist aber erstaunlich eloquent verfasst– man bedenke, dass das Mädchen noch nicht mal zwei Jahre in Deutschland lebt. Wie sie solche Fortschritte in Deutsch erzielen konnte, wollen wir von ihr wissen. Der riesengroße Adele-Fan nimmt es sehr ernst mit dem Spracherwerb, nicht nur in Bezug auf Deutsch. „Ich lerne auch Englisch, indem ich mir Adeles Texte durchlese und sie zuerst ins Arabische und dann ins Deutsche übersetze“, verrät uns die introvertierte Multi-Taskerin. Ihre ersten schulischen Schritte setzte sie im ortsnahen Gymnasium, doch dort konnte man sich nicht richtig um sie kümmern: „Hier in der Hauptschule habe ich viel Hilfe von den Lehrern“, bricht Fikrat
 eine Lanze für ihre aktuellen pädagogischen Betreuer. Diese Zeilen werden wahrscheinlich wohlwollend in dem viel zu klein geratenen Lehrerzimmer der Hauptschule in Frechen aufgenommen werden. Dort herrscht Trubel und geschäftiges Treiben als wir uns kurz in der Pause verpflegen wollen. Im Gespräch mit einigen Lehrkräften fällt auf: Deutschlands Hauptschullehrer haben mit denselben Problemen zu kämpfen wie ihre NMS-Kollegen in Österreich. Dabei kommen die Professoren aus dem Gymnasium genauso schlecht weg wie die Politik, von der viele Lehrer hier enttäuscht sind.

Einer davon ist Herr Gaebler, Lehrer in Mathematik, Physik und Deutsch. Er ist für die Betreuung der Homepage verantwortlich und gibt uns gerne Auskunft zum Ruf der Schule und zur Schwierigkeit, mit Kindern zu arbeiten, von denen manche davor nicht mal gewusst haben, wie man eine Schere benutzt. „Wir brauchen auf jeden Fall Grundschullehrer (in Ö. Volksschullehrer), weil wir hier Kinder noch immer alphabetisieren müssen“, so Gaebler. Ebenfalls habe der Einsatz eines Vollzeit beschäftigten Sozialarbeiters Früchte getragen. Der Medienbeauftragte der Schule erinnert sich zwar auch an die positiven Beispiele, wie die syrische Oberschicht, die in der Zwischenzeit auf dem Gymnasium glänze. Der Großteil der Flüchtlinge 2015 kam aber direkt in die Hauptschule Herbertskrau, in das Haus mit seinen grauen Betonwänden, die mehr an einen Luftschutzbunker als eine lebhafte Schule erinnern. Die Direktorin, Frau Kusenberg, schlägt in eine ähnliche Kerbe wie Herr Gaebler. „Manchmal fühlen wir uns wie ein Schuleimer“, klagt Kusenberg und setzt fort: „Andere Schulen rufen an und sagen uns, sie hätten einen Schüler, der verhaltensaufällig ist. Wir von der Hauptschule nehmen jeden auf, obwohl wir schon längst an unsere Grenzen gelangt sind“. 

Ohne Hauptschule kein sozialer Frieden


Trotz der Widrigkeiten würde sich Fr. Kusenberg jederzeit wieder für die Hauptschule entscheiden, was auch 
in ihrer sozialen Herkunft als Arbeiterkind begründet sein könnte. „Ich habe selber meine Tochter im Gymnasium gehabt und fand die Atmosphäre dort ganz schrecklich, abgehoben, arrogant. Ich müsste dort die ganze Zeit auf der Hut sein, weil mich jederzeit irgendein Anwaltsvater wegen nichts verklagen könnte“, lässt Frau Kusenberg kein gutes Haar am Schultyp Gymnasium, der so ähnlich wie in Österreich höhere Standards voraussetzt, aber ebenfalls kaum Flüchtlinge aufgenommen hat. Insgesamt gebe es noch 84 Hauptschulen
 im Regierungsbezirk Köln, 2023 sollen
 es nur mehr 48 werden. Dabei sichert die Hauptschule den sozialen Frieden
 in Frechen, weil der Kontakt von Lehrer zu Schülern enger ist als in Gymnasien. Da der Unterricht auch fast nie ausfällt, „laufen die Kinder nicht in die Stadt und machen Unsinn“, betont die kurz vor dem Ruhestand befindliche Frau und resümiert: „Wir sind eine Schule, die alles inkludiert, sowohl Hauptschüler, Kinder mit Förderbedarf als auch Flüchtlingskinder, die in Regelklassen inkludiert werden.“ Frau Kusenberg setzt diese Ansage gar nicht als Resignation ein, vielmehr scheint ihr die Rolle als Vermittlerin von Wissen und klaren Regeln zu gefallen. Und sie leugnet gar nicht die Konflikte, die sich in ihrer Schule durch die Errichtung der Flüchtlingsklassen herauskristalisiert haben. „Wir hatten am Ende des Jahres eine Situation, dass sich Gruppen im Schulhof gebildet haben und gegen andere gemotzt haben.“ Trotzdem habe sie fast nur Positives zu berichten.

Zurück zu den „Fab Five“, den damaligen Pionieren der Flüchtlingsklasse. Wir treffen Petros, Adil, Jinan, Kauwser und Fikrat am Nachmittag vor den Toren des Schulhauses. Der Anblick ist gewöhnungsbedürftig, denn der Eingang zum Schulhaus ist mit Gitterstäben versehen.“Damit Obdachlose nicht auf die Idee kommen, hier zu übernachten. Die Teenies schmieden gerade After-School-Pläne und lassen sich in Infuencer-Manier von unserer Fotografen ablichten. Sie wollen gleich zum McDonalds chillen und abhängen. Übrigens ist hier „Mäces“ das Äquivalent zum österreichischen „Mäci“. Danke für die Info, Adil, wieder was dazugelernt. Abschließend bitten wir die Clique um ihre wichtigste Erkenntnis seit sie im beschaulichen Frechen leben. Als Ratschlag für alle Kinder, die in Zukunft nach Deutschland oder Österreich kommen, um hier ein neues Leben anzufangen. In dieser Sache sind sich alle einig: „Ohne deutsche Freunde hätten wir niemals Deutsch gelernt.“ ●

 

 

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