Ost-Spezial: SANADERS UNTERGANG

09. Februar 2011

Seit Wochen sitzt Kroatiens Exkanzler Ivo Sanader in Salzburg in Auslieferungshaft. Unschuldig, wie der frühere Politiker meint: „Gegen mich ist eine mediale Hexenjagd und eine Rufmordkampagne im Gange“. Tatsächlich hat ein Journalist wesentlich dazu beigetragen, Sanader vor Gericht zu bringen – der kroatische Aufdeckungsjournalist Hrvoje Appelt. Das Porträt eines Mannes, der sich als Eislauflehrer Geld verdienen muss, um ungehindert als Reporter arbeiten zu können.

Von Bogumil Balkansky

Investigativer Jounalismus ist ein hartes Brot! Oft bedarf es monatelanger und manchmal jahrelanger Recherchen, bis ein Artikel gedruckt werden kann. Hrvoje Appelt ist einer der wenigen Journalisten in Kroatien, die so arbeiten. Seit elf Jahren ist er in diesem Geschäft tätig, dennoch ist über seine Person nur wenig bekannt. Der Grund dafür ist, dass Appelt bedroht wird, seit er 2008 über die Machenschaft im kroatischen Erdölmanagement berichtet hat. Appelt ist wesentlich für die Verhaftung des früheren, langjährigen kroatischen Kanzlers Ivo Sanader im Dezember 2010 verantwortlich – seit damals sitzt der Ex-Premier in Salzburg in Auslieferungshaft.

 


Und weil fast alle Medieninhaber in Kroatien ebenfalls zum Sanader-Polypen gehören sollen, bekommt Hrovje Appelt keinen richtigen Job als Journalist mehr. Erst seit Kurzem haben sich zwei Politmagazine im kroatischen Fernsehen erbarmt und beschäftigen ihn als freien Mitarbeiter – ohne Bezahlung.  Seinen Lebensunterhalt verdient der Preisträger höchster kroatischer Auszeichnungen für Journalismus und begeisterter Eishockeyspieler am Eislaufplatz – als Eislauflehrer!

 



Sanaders Uhren
Wie Hrvoje Appelt arbeitet zeigt sich an einem Nebenschauplatz des Skandals, rund um Sanaders Uhrensammlung. Appelt fällt auf, dass die Armbanduhren des Kanzlers teuerste Spitzenmodelle aus seiner privaten Sammlung sind. Wie sich der Politiker das leisten kann? Von seinem Gehalt als Kanzler jedenfalls nicht, findet Appelt heraus. Sanader behauptet seinerseit, dass die Quelle seines Wohlstandes (Gemäldesammlung, Grundstücke, Wohnung in New York, Motoryacht) zwei Firmen in Österreich seien. Appelt forscht weiter. Das Resultat: Sanaders Firmen sind längst ohne Gewinn und in Konkurs geraten.

Sanader, Stoiber, Haider – und Schüssel?
Was Hrvoje Appelt bei seinen Nachforschungen außerdem findet, ist ein Korruptionssumpf der von Kroatien nach Bayern und Kärnten führt. Nicht nur die gesamte Spitze von Sanaders christlichkonservativer HDZ (Hrvatska Demokratska Zajednica), seine Familie, die katholische Kirche und ein Großteil der aktuellen kroatischen Regierung sollen darin verstrickt sein. In einem Kurier-Interview (und in anderen Medien) nennt Appelt außerdem Namen wie Jörg Haider aber auch Manfred Stoiber (Bayrischer Ministerpräsident) und sogar Wolfgang Schüssel, die über die Aktivitäten der Hypo in Kroatien informiert gewesen wären.

Der später uferlose Sumpf, so behauptet Appelt, begann schon in den 90er-Jahren mit den ersten Aktivitäten der Hypo in Kroatien. Heute angeklagte Hypo-Manager aus dem Umfeld Haiders, sollen damals mehr als hilfsbereit gewesen sein, um kroatische Gelder aus krummen Waffengeschäften zur illegalen Finanzierung des Krieges und der HDZ zu waschen. Somit wird Ivo Sanader zu einer der zentralen Figuren im Hypo-Alpe-Adria-Skandal. Mehr noch: für Appelt steht fest, das die Machenschaften von Sanader und Haiders Pleite-Bank die Hauptverursacher der innerkroatischen Wirtschaftskrise sind. Sanader selbst dementiert.

System Tudjman / Sanader
Hrvoje Appelt findet nicht nur Korruption auf nationaler wie internationaler Ebene, sondern eine Art „Tradition“ oder System, das in die Kriegsjahre zurückreicht und von Sanaders Vorgänger in der Parteispitze, Franjo Tudjman, ersonnen wurde. Tudjmans undemokratischer Traum: 200 auserwählte Familien kontrollieren die kroatische Wirtschaft. Verbindungsmann zur Geldwaschmaschine Hypo ist der Innsbrucker Uniabsolvent Ivo Sanader,. Der Grundstein zum späteren „System Sanader“ ist  damit gelegt. Die Vorgangsweise ist anfangs überraschend primitiv, fast dumm-dreist: Im Krieg und danach, befüllen Tudjmans Familie und Günstlinge der HDZ, Konten in Liechtenstein, Zypern und anderswo mit schmutzigem Geld als Besicherung für „saubere“ Kredite der Hypo. So wird eine österreichische Provinzbank zum wichtigsten Geldinstitut Kroatiens und Hauptkreditgeber für öffentliche Projekte und Freunde der HDZ. Nach Tudjmans Tod führt laut Appelt, Ivo Sanader als Spitzenmann der HDZ das System zur heutigen „Blüte“ indem er zahlreichen Günstlingen zu überteuerten Staatsaufträgen verhilft. Dabei „integriert“ Sanader, so behauptet Appelt, auch seine Familie in das Getriebe des Betrugs: Die Ehefrau, beide Töchter, den Bruder, der ein Pfarrer ist und sogar die Schwiegereltern. Für die Genannten gilt die Unschuldsvermutung, während ihre Konten gesperrt werden und sie Vorladungen zu Vernehmungen erhalten.

Sander, der am Gipfel seiner Macht in Kroatien den Beinamen „Drachentöter“ bekam, sieht sich heute als Opfer einer „medialen Hexenjagd und Opfer einer Rufmordkampagne“. Wichtige politische Kreise in Kroatien würde seine Rückkehr in die Politik fürchten und an seiner Diffamierung arbeiten, teilte er den Salzburger Nachrichten aus der Haft mit.

Piranha unter Haien
Unter welchen Bedingungen kroatische Journalisten wie Hrvoje Appelt arbeiten müssen, zeigt auch das Ranking der „Reporter ohne Grenzen“, die Belange der Medienfreiheit weltweit kritisch beobachten. Kroatien ist auf Platz 45., gerade noch vor der Südafrikanischen Republik. Außer Appelt sind 2010 noch ein halbes Dutzend anderer kroatischer Journalisten unter Polizeischutz und beinahe monatlich wird ein Journalist krankenhausreif geprügelt. Viele, die früher für regierungskritische Zeitungen schrieben, bekommen keinen Job oder müssen von gewissen Themen Abstand halten. Bisheriger Höhepunkt: der Herausgeber eines der wichtigsten Politmagazine Kroatiens, Ivo Pukanic, wird zusammen mit seinem Assistenten, mitten in Zagreb mit einer Autobombe ermordet! So eine Höllenmaschine findet auch Hrvoje Appelt unter seinem Auto. Zahlreiche Drohungen per Post, SMS und eMail, sind inzwischen Appelts Alltag, der ihn anspornt statt zur Aufgabe zu bewegen.

Hrovje Appelt: ein kroatischer Don Quijote?
Sanader sitzt im Bau, einige seiner Helfer ebenfalls und viele werden noch verhaftet werden. Aber wie geht das Leben von Hrvoje Appelt weiter? Kämpfen er und andere kroatische Journalisten unter Lebensgefahr gegen Windmühlen? Hat deren Hartnäckigkeit wirklich etwas bewirkt? Warum machen sie trotz aller Drohungen weiter? Und wird Appelt selbst als Drachentöter des Drachentöters in die Geschichte Kroatiens eingehen? 

In einem Interview im kroatischen Fernsehen sagte Appelt: „Ich will in einem zivilisierten, rechtsstaatlichen Kroatien mit einer breiten Mittelschicht leben. Die Mittelschicht trägt die Wirtschaft und die Zivilgesellschaft und diese Leute, über die ich berichte, haben es ausgeraubt, ausgelaugt und verarmen lassen. Irgendjemand muß darüber berichten und dafür sorgen, dass die Öffentlichkeit erfährt, wer sie ausraubt!“ Hrvoje Appelt geht weiter seinen Weg und gründet die unabhängige Plattform für kritische Berichterstattung www.appeltreport.com . Mit Sicherheit wird Hrvoje Appelt auch als Kronzeuge im Prozess gegen Sanader, sein System und vielleicht sogar im Hypo-Alpe-Adria Verfahren aussagen.

 

 

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Kommentare

 

Wie kann ein so grosser politischer Apparat mit tausenden von Finanzbeauftragten, so wenig mitbekommen? Oder ist das Methode um die Länder später in Geiselhaft zu nehmen? Da wünscht man sich ja echt die alte Carla zurück nach Den Haag....

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