Selling Sex

21. Oktober 2020

Zwischen Daddy-Kinks, Fetisch und Escort: Junge Frauen in Wien verdienen sich mit Sexarbeit die Kosten für ihr Studium. Warum ihre Tätigkeit nicht antifeministisch sei, Trends auf TikTok aber gefährlich seien und wie sie mit den Schattenseiten im Business umgehen, darüber berichten drei Insiderinnen.

Von Berfin M., Illustrationen: Linda Steiner

Sexwork
Linda Steiner

Warum verkaufe ich nicht über Kleinanzeigen im Internet Fotos von meinen Brüsten?“, fragt sich Pia* das erste Mal, als sie einen Job im Internet sucht. Durch die Kürzung der Studienbeihilfe macht sich die Wiener Studentin auf die Suche nach einer neuen Arbeit, die am besten online zu erledigen sein sollte. Während ihrer Recherche stößt sie auf Berichte von Frauen, die über exorbitante Verdienste schreiben, weil sie Fußbilder an Fetischist*innen schicken. „Warum probiere ich das nicht selbst einmal aus?“, denkt sich Pia. Inzwischen zählt die junge Frau mit den pechschwarzen langen Haaren, den Gesichtspiercings und dem dunklen Make-Up zu den Top-Verdienerinnen der Branche - und das Weltweit.

VON ARBEITSLOSER STUDENTIN ZUR TOP-ONLINE-SEXARBEITERIN

Seit zweieinhalb Jahren verkauft Pia, die heute 25 Jahre alt ist, Fotos und Videos von ihrem Körper im Internet. Meistens sind diese Fotos herkömmliche Selfies in Dessous, aber auch professionellere Erotikbilder von ihr in lasziven Posen im Bett oder vor einer schönen Wand stellt sie für ihre Kundschaft her. Pia erzählt, dass die Selfies oft besser ankommen, weil die Kunden dadurch das Gefühl einer „engeren Bindung“ zu ihr gewännen. Im Jänner dieses Jahres hat sie über die Empfehlung ihres damaligen Freundes die internationale Plattform OnlyFans entdeckt. OnlyFans ist eine Website, auf der viele Sexarbeiter*innen private und intime Inhalte verkaufen. Heute ist Pia eine der bekanntesten Akteur*innen auf OnlyFans und verdient (ohne Abzug von Steuern) etwa 12–17 Tausend Euro im Monat. Ganze 15 bis 18 Stunden fließen dafür am Tag in ihre Arbeit, täglich beantwortet sie bis zu 60 Anfragen. Über private Nachrichten verkauft die Studentin ihre Bilder und Videos. Sie erzählt, dass ein Video bis zu 4 Euro die Minute kosten könne, während komplett nackte Bilder je 7 Euro kosten würden. Ein sogenanntes „Custom-Video“, also ein Video, das nach speziellen Wünschen für jemanden gedreht wird, kostet 17 Euro pro Minute. Bei bestimmten Fetischen oder „Kinks“ (ungewöhnliche sexuelle Vorlieben) gibt es einen Aufschlag. Wenn der oder auch die Kund*in eine Namenserwähnung im Video möchte, kostet das 25 Euro mehr. Die Nachfrage nach persönlichen Videos, in denen sich die Kund*innen spezifisch angesprochen fühlen können, ist enorm hoch. Pia unterstreicht, dass bei ihr die Preise im Durchschnitt höher liegen. Sie ist nun einmal schon ein Star der Szene.

„WAS WÜRDE DEIN PAPA SAGEN?“

Die meisten Freund*innen von Pia wissen von ihrer Arbeit. Ihre Eltern weniger. Pia ist in einem konservativen Dorf mit etwa 2000 Einwohnern groß geworden. Die vielen Piercings und Tattoos, die ihren Körper schmücken, würden einem fast eine andere Geschichte erzählen. Die Erziehung zuhause sei streng und wenig liebevoll gewesen. Sie erzählt, wie sie von einer unbekannten Person im Internet, die ihre Eltern persönlich kannte, bedroht wurde. „Was würde dein Papa zu deiner Arbeit sagen?“, schrieb ihr der anonyme User auf Instagram. Aus Angst vor möglichen Konsequenzen blieb ihr nichts anderes übrig als die Flucht nach vorne. Sie musste es ihren Eltern erzählen, ohne auf jedes Detail einzugehen. Ihre Eltern denken bis heute, dass sie kurzfristig mit „Sexting“, also dem Versenden von Videos und Fotos mit sexuellem Inhalt, etwas Geld gemacht haben soll. Dass sie weiterhin aktiv in der Sexindustrie arbeitet, wissen sie nicht. „Die Beziehung zu meinen Eltern ist jetzt relativ stabil, aber nicht wirklich offen. Jeder macht halt sein Ding, aber ich weiß auch, dass, wenn alle Stricke reißen sollten, sie immer da sind.“ Die junge Studentin hat sich im Internet auf BDSM spezialisiert, das ist ein Fetisch, der unter anderem mit Dominanz, Unterwerfung oder Lustschmerz zusammenhängt. Zudem geht Pia mit ihren Kund*innen häufig Rollenspiele ein. Vor allem die sogenannten „Daddy-Kinks“ sind gefragt. Dabei wird eine Beziehungsdynamik inszeniert, in der beispielsweise der Mann eine führende, väterliche und fürsorgliche Rolle einnimmt und die Frau in einer kindlichen Rolle dominiert wird. Solche Rollen seien, so Pia, jedoch nicht auf das Geschlecht festgeschrieben und könnten variieren.

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GEFÄHRLICHE GLORIFIZIERUNG AUF TIKTOK

Für Sexarbeiter*innen wie Pia ergeben sich im Internet einige Vorteile. Einer davon ist die Tatsache, dass man online etwas sicherer ist als offline, da sie sich nicht persönlich in ungeschützten Räumen wie einem Hotelzimmer oder bei Kund*innen zuhause treffen. Frauen wie Pia können so bequem im Pyjama von daheim aus arbeiten. Pia steht oft um 6 Uhr auf, macht sich fertig, um Fotos und Videos zu schießen, und versendet den restlichen Tag gemütlich im Bett liegend Nachrichten an ihre Kund*innen. Jedoch läuft nicht immer alles ohne Probleme: Pia hat oft mit dubiosen Anfragen zu kämpfen. Kund*innen würden moralisch verwerfliche und sogar bestialische Videos von ihr wünschen, wie beispielsweise einen sexuellen Akt mit Tieren. An anderen Tagen bekommt sie obendrein Kinderpornografie zugeschickt. Manche Männer erzählen während des Sextings sogar von ihren Töchtern, die schlafend im Nebenzimmer lägen. Pia meldet diese Personen an die Plattform und blockiert sie. Diese verstörenden Erlebnisse von Online-Sexarbeiter*innen werden im Hinblick auf Sexarbeit leider oft nicht thematisiert. Pia beobachtet, wie Online-Sexarbeit auf der Plattform TikTok glorifiziert wird. In den letzten Jahren tauchten auf TikTok immer mehr Videos auf, wo Sexarbeiter*innen jungen Mädchen Tipps geben, wie sie in die Industrie einsteigen und schnelles Geld machen können. Dabei erzählen sie auf humorvolle und lustige Art und Weise, wie sie Sexarbeiter*innen geworden sind – ohne dabei die Nachteile und das Gefahrenpotenzial anzusprechen: „Das ist gefährlich. Vor allem, wenn die meisten User*innen von TikTok erst zwischen 11 und 18 Jahren sind. Sexarbeit ist ja auch erst mit 18 Jahren legal. Es wird immer total positiv darüber gesprochen, ohne den psychischen Stress dahinter zu erwähnen.“ Ein immer wieder auftauchendes Problem, mit dem OnlyFans-User*innen kämpfen müssen: Der Content, für den Kund*innen bezahlen, wird immer wieder gratis auf Pornoseiten veröffentlicht. Natürlich geschieht dies ohne der Zustimmung der Akteur*innen. Den Vorwurf, dass Sexarbeit antifeministisch sein soll, kann Pia allerdings nicht nachvollziehen. Wie viele andere der jungen Sexarbeiter*innen, die ihre Dienstleistungen sowohl virtuell als auch offline anbieten, bezeichnet sich Pia als Feministin. Für Kritiker*innen ist ihr Lebensstil hingegen mit einer „feministischen“ Weltansicht unvereinbar. Beispielsweise positioniert sich die Bewegung FEMEN radikal dagegen und argumentiert, dass Frauen sich durch Sexarbeit freiwillig sexualisieren und ausbeuten lassen. Pia sieht das anders: „Wenn Feminismus die Emanzipation und Selbstbestimmung der Frau bedeutet und man so viel Sex haben können soll, wie man möchte, warum sollte dann Sex für Geld verwerflich sein?“ Das Argument „sie würde ihren Körper verkaufen“ ist für Pia hinfällig: „Ich verkaufe eine Dienstleistung, nicht meine Körperteile. Sonst würde ich sie nachher nicht mehr besitzen.“ Pia sieht ihre Tätigkeit als Beruf – die virtuelle Sexarbeit ist für sie mehr als nur ein Nebenjob geworden, der ihr das Studium möglich macht. Weil der Workload so hoch ist und ihr die Tätigkeit Spaß macht, will sie demnächst jedoch mit ihrem Studium aufhören. Beides lässt sich für Pia einfach nicht vereinbaren. Stattdessen will sie sich eine*n Finanzberater*in zulegen, ihr Geld investieren und sich so ein passives Einkommen sichern. Pia kann sich Sexarbeit im Moment sogar als lebenslange Tätigkeit vorstellen, solange die Nachfrage besteht. „Und wenn Sexarbeit nicht mehr geht, dann gehe ich einfach in Pension“, lacht sie. In Wien sind aktuell 3.390 weibliche Prostituierte angemeldet. Für Online-Sexarbeiter*innen gibt es keine Zahlen. Die Zahlen der registrierten Sexarbeiter*innen sollen sich in den letzten zehn Jahren verfünffacht haben. Ende 2013 wurden außerdem 67 männliche Sexarbeiter gezählt. Diese Zahlen spiegeln die Realität nicht wider: Die Zählung von Bordellen ist bundesweit nicht einheitlich und viele Sexarbeiter*innen registrieren sich nicht und arbeiten wie Pia privat. Interessant ist auch, dass der Migrant*innenanteil unter den Sexarbeiter*innen in Österreich auf etwa 80-90 Prozent geschätzt wird. Davon sollen 40 Prozent aus Rumänien und 24 Prozent aus Ungarn kommen.

„SEXUALITÄT UND WEIBLICHKEIT WAR BEI UNS IMMER TABU.“

Die 22-jährige Technik-Studentin Enisa * kommt aus einem syrisch-schiitischen Haushalt. Ihre langen braunen Haare und ihr elegantes Auftreten stechen sofort ins Auge. Während sie in ihrem kurzen Sommerkleid sitzt, erzählt Enisa, dass Sex und der weibliche Körper in ihrem Elternhaus immer stark mit Scham verbunden waren. Mit dem Beginn eines technischen Studiums und dem dortigen hohen Männeranteil eröffnet sich für Enisa eine neue Faszination und die Entdeckung des eigenen Körpers. In einem Umfeld, in dem viele Männer arbeiten, richtet sich die Aufmerksamkeit schnell einmal auf die Frau – so wie in ihrem Fall auf der Uni. „Warum soll ich nicht daraus Profit schlagen?“, überlegt sie, als sie zu jener Zeit ein Tourist aus Wien über Tinder anschreibt und sie fragt, ob sie sich am selben Abend treffen könnten. Für Enisa wäre dieses Date zu kurzfristig gewesen. Als der Mann ihr dann das Angebot macht, für das Treffen zu zahlen, ist die Studentin erst mal entsetzt. Er war jedoch weder übergriffig noch aufdringlich gewesen, sondern hatte höflich gefragt. Nach kurzer Überlegung entscheidet sie sich für das Treffen. Für Enisa beginnt ab diesem Zeitpunkt ihre Arbeit als Escort. Heute verdient sie bis zu 500 Euro pro Treffen. „Wenn man mich fragt, warum ich Sexarbeit mache, erwarten sich Leute oft, dass ich sage: Ja, ich bin arm und bin auf das Geld angewiesen. Für viele ist es aber überraschend, wenn sie erfahren, dass Sexarbeiter*innen diesen Beruf auch aus Spaß und Neugier machen.“ Außerdem, meint Enisa, sei für die meisten Männer Sex mit einer armen Sexarbeiterin, die auf das Geld angewiesen ist, akzeptabler als mit einer, die das gerne und mit Leidenschaft mache.

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FETISCH HERKUNFT

Als Österreicherin mit syrischen Wurzeln ist Enisas Herkunft bei jedem Treffen mit einem Kunden ein Thema. Sie ist sich sicher, dass bestimmte Kunden, sie nur wegen ihrer Herkunft kontaktieren und diese stark fetischisiert wird. Dieselben Kunden würden manchmal ein Ratespiel aus ihrer Herkunft machen, und wenn sie dann herausfinden, dass sie doch nicht aus Lateinamerika kommt, seien sie schwer enttäuscht. „Fragen nach meiner Herkunft haben einen anderen Beigeschmack, aber auch aus dieser Fetischisierung kann ich Profit schlagen“, schmunzelt sie. Die 22-jährige weist darauf hin, dass Sexarbeit auf keinen Fall wegen des Geldes beworben werden sollte. Die Nachteile davon existieren. „Angst vor Gewalt, in diesem Fall Männergewalt, ist nicht nur für uns eine Realität, sondern für alle Frauen in dieser Gesellschaft“, antwortet sie auf die Frage, ob sie Angst um ihre Sicherheit hätte. „Selbstverständlich habe ich Angst“, sagt die junge Studentin, „weil es ein generelles Problem mit Männergewalt gibt. Frauen haben auch Angst, wenn sie allein nachhause gehen, oder wenn sie kurz ihren Drink an der Bar stehen lassen.“ Es bestehe immer ein Risiko vor Männergewalt, argumentiert sie. Statistisch gesehen sind nämlich Sexarbeiter*innen viel zu häufig von Vergewaltigungen, Mord und Stalking bedroht. Die Sorge, dass ihre Familie mal über ihre Tätigkeit als Sexarbeiterin erfährt, besteht für sie zusätzlich. Obwohl sie eine gute Beziehung zu ihrer Familie hat, würde sie nicht wollen, dass diese etwas von ihrem Job weiß: „Für meine Familie wäre es, als hätten sie versagt. Ich weiß, dass sie sich selbst die Schuld geben würden.“ Ähnliches gilt für ihre Fakultät und ihren Freundeskreis. Weder ihre Uni-Kolleg*innen noch ihre Freunde wissen, dass Enisa als Escort arbeitet. Auf die Frage, ob sie andere Sexarbeiter*innen kenne, antwortet die junge Studentin selbstsicher: „Nein, ich möchte auch nicht wirklich in diese Community kommen. Für mich ist es wichtig, dass ich Freundinnen habe, die ein herkömmliches Leben führen. Damit ich mal abschalten kann.“ Auch wenn ihr Leben spektakulärer als das Leben von anderen klingt, führt Enisa außerhalb ihrer Sexarbeit ein ziemlich normales Vollzeitstudentinnenleben. Wenn sie mal nicht für die Uni lernen muss, geht sie auf Partys, Festivals oder ins Kino und trifft sich mit Freunden und Familie. „Man darf sich mein Leben nicht als Doppelleben vorstellen, da ich beides so gut voneinander trenne, wie es nur geht“, erklärt Enisa. Nicht? Aktuell sieht sie keinen inneren Konflikt mit ihrer Tätigkeit. Enisa hat sich keine Deadline gesetzt, aber will auch nicht ewig Sexarbeiterin sein. Stattdessen möchte sie irgendwann einem „gesellschaftlich akzeptablen“ Job nachgehen.

„ICH SCHÄME MICH NICHT.“

 „So schlecht bin ich nicht in Mathe, aber wieso sollte ich nicht trotzdem Stripperin werden?“ Diese Frage stellt sich Belle* schon mit 15 Jahren in der Schule, als sie das erste Mal Stripper*innen in Filmen und Serien sieht. Heute ist die 21-jährige Physikstudentin seit drei Jahren Cam-Girl und verdient über Video-Chatting mit fremden Personen ihr Geld. Ihre engsten Freunde wissen es und unterstützen sie – ihre Eltern wissen nichts davon. „Ich schäme mich nicht, aber ich habe Angst“, erklärt die Studentin. Sie habe Angst vor den negativen Vorurteilen, Angst um ihre Sicherheit und Angst vor dem psychischen Stress, der mit einem Coming-Out aufkommen würde. Während Belle von ihren Ängsten erzählt, streichelt sie ihren Hund und gibt ihm ein Leckerli. Ihre roten glatten Haare fallen sofort auf und nichts an ihr verrät, dass sie zwischen ihren vier Wänden Sexarbeiterin ist. Ihr Leben unterscheidet sich nicht großartig von dem Leben anderer 21-jähriger Frauen. Sie musiziert, liest gern und betreibt viel Sport in ihrer Freizeit. Lange Zeit wurde Prostitution nur mit Mafia, Menschenhandel und Zwang in Zusammenhang gebracht. Das Resultat war eine negative Konnotation des Begriffs. Deswegen lehnen viele Sexarbeiter*innen heute den Begriff der Prostitution ab. Für Belle ist Sexarbeit „jeglicher Akt, egal ob online oder offline, der sexuell erregen soll.“ Die Transaktion von Geld oder bestimmten Gütern spielt hier eine entscheidende Rolle. Wie bei jeder anderen Dienstleistung gibt es auch bei Sexarbeit einen Tausch. Das kann entweder Geld sein oder Handtaschen, Schmuck und Parfüms. Bis zu 100 Euro die Stunde hat Belle schon durch Camming, also Video-Chatting mit ihren Kund*innen, verdient. Ihre Rekordzuschauer*innenzahl liegt aktuell bei 14 Tausend. „Es muss nicht immer sexuell sein. Manchmal reden wir über Gott und die Welt“, erzählt Belle. Die junge Frau sitzt vor der Kamera in ihrer Wohnung und redet mit den Kund*innen über Politik, Veganismus oder Philosophie. Auch dafür gibt es Geld. Der sexuelle Teil ihrer Arbeit funktioniert nach dem sogenannten „Tip Menue“. Auf diesem Menü steht eine Liste von Vorschlägen, die Belle vor der Kamera tun kann, wie etwa ihren BH auszuziehen oder ihren Hintern herzuzeigen. Wenn jemand ein Angebot aus diesem „Tip Menue“ wahrnehmen möchte, muss die Person mit der Internet-Währung „Token“ bezahlen. 40 bis 60 Prozent von ihren Einnahmen fließen jedoch in die Cam-Plattformen, auf denen sie sich anbietet.

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SELBSTLIEBE DURCH SEXARBEIT

Belles Selbstbewusstsein und Selbstachtung ist in den drei Jahren, in denen sie als Cam-Girl arbeitet, enorm gestiegen. Früher wusste sie nicht, wie man „Nein“ sagt und Grenzen setzt. Heute kann sie klar sagen, was sie will und was sie nicht will. „Was mein Body-Image angeht, wurde ich auch selbstbewusster, aber teilweise auch kritischer. Es ist abhängig von meiner Arbeit und meinem Verdienst. Wenn es gut läuft, ich viel verdiene und tausende Zuschauer*innen habe, bin ich super selbstsicher, als wäre ich die geilste Frau der Welt. Wenn es mal schlecht läuft, frage ich mich sofort, ob ich zu hässlich bin. Aber man darf das nicht auf sich selbst beziehen.“ Sie erzählt, dass im Winter ihr Verdienst höher als im Sommer sei. Nach einer Weile habe sie aber erkannt, dass das wenig mit ihrem Aussehen zu tun habe, sondern mit der Tatsache, dass im Sommer viele Menschen auf Urlaub oder die Kinder zuhause seien. Seit mehr als zwei Jahren ist Belle in einer gesunden und glücklichen Beziehung. Obwohl es am Anfang leichte Schwierigkeiten gab, hat ihr Freund inzwischen nicht nur Verständnis für ihre Arbeit, sondern er unterstützt sie heute dabei: Er filmt und schneidet ihre Videos. Innerhalb der Beziehung wird alles offen gehandhabt. Man weiß gegenseitig von den Passwörtern und versucht ehrlich über Gefühle zu kommunizieren. Und das klappt. Auch Belle empfindet ihre Tätigkeit nicht als anti-feministisch. Sie versteht Frauen nicht, die andere Frauen wegen ihrer Tätigkeit als Sexarbeiterin kritisieren. Bei Diskussionen werden meist die Betroffenen ausgeschlossen, wobei stets über die Sexarbeiterinnen gesprochen wird, anstatt mit ihnen. „Das ist ein Problem. Es reden Außenstehende. Uns einmal zu zuhören wäre ein wichtiger Schritt“, wendet Belle ein. Sie ist der Meinung, dass Frauen in unserer Gesellschaft schon automatisch sexualisiert würden und dass Sexarbeiter*innen lediglich eine Dienstleistung anböten – und zwar „eine Dienstleistung wie jede andere.“ Die Stigmatisierung des Berufs müsste in der Gesellschaft geändert werden: Ein Coming Out als Sexarbeiter*in kann nämlich ein echtes Gefahrenpotenzial für Frauen wie Belle in sich tragen. Viele Sexarbeiter*innen werden ermordet, gestalked und sind anderen Formen von Gewalt ausgesetzt. Dass ihre Arbeit auf unterschiedlichen Ebenen gefährlich sein kann, wissen die Sexarbeiterinnen Pia, Enisa und Belle. Während der Recherche für diese Reportage und den Interviews waren ihre Angst, dass Leser*innen dieser Geschichte die jungen Frauen vielleicht wiedererkennen könnten, und der starke Wunsch nach Anonymität, spürbar. Die Studentinnen fürchten sich vor Männergewalt genauso wie vor gesellschaftlichen Konsequenzen, die eventuell auch ihr Studium und ihr Sozialleben treffen könnten. Gleichzeitig sehen sie ihre Arbeit nicht in einem feministischen Widerspruch – im Gegenteil. So ist Enisa von der Doppelmoral genervt und fragt: „Warum sollte Sex plötzlich verwerflich sein, wenn man dafür bezahlt wird?“ Die junge Sexarbeiterin ist der festen Überzeugung, dass Feminismus die Selbstbestimmung der Frau fördern sollte. Ob eine Frau ihr Leben mit Kinderpflege und Hausarbeit verbringen möchte oder eben als Sexarbeiterin, sollte man alleine ihr überlassen. 

Anmerkung der Redaktion: 

Dieser Artikel beschreibt und beleuchtet die Lebensrealitäten von Sexarbeiter*innen aus Insider-Sicht. Er soll Sexarbeit keinesfalls verharmlosen oder verherrlichen. Dieser Beruf geht mit Risiken einher, die der Psyche, Sicherheit und Gesundheit schaden können.

*Namen von der Autorin geändert

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