türk. Botschafter: "Wir haben die Türken in Europa im Stich gelassen"

18. Juni 2009

Selim Yenel hat wohl einen der schwierigsten Jobs der Welt. Er ist türkischer Botschafter in Wien und muss den skeptischen Österreichern erklären, warum der EU-Beitritt seines Landes nicht den Untergang des Abendlandes bedeuten würde. Was wir vom Botschafter auch wissen wollten: Sollten wir in Europa nicht das Kopftuchverbot einführen, wenn es in der Türkei auch nicht ohne geht? Sind Türken integrationsunwillig? Und wenn ja, hat die Türkei etwas falsch gemacht?

Von Eser Akbaba, Öznur Demirbas, Simon Kravagna und Marc-Antonio Manuguerra (Fotos)

 

biber: Herr Botschafter, fangen wir mit einer wichtigen Frage an: Wie heißt ihr liebstes türkisches Lokal in Wien?
Selim Yenel: Jetzt bringen Sie mich gleich mit der ersten Frage in Verlegenheit. Ich kenne  zwar viele türkische Restaurants in Wien. Aber wenn ich jetzt einen Gastronomen hier nenne, dann werden die anderen enttäuscht sein. Leider: Das geht nicht.

Sie sind ja wirklich ein Diplomat. Seit wann arbeiten Sie in Wien?
Seit Dezember 2005. Vorher war ich in Ankara, Brüssel, New York, Afghanistan und Paris tätig.

Langweilen Sie sich nicht hier in Österreich?
Überhaupt nicht. Ich habe hier eine besonders wichtige Aufgabe als Botschafter zu erfüllen. Nirgends sonst in Europa gibt es so eine große Skepsis der Bevölkerung gegenüber einem EU-Beitritt der Türkei wie hier. Das ist eine große Herausforderung.

Einer, der diese Skepsis mehr als deutlich formuliert, ist FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache. Was sagen Sie zu ihm?
Ich finde seine Politik traurig. Wir haben uns einmal getroffen und ich habe ihn damals auf seine türkenfeindlichen Plakate angesprochen und ihm ans Herz gelegt, diese zu meiden. Durch diese hetzerischen Plakate wird Integration nur behindert. Er meinte darauf, dass er die Türken ohnehin sehr gern habe und kein Problem mit ihnen sehe.

Gibt es einen Unterschied zwischen Strache und Haider?
Ja, den gibt es. Ich traf mich vor längerer Zeit mit Haider in Klagenfurt und wir hatten eine interessante Diskussion. Beispielsweise befürwortete er den EU-Beitritt der Türkei. Er hatte eine andere Sichtweise der Dinge. Vielleicht ändert Strache ja auch mal seine Meinung.

Sind hier lebende Türken integrationsunwillig?
Ja und nein. Ich kenne sowohl negative wie auch positive Beispiele. Darum ist es nicht sehr einfach, diese Frage zu beantworten. Mich interessiert deshalb auch mehr, warum manche Menschen sich nicht integrieren wollen. Was sind ihre Ängste? Was sind ihre Probleme? Seit ich in Österreich bin, suche ich ständig den Dialog mit diesen Personen, um ihre Probleme gemeinsam bewältigen zu können. Wir haben etwa eine DVD herausgebracht, in der wir den hier lebenden Türken Österreich erklären. Und umgekehrt. Auf der anderen Seite muss man auch sagen, dass wir es mit einer uneinheitlichen Integrationspolitik in Österreich zu tun haben. Selbst die Bundesländer unterscheiden sich hier. Das kann kontraproduktiv sein.

Was bedeutet für Sie der Begriff Integration?
Integration bedeutet, dass Personen, die sich entschieden haben in einem bestimmten Land zu leben, sich an die Lebensweise des Landes anpassen sollten. Der allerwichtigste Punkt dabei ist natürlich das Erlernen der Sprache. Sogar ich versuche Deutsch zu lernen, obwohl ich hier nur für eine bestimmte Zeit bleiben werde, um somit ein gutes Beispiel zu sein.

Bei der berühmten Rede von Premier Erdoğan damals in Köln hat das alles anders geklungen.
Er wurde hier missverstanden, doch hat er auch dasselbe gemeint. Ihr lebt hier, also passt euch an und lernt die Sprache! Es soll keine Parallelgesellschaft entstehen, sondern man sollte erlernen, wie Österreicher zu leben und zu denken. Wogegen er sich ausgesprochen hat, ist die Assimilation, die den Identitäts- und Kulturverlust mit sich bringt.

Hat die Türkei hier auch etwas falsch gemacht?
Wir haben die Türken in Europa im Stich gelassen. Keiner kümmerte sich um sie, denn sowohl Österreich als auch die Türkei dachten immer, diese Leute werden wieder zurückkehren. Sogar die Migranten selbst hatten immer diese Hoffnungen. Erst seit Kurzem sind wir draufgekommen, dass dem doch nicht so ist. Es ist aber doch interessant, dass die türkische Community in den USA überhaupt keine Probleme hat, sich zu integrieren. Ich vermute, dass das auch damit zu tun, dass Österreich sich nicht als Einwanderungsland begreift. Das macht die Integration der Zugewanderten schwerer.

Versteht sich eigentlich die Türkei als ein Einwanderungsland?
In gewisser Weise ja. Die Türken im Ausland, die während des Osmanischen Reiches im Kaukasus und Balkan gelebt haben, kamen in das Mutterland und vereinigten sich unter dem Namen Türkei. Die kurdische Identität wurde jahrelang ignoriert, doch versuchen wir diesen Fehler derzeit zu beheben. Als ich noch studierte, da existierten offiziell Kurden nur in den Nachbarländern wie im Iran oder im Irak, aber komischerweise nicht in der Türkei. Jetzt sind wir draufgekommen, dass sie doch existieren und wir haben sogar einen kurdischen Sender! Da hat sich wirklich viel geändert.

Wenn die Türkei ein Einwanderungsland ist. Wie leicht ist es dann Türke zu werden?
Sie müssen zuerst Türkisch lernen und dies auch mittels Sprachzertifikate beweisen können. Nach einer fünfjährigen Aufenthaltsdauer kann man einen Antrag auf die Staatsbürgerschaft stellen. Oder sie sind Fußballer! Dann geht es leichter. (lacht)

Richtig, da gab es ja den brasilianischen Fußballer Aurelio, der Türke wurde. Er heißt jetzt Mehmet Aurelio. Ist für die türkische Staatsbürgerschaft eine Namensänderung zwingend?
Nein. Bei diesem Fußballspieler hat man das getan, da er für die türkische Nationalmannschaft spielt. So kann man die Fans besser emotional erreichen.

Kommen wir zum Schleier: In der Türkei ist das Kopftuch auf den Unis und im Staatsdienst verboten. Würden Sie das auch für Österreich oder Europa empfehlen?
Das kann man bitte nicht vergleichen, weil die Geschichte der jeweiligen Länder eine ganz andere ist. In der Türkei gibt das Kopftuchverbot an den genannten Stellen, weil es die Furcht gibt, dass das Kopftuch als politisches Symbol verwendet wird. Es gibt die Angst vor der Einmischung der Religion auf den Staat. Das sehe ich in Europa nicht so. Erstens sind hier die Muslime eine kleine Minderheit. Zweitens gibt es eher Probleme mit Rassismus oder mit der Xenophobie, was in der Türkei nicht der Fall ist. 

Warum hat man in Europa vor dem Islam Angst?
Einfach, weil man den Islam nicht kennt! Die Problemzonen im Nahen Osten oder Afghanistan prägen die Menschen. Der Terrorismus in diesen Staaten wird mit dem Islam gleichgesetzt, wie auch die schlechten Behandlungen der Frauen. Leider werden nur solche Berichte in den Medien veröffentlicht, das führt natürlich auch zum negativen Image des Islams. Da bleibt nicht viel Platz für eine differenzierte Sicht.


2010 wird Istanbul die Kulturhauptstadt Europas – was wir uns da erwarten?
Istanbul ist sowieso eine sehr beliebte Großstadt, die gerne bereist wird. 2010 wird es noch viele weitere Gründe geben, Istanbul zu besuchen. Das ohnehin sehr große kulturelle Programm wird noch einmal enorm erweitert werden. Kommen Sie auch?

Mit Sicherheit. Vielen Dank Herr Botschafter für das Gespräch

Ich danke auch.


Selim Yenel – Türkischer Botschafter in Wien

Herr Yenel wurde 1956 in Istanbul geboren; er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Sein Studium der Politikwissenschaften schloss er an der Universität Ankara ab. Der Diplomat parliert in Englisch, Deutsch versteht er mittlerweile recht gut. 1979 begann er seine berufliche Karriere im türkischen Außenministerium. In seinem Lebenslauf sind Destination, wie Paris, Kabul und New York zu finden. Seit Dezember 2005 ist er in Wien tätig.

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Kommentare

 

ungewöhnlich blond für einen türken :)

 

oje

oje da gibt es einen tippfehler beim vornamen des botschafters...an wen kann ich mich da wenden???? selim sollte es sein ohne "Y"...

 

online werd ichs ausbessern. gedruckt is scho zug obgfoahn :))

 

na na gedruckt passts eh..

 

hee

das ist kein "Y" das sollte ein i ohne punkt sein !!! trotzdem wäre es falsch hast recht:))

 

:))

Ich liebe Selim Amca :))

der ist total krass und seine jetzige frau war mal seine sekräterin!!!
Ja genau, ich bin neu und schon ist mein kommentar ganz scharf:P
OMG, ja was ich sagen wollte danke biber das ihr mal mit selim amca ein Interwiev g´macht habt!!!
Ich weiss amca klingt heftig, aber ich fühle mich zu ihm hingezogen!!!
=)))

 

???

woher weißt du das?

 

tolles interview....aber ein aussehen hat er wie der dänische botschafter..

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