Wer hat Angst vorm nackten Mann?

09. Mai 2016

Die Gesellschaft wird diverser. Die historische Kunst bleibt europäisch, weiß und nackig. Es wird diskutiert, ob die Kunstbestände beleidigend und irritierend auf MitbürgerInnen anderer Kulturen wirken könnten. Doch eine Gruppe wurde nicht befragt: Jene, die es angeblich betrifft. Wen konkret stören denn die Nacktbilder im Museum?

von Jelena Pantić

Beim Italienbesuch des iranischen Präsidenten Rohani wurden Anfang des Jahres nackte Statuen verhüllt, aus Respekt gegenüber seiner Kultur und seinem Glauben. Nach dieser Logik gäbe es in Österreich auch genug Menschen, die sich theoretisch von Aktdarstellungen in Museen irritiert fühlen könnten. Aber ist das der richtige Weg beziehungsweise überhaupt notwendig? Andreas Zimmermann, Leiter der Kunstvermittlung des Kunsthistorischen Museums, sieht das so: “Wir haben so gut wie nie mit Besuchern zu tun, die völlig unvorbereitet und dann schockiert vor den Werken stehen, denn die kommen sowieso gar nicht erst hinein.” Das möchte das KHM gerne ändern, offener und ein Museum für alle werden. Doch müsste es dann seine Kunst auch anders vermitteln? “In der Präsentation ändert sich mal nichts. In der Vermittlung würde es relevant werden, wenn diese Zielgruppe massiver bei uns auftauchen würde, das ist bislang ja leider nicht der Fall. Außer natürlich bei SchülerInnen”, sagt Andreas.

Warum so viel Nacktheit?

Ein konkretes Beispiel: Nehmen “österreichische” Kinder und jene mit Migrationshintergrund die Kunst in österreichischen Museen verschieden wahr? “Kinder interessieren Geschichten, sie wollen wissen, was auf dem Bild vor sich geht. Und da gibt es keinen Unterschied zwischen mit und ohne Migrationshintergrund”, erzählt Larissa Kopp, die schon viele SchülerInnenführungen im KHM hinter sich hat. Sie bespricht mit den Kindern den meist geschichtlichen Hintergrund der Nacktheit. Und den verstehen Mädchen mit Kopftuch genauso wie jene ohne. Larissa persönlich hat es zwar noch nicht erlebt, es kam jedoch bei Kollegen vor, dass sich Kinder und Erwachsene schon umgedreht haben, um gewisse Nacktszenen nicht zu sehen. Andreas traf eine syrische Frau, die ihn nach einer Führung fragte, warum wir denn so viele Nacktdarstellungen in Europa hätten. Er erklärt, dass die Stärkung des Individuums in Europa durch die Renaissance und durch die Französische Revolution stattfand. Ein Grund für die viele Nacktheit ist der Gedanke, nach Gottes Ebenbild geschaffen zu sein und das nicht verstecken zu müssen. Die Götter der Antike, die von den Renaissancekünstlern wiederentdeckt wurden, waren oft nackt. Diese historischen Momente sind für Europäer sehr wichtig, spielen in der islamischen Kultur aber beispielsweise keine Rolle.

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Jüngling vom Magdalensberg, KHM

Mit oder ohne Busenblitzer

In einem gemeinsamen Projekt des Kunsthistorischen Museums und der Caritas werden regelmäßig Gruppen von Flüchtlingen gratis ins Museum eingeladen. Im Workshop “Strike a pose” stellten die Flüchtlinge Bilder nach, die ihnen am besten gefallen hatten. Mit den sinnlich ansprechenden Darstellungen gab es keine Schwierigkeiten, im Gegenteil, sie fanden sie wunderschön. Die Geschichte hinter den Bildern und die Kunst selbst erwecken gewisse Emotionen und mit Emotionen kann jeder und jede etwas anfangen. Ob mit Busenblitzer oder ohne.

Aber wen stört es denn jetzt? Menschen, die es nicht betrifft, diskutieren darüber, was den anderen sauer aufstoßen könnte. Wir haben im Zuge des Schülerbiberprojekts in einer Klasse mit 15-Jährigen in einem Wiener Polytechnikum nachgefragt: Stören euch Bilder von nackten Menschen im Museum? Alle SchülerInnen waren sich einig, dass sie sich nicht gestört fühlen würden. Die Hauptbegründung war: Nacktheit ist normal, es sind doch nur Menschen wie man selbst. Manche Schüler haben auch gesagt, dass es sie nicht stört, weil es nicht echt ist, sondern Kunst.

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Das Pelzchen von Peter Paul Rubens, KHM

Die ganze Debatte ist recht theoretisch. Ein wahres Problem scheint es ja nicht zu sein. “Man sieht das in Deutschland und Österreich oft, dass in einer quasi vorausschauenden Angst gehandelt wird”, sagt Andreas. Es scheint aber so, als wüssten unsere Kinder, MigrantInnen und Flüchtlinge ganz gut, was sie da vor sich sehen und wie sie damit umgehen sollen. Und die, die sich wirklich davon gestört fühlen und mit europäischer Kunst so gar nichts anfangen können, die gehen wahrscheinlich weder jetzt noch künftig ins Museum. 

Dieser Artikel ist im Kultur-Special der Mai-Ausgabe 2016 erschienen. 

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