Blut, Schlamm und Stiefmütter

18. Januar 2016

Jedes Kind ist mit Märchen wie "Schneewittchen" oder "Aschenputtel" aufgewachsen. Doch wenn man aus Osteuropa kommt, bekommt man auch Geschichten erzählt, die nicht unbedingt mit schönen Prinzessinnen, sondern eher mit wichtigen Lehren zu tun haben. Manchmal enthalten sie Gewalt – damit sie besser „in Erinnerung bleiben“ – aber größtenteils sind sie humorvoll. Manchmal machen sie Sinn, aber es ist kein Muss – letztendlich geht es um eine fantastische Welt. Hier vier Märchen aus Osteuropa und dem Balkan. Wie wir sie bewertet haben, seht ihr unten!

 

Sowjetisches Märchen – Baba Yaga

 

Wer aus der ehemaligen Sowjetunion kommt, kennt bestimmt die Hexe Baba Yaga, die Kinder frisst und ihren Zaun mit deren Köpfen dekoriert. In dem Märchen, das ihren Namen trägt, geht es um ein kleines Mädchen, das von seiner Stiefmutter zu Baba Yaga geschickt wurde. Dank der Ratschläge von seiner Tante und seiner Großzügigkeit, gelingt es dem Mädchen, Baba Yaga zu entfliehen. Nach Hause zurückgekehrt, erzählt es dem Vater, was passiert ist und dieser treibt die gemeine Stiefmutter weg. Die wichtigste Sache, die man dabei lernt, ist wahrscheinlich, dass Stiefmütter die schlimmsten Menschen sind und alles machen würden, um die Stiefkinder loszuwerden.  Fazit: Alles ist viel besser, wenn der Vater Single bleibt, dann leben sie glücklich zu zweit bis in alle Ewigkeit. Doch was ist denn mit Stiefvätern? Gibt´s sowas wie ein „Stiefvater-Syndrom“ überhaupt? Oder sind nur die Frauen böse? Eine weitere Sache, die der Geschichte zu entnehmen ist, ist die Tatsache, dass man der Gefahr entkommen kann, wenn man genügend Bestechungsstoff dabei hat. Das Mädchen gibt dem Kater Fleisch, und er weckt die Hexe nicht, den Hunden Brot, und sie beißen nicht, ölt das Tor, und dieses kreischt nicht. Ziemlich interessant oder? Aber es geht um Großzügigkeit und nicht Bestechung, denn wenn die Hexe ihre „Diener“ fragt, warum sie das Mädchen nicht aufgehalten haben, antworten alle: „Ich bediene dich seit Langem, doch nie hast du mir etwas gegeben“. Also Kinder, seid großzügig, sonst endet ihr wie die Baba Yaga: hässlich, alt, kinderfressend und alleine.

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Rumänisches Märchen – Die Ziege mit den drei Zickeln

 

Jedem Kind wurde es mindestens hunderte Male gesagt: „Nimm‘ keine Süßigkeiten von Fremden!“. Die rumänische Version davon ist die Geschichte mit der Ziege, die drei Zickeln hatte. Es geht zwar nicht um Süßigkeiten, eher um Fremde und warum man immer auf seine Mutter hören muss. Manchmal bleiben die Kinder alleine zu Hause. Manchmal passt auf sie ein Kindermädchen auf.  Im ersten Fall heißt die Regel: NIE einem Fremden die Tür aufmachen! Das hat auch die Ziege ihren Kindern gesagt, als sie in den Wald Essen holen gegangen ist. Sie hat sogar ein Erkennungslied verfasst, doch die ersten zwei, die unanständig waren, haben es trotzdem falsch gemacht. Der Älteste hat die Tür dem Wolf aufgemacht, weil er das Lied gesungen hatte. Der Mittlere hat sich schlecht versteckt. Nur der Kleinere, der anständig war, überlebte, um der Mutter alles zu erzählen. Diese Geschichte kennt jedes Kind in Rumänien. Doch daran, wie makaber sie eigentlich ist, erinnert sich keiner. Ein paar Beispiele: Nachdem der Wolf die Kinder gefressen hatte, schmierte er die Wände mit deren Blut voll und stellte deren lächelnde Köpfe ans Fenster, damit die Ziege dachte, dass sie sich auf ihre Rückkehr freuten. Als die Ziege erfuhr, was passiert war, rächte sie sich und tötete den Wolf, indem sie ihn in eine Falle lockte. Auch nachdem der Wolf in die Falle gefallen war, war sie erbarmungslos. Sie und das gebliebene Kind schmissen Steine auf den Wolf, bis sie ihn töteten. Ein kleines Detail: der Wolf war der Patenonkel von den Kindern. Viele Sachen lernt man von dieser Geschichte: Erstens, wenn es um eine Ziege und einen Wolf geht, wird der Wolf immer versuchen, die Ziege zu fressen. Das ist der natürliche Lauf der Dinge. Die Kinder sollten sich nicht trügen lassen, auch wenn es anders zu sein scheint. Zweitens, die Mütter werden alles für ihre Kinder tun, auch töten. So sind die Frauen halt. Herzlich, aber hart. Drittens, wenn man auf die eigene Mutter nicht hört, besteht eine große Wahrscheinlichkeit, dass Dinge grausam werden. Nach so viel Blut und Wildheit vergisst man das sehr schwer.

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Türkisches Märchen – Keloglan und die vierzig Räuber

 

Keloglan, der Kahlköpfige, der durch seine Schlauheit die schwierigsten Situationen überwindet, schafft es dieses Mal, einer Bande von vierzig Räubern zu entkommen. Keloglan ist ein Junge, über den immer alle lachen, da er kein einziges Haar auf dem Kopf hat. Außerdem ist er arm und muss mit seiner alten Mutter oft hungern. Doch Keloglan weiß das Wenige, das er besitzt, zu schätzen, und schießt mit dem rostigen Gewehr, das er von seinem Vater geerbt hat, vierzig Goldfasane. Diese werden gleich von vierzig Räubern geraubt, aber Keloglan gibt nicht auf. Er entwendet ihnen das gebratene Wild und isst es selbst auf. Dann lockt er die Räuber in ein Bad, verbrennt sie durch eine Salbe aus Kalk und nimmt alle ihre Kleider. Schließlich wird Keloglan vom Padischah gefangen. Durch Bestechung des Wärters gelingt es ihm, sich als Todesengel verkleidet zum Padischah einzuschleichen und unter Drohungen die Freilassung zu erreichen.  Bestechung, Betrug und Verbrennung stehen in diesem türkischen Märchen im Vordergrund. Doch man kann nicht nicht lachen, wenn Keloglan als Todesengel auftaucht. Also Kinder, mit Humor kann man es auch im Leben schaffen! Nie die Hoffnung aufgeben, man weiß nie, was der nächste Tag bringt. Also weiterkämpfen und diejenigen, die euch auslachen, einfach ignorieren. Karma wird es ihnen zeigen, keine Sorgen!

 

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Slowenisches Märchen – Juri Muri in Afrika

 

Es gibt zwei Arten von Kindern: diejenigen, die sich gern waschen und diejenigen, die es hassen und alles machen würden, um dem Bad zu entkommen. Juri Muri gehörte zur zweiten Kategorie. Der Held der Geschichte reist sogar nach Afrika, um das Waschen zu vermeiden. Warum Afrika? Weil es in Afrika weder Wasser noch Handtücher gibt.ZUmindest erzählt man das den Kindern in Slowenien. In Afrika waren alle Tiere sehr nett zu ihm, bis auf den einen Tag, wo Juri das schlammbedeckte Krokodil auslachte, weil es so schmutzig aussah. Dann bespritzte ihn ein Elefant mit Wasser und Juri wurde selbst zum Lachobjekt. Er versuchte, wegzukommen, doch dann wurde er von einem afrikanischen Volk entdeckt. Weil man nicht beurteilen konnte, ob Juri weiß oder schwarz war, musste er gewaschen werden. Nach einem Jahr waschen ohne Wasser hat ihn der Strauß vor den Qualen gerettet. Daher überlegte es sich Juri anders – es wäre doch besser, heim zu fahren und sich daheim zu waschen. Davor entschuldigte er sich noch bei seinen Tierfreunden. Heute ist Juri der sauberste Junge der Welt. Irgendwann lernt jedes Kind, das sich nicht waschen will, diese Lektion. Man muss sich waschen, es gibt keine andere Möglichkeit. Es gibt Dinge im Leben, die man nicht verändern kann. Mit dem Waschen läuft’s genauso. Man muss es akzeptieren. Je früher, desto besser. Eine weitere lehrreiche Sache wäre, nie jemanden auszulachen, sonst wird man selbst ausgelacht. Oder besser – einfach nie jemanden auslachen.

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Fazit: Den Kindern am Balkan wird selten gesagt, dass das Leben ein Ponyhof ist, doch deshalb werden genau diese Kinder zu starken und ehrgeizigen Menschen. Man muss den Kindern die Wahrheit sagen können, damit sie nicht immer enttäuscht werden, wenn nicht alles mit „happily ever after“ endet. Oder wenn der Wolf doch die zwei Kinder frisst.

 

 

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