Du darfst natürlich sein, aber nur wenn du schön bist

15. Mai 2019

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make up
Auch der no-make-up-Look muss aufwendig geschminkt werden. Foto: Pixabay

Foundation für einen makellosen Teint, ein bisschen Rouge für strahlende Wangen, farbloses Gloss für vollere Lippen und schon ist er perfekt, der no-Make-up-Look. Ja richtig, man schminkt sich, um ungeschminkt auszusehen. Denn „Natürlichkeit“ liegt voll im Trend.

#naturalbeauty

Was ist natürlich? Das Gegenteil von künstlich? Hier könnte jetzt der typische, motivierende Satz stehen: Das kann jeder für sich selbst entscheiden. Aber so einfach ist es leider nicht. Ja, es ist mal wieder diese böse Gesellschaft und es sind die Medien, die uns vorgeben, was natürlich ist. Und Natürlichkeit steht immer in Zusammenhang mit Schönheit. Die schöne Natur.  Niemand hat das Bild von einer tristen Landschaft und matschigen Feldern vor Augen. Wir denken an schneebedeckte Berge, grüne Wiesen und türkisblaues Meer. Und genau so verhält es sich, wenn wir Natürlichkeit auf unser Aussehen beziehen. Wir denken an sonnengebräunte Haut, vielleicht auch an blasse Haut, aber nicht an eine Pigmentstörung. Neuerdings dürfen sich sogar kurvige Frauen in die Kategorie „natürlich und schön“ einreihen. Frauen können ruhig etwas mehr auf den Rippen haben. Damit sind ein runder Po, große Brüste, breite Hüften und knackige Oberschenkel gemeint. Aber wehe der Bauch ist nicht flach, oder es findet sich sogar die ein oder andere Delle an den Beinen. Schlussendlich bleibt also auch der curvy-Trend nur ein weiteres fragwürdiges Schönheitsideal. Doch die gute Nachricht ist, wir müssen da nicht mitmachen.

Body Positivity

Ein Postulat für mehr Selbstliebe, für Akzeptanz verschiedener Körpertypen und mehr Diversität. Es ist enorm wichtig, dass wir nicht nur bis zur Perfektion geschönte Menschen auf Social Media sehen. Die Body-Positivity-Bewegung ermutigt Menschen, die nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen, sich ohne Scham genauso zu zeigen und zu lieben, wie jene, die in den Augen der Gesellschaft als normschön gelten. Vor allem aber will sie vermitteln: Jeder ist schön und soll sich auch so fühlen dürfen. 

Vielfalt in der Werbung

Auch die Werbung hat den Natürlichkeits- und Body Positivity-Trend für sich entdeckt. Nur wissen nicht alle Unternehmen, wie man diesen umsetzt. Der Wäschehersteller Palmers glaubt, in seiner neuen Werbekampagne Frauen mit Ecken und Kanten zu zeigen. Zumindest sagt das der Werbeslogan. Was wir  aber sehen, sind schlanke Frauen. Ohne sichtbare Ecken und Kanten. Mal wieder. Da hat wohl jemand das Diversitätskonzept nicht so richtig verstanden. Oder doch? Immerhin wirbt Palmers für „eine Welt, in der jede Figur eine Bikinifigur ist“. Das dazugehörige Bild zeigt eine Frau mit dickem Bauch. Aber Palmers wäre nicht berühmt für absolut sexistische Werbefails, wenn es nicht doch noch einen Haken an der Sache geben würde. Und den gibt es: Die gezeigte Frau mit dickem Bauch ist tatsächlich schwanger. Als wäre das nicht schon genug verachtend gegenüber Frauen, die nicht so aussehen wie die Damen auf den Werbeplakaten, muss  „jede Figur“ halt in eine der drei angebotenen Größen passen. Ernsthaft Palmers, wen wollt ihr verarschen?

Verarscht von der Kampagne fühlen sich einige, wie die Kommentarspalte von Palmers auf Instagram zeigt: „body positivity geht echt anders. Sorry, aber das kauft euch echt keiner ab.“ „Ist das ein Witz? „ihr ändert den Text eurer Werbung – die Models bleiben aber offensichtlich die gleichen“

Body
Foto: Pixybay

Fuck beauty standards

Wir dürfen nicht zulassen, dass Unternehmen wie Palmers sich an Begriffen der Body-Positivity-Bewegung bedienen, während sie ausschließlich retuschierte Bilder von normschönen, schlanken Frauen zeigen. Denn das ist definitiv nicht die breite Vielfalt an Schönheit. Lasst uns auf deren frauenverachtende Muster scheißen. Viel angenehmer und ehrlicher wäre es doch, einfach so zu sein, wie wir sind und uns dabei gut fühlen. Ohne jedes Mal hinzuzufügen, dass es sich um #natürlichkeit und #bodypositivity handelt. Manchmal scheint es, als wüssten vor allem Männer nicht, wie echte Menschen im echten Leben aussehen. Denn wenn Männer sagen, sie würden bei Frauen eher auf Natürlichkeit stehen, mich aber fragen ob ich krank bin, wenn ich ungeschminkt bin, dann läuft da irgendetwas schief. Jungs, schaut euch doch mal ein Make-up-Tutorial an und ihr werdet sehen, wie aufwendig es ist, diese vermeintliche „Natürlichkeit“ zu schminken. Wenn wir aufhören, unser wahres Ich zu verstecken, werden wir merken, dass es gar nichts zu verstecken gibt. Denn keiner von uns lebt ausschließlich das auf Instagram zelebrierte good life. Wir sind nicht immer gut gelaunt und topgestylt, ernähren uns nicht nur von healthy food und treiben uns auch nicht ständig an den coolsten Spots der Stadt herum. Manchmal ist man halt traurig und hat verquollene Augen vom vielen heulen. Manchmal hat man nicht genug Geld für die fancy Quinoa-Bowl und manchmal ist der Ort,  an dem wir gerade sind, einfach nur grau und verregnet. Aber all das ist okay, weil es ganz natürlich ist.  Und wer diese Seite von sich nicht mit seinen Followern teilen will – auch okay. Wir dürfen nur nicht vergessen, dass wir uns nicht mit unrealistischen Idealen messen müssen. Wir brauchen von niemandem eine Genehmigung, uns losgelöst von jeglichen beauty standards geil zu finden.

 

 

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