Fake News sind Kindern längst bekannt

21. Februar 2017

Die neue Generation wächst mit dem Internet auf. Sie kennen sich im Netz besser aus als Lehrer und Eltern. Dennoch werden oftmals Stimmen laut, dass es vielen an Medienkompetenz fehlt. Ich habe mich in eine Mittelschule gesetzt und zugehört, als ihnen erklärt wurde, wie man sich im World Wide Web bewegen soll.

"Ich kann hier einiges lernen", flüstert mir der 13-jährige Rinor zu. Ich sitze im Informatiksaal neben ihn. Die ganze Klasse hört zu, wie zwei Damen von Microsoft über Fake News referieren. Im Raum sind außerdem noch zwei Kamerateams und einige Journalisten. Ich glaube Rinor nicht so ganz, weil er ebenso wie seine Freunde ein wenig abwesend und gelangweilt wirkt. Der Informatiksaal ist abgedunkelt. Zwischendurch blitzt eine Kamera auf und fotografiert ein desinteressiertes Kind. Manchmal wird den Jungen und Mädchen dann gesagt, dass sie sich zu den Computern setzen und so tun sollen, als ob sie damit arbeiten. Es soll vermittelt werden, wie interessiert der Nachwuchs ist.

Fake News überrollen uns zurzeit. Niemand scheint mehr genau zu wissen, was Wahrheit und was Lüge ist. Natürlich ist der erste Gedanke, dass man sofort bei den Kindern ansetzen soll und ihnen erklären muss, wie sie Fake News entlarven können. Microsoft veranstaltete in einer Mittelschule im 10. Bezirk sogar einen Aktionstag für die zweiten Klassen, um den Kleinsten beizubringen, wie sie mit dem Internet umgehen sollen. Der Aktionstag für Sicherheit im Internet fand dieses Jahr zum sechsten Mal statt. Nur dass die Kleinsten gar nicht so unbeholfen sind, wenn es um die Themen Fake News, Cybermobbing und Sicherheit im Netz geht.

Kinder gelangweilt fake news
Foto: Michaela Kobsa

Besser als Mathe
Während die zwei Damen von Microsoft ihren Vortrag halten, setze ich mich zu Rinor und frage ihn, wie er das Event so findet. Zu Beginn wirkt er ein wenig distanziert. Die Antworten wie "Ich kann einiges lernen" wirken so, als ob er sich dazu verpflichtet fühlt, das zu sagen. Erst nach einiger Zeit meint er zu mir, "Eigentlich wissen wir das alles. Es ist einfach cool, dass wir kein Mathe haben."

Ein Beamer projiziert verschiedenste Folien auf die kahle Wand vor uns. Der Klasse soll gezeigt werden, wie sie sich im Internet zu verhalten haben. Anhand von einem Beispiel wird erklärt, dass man auf Facebook nicht posten soll, in welche Schule man geht. "Wer macht denn sowas?", fragt ein Mädchen sichtlich verwirrt. Die Microsoft-Dame lächelt freundlich.
Auf der nächsten Folie werden die Kinder darüber aufgeklärt, dass sie keine Nacktfotos per Snapchat verschicken sollen. Gekicher. Was denn sonst? Man muss sich vorstellen: Eine fremde Dame erklärt den 12- bis13-Jährigen vor dutzenden Fremden, dass sie keine Nacktbilder machen sollen. Ohne Kameras und in einem intimeren Kreis hätte es auch funktioniert.

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(c) David Slomo

Die Kinder kennen sich bestens aus
Ich warte bis die Fake News kommen. Bis endlich Trump und die Sache mit Schweden angesprochen werden. Stattdessen kann man "Stefan Raab ist tot" auf der nächsten Folie lesen. Die Hälfte der Kinder kennt Stefan Raab zwar wahrscheinlich nur aus Erzählungen der älteren Generation, dennoch rufen die meisten: "Da klickt doch keiner drauf." 

In der Pause dürfen die Journalisten mit den Kindern reden. Die Jungs und Mädchen haben offenbar aber schon längst begriffen, dass sie vor der Kamera der Fernsehsender ihre braven Antworten abgeben sollen, weshalb sie alle zu mir rennen. Sie sehen mich als einen von ihnen und reden ganz offen mit mir. "Ist Ihnen gar nicht fad?", fragt Alena. Ich gebe die Frage zurück und frage die Klasse, ob ihnen denn fad sei. Wie ein eingestimmter Chor antworten alle gleichzeitig mit "Ja!" Sie meinen, sie würden das alles schon wissen. Das wollte ich testen und frage, was denn Fake News sind. "Promiflash", sagt Alicia. "Aber auch nicht immer. Nur wenn sie schreiben, Kim Kardashian hat mit Kayne West Schluss gemacht und danach sehe ich auf einer anderen Seite wie sie Händchen halten, dann ist das logisch, dass Promiflash lügt."
Ich frage weiter, wie sie denn noch herausfinden, was denn Falschmeldungen sind. "Wir vergleichen verschiedene Seiten miteinander", rufen ein paar Kinder durcheinander. 

"Digital Natives"
Die nächste Generation wächst mit dem Internet auf. Wir vergleichen sie oftmals mit uns, was aber falsch ist. Ich bin ehrlich, mit 12 Jahren hätte ich wohl nicht gewusst, welchen Nachrichten ich vertrauen kann und welchen nicht. Das wissen die Kinder der Mittelschule zwar auch nicht, nur setzen sie sich schon sehr früh damit kritisch auseinander. Sie wissen auch schon längst, dass man nicht mit Fremden chatten soll. Ihnen ist bewusst, dass das Internet nichts vergisst. Wie sie mit diesem Wissen umgehen ist eine andere Sache, doch einen Aktionstag gegen Fake News haben sie nicht gebraucht. Den hätten wohl eher 40-jährige Wutbürger nötig.

Ich frage noch zum Abschluss, bei welchen Medien sie sicher sein können, dass es keine Fake News sind. "Standard", kommt es aus einer Ecke. Ein Junge ruft, "Kurier". "Krone", platzt es aus einem Mädchen heraus. Naja, vielleicht müssen sie doch noch etwas lernen.

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(c) David Slomo

 

 

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