Griechenlands versteckte Krise

13. Juli 2015

Wenn derzeit von Griechenland die Rede ist, geht es fast ausschließlich um die wirtschaftliche Situation des Landes. Aber als ich vor gut 18 Monaten in die griechische Hafenstadt Thessaloniki zog, habe ich ein ganz anderes Griechenland kennengelernt. Von der Krise dort war anfangs kaum etwas zu spüren.

Griechenland, Krise, Bank, Europa
Foto by Paul Donnerbauer

Die Cafes, Bars und Tavernen waren voll, die Regale in den Supermärkten gut bestückt und in der Tsimiski, der Mahü von Saloniki, wimmelte es von Menschen. Natürlich, abseits der touristischen Straßen und Plätzen sah man vereinzelt Leute im Müll wühlen, Obdachlose auf Parkbänken schlafen und in den billigeren Wohnvierteln Roma auf der Straße spielen.

Alles in Allem kam mir meine neue Heimat also vor wie eine ganz normale südeuropäische Metropole. Das ist das Problem an der griechischen Krise. Sie ist eine versteckte, für Außenstehende kaum wahrnehmbare. Was wir kennen, sind die Zahlen und Schlagzeilen aus den Medien. Was wir auch kennen, sind die Reden der neoliberalen Hardliner, die etwa wie Angela Merkel eine „marktkonforme Demokratie“ fordern und die Konter der griechischen Gegner, die wie Ex-Finanzminister Jianis Varoufakis von „fiskalischem Waterboarding“ sprechen.

Was wir nicht kennen, sind die tagtäglichen Auswirkungen des Schuldenstreits und der andauernden Krise auf das soziale Gefüge Griechenlands. Was wir auch nicht kennen, sind persönliche Schicksale. Ich habe einige Monate gebraucht, um zu verstehen, was es tatsächlich heißt, in einem Land zu leben, das von der Krise so hart getroffen wurde und die letzten vier Jahre von einer unmündigen Politik regiert wurde.

Das Geld reicht nicht für ein Kind

Zum Einen gibt es persönliche Schicksale, wie jenes eines befreundeten Paares. Kostas ist Mitte Dreißig, Anna gerade Dreißig geworden, beide arbeiten in einer Bar. Anna ist studierte Architektin, hat jedoch kaum eine Chance, jemals als Architektin zu arbeiten. Die beiden hätten gerne ein Kind. Momentan verdienen sie vier Euro die Stunde. Selbst wenn sie 40 Stunden die Woche arbeiten könnten, wären das gerade einmal 640 Euro im Monat. Eine 40-Stunden-Woche in der Gastronomiebranche haben aber ohnehin die wenigsten. Kostas und Anna schaffen es zusammen in etwa auf 40 Stunden. Die Miete beträgt ein bisschen über 300 Euro. Ihnen bleiben also knapp 300 Euro für Verpflegung, Kleidung und Hygieneartikel. Die Preise in griechischen Supermärkten sind mit jenen in Österreich vergleichbar. Das Geld reicht nicht für ein Kind. Ihren Lebenswunsch können sich Kostas und Anna nicht erfüllen - vielleicht werden sie das auch nie.

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Foto by Paul Donnerbauer

Die Ruhe vor dem Sturm

Gleichzeitig wird mit der polarisierenden Politik ein Keil zwischen die Griechen getrieben. Ich habe bisher nirgendwo eine solche Solidarität innerhalb der Bevölkerung eines Landes erlebt, aber auch noch nie eine solche Aggression zwischen den politischen Lagern mitbekommen. Griechenland war im 19. Jahrhundert zweimal Schauplatz blutiger Bürgerkriege. Die Militärdiktatur liegt gerade einmal 30 Jahre zurück, die letzten politischen Morde erschütterten das Land 2013. Die Angst vor einem erneuten Ausbruch der Gewalt ist groß und ich war erleichtert und erstaunt zu gleich, dass es im Zuge des Referendums zu keinen größeren Auseinandersetzungen gekommen ist. Die momentane Ruhe gleicht aber mehr einer Ruhe vor dem Sturm. Die Menschen sind zunehmend verzweifelt, die Banken immer noch geschlossen. Daraus wird politisches Kapital geschlagen. Scheitert das linke Bündnis SYRIZA, könnten sich viele Griechen der „Goldenen Morgenröte“ zuwenden. Einer neofaschistischen Partei, die auch vor offener Gewalt auf den Straßen und sogar politischen und rassistischen Morden nicht zurückschreckt. Ein gewalttätiger Konflikt innerhalb der griechischen Bevölkerung ist dann ein realistisches Szenario.

 

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