„Ich gehe weiterhin in Shishabars, mir bleibt nichts anderes übrig“

21. Februar 2020

Mittwoch, 19. Februar 2020: Tobias R. erschießt neun unschuldige Menschen in zwei Shishabars in Hanau, Deutschland. Es war ein rechtsextremes Terrorattentat. 

Die emotionale und geografische Nähe trifft und betrifft uns alle.  

Denkt mal daran, wie viele von euren Freund*innen in Shishabars abhängen. 

Ich habe in einer Shishabar im zweiten Bezirk bei den Gäst*innen nachgefragt: Wie denken Wiener Shisharaucher*innen nach dem Terroranschlag? 

 

Shisha
Foto: Needpix.com

Arlind, 21, Schüler: 

Wenn ich von solchen Anschlägen in Europa lese, mache ich mir kaum Sorgen. Das würde einfach nicht zu Wien passen. Verstehst? Ich glaub die ganzen Rechten in Wien leben im Vergleich zu Deutschland eher im Untergrund. Ich habe nie mitbekommen, dass es in Wien öffentliche Nazidemos gibt, während so etwas in Deutschland ganz normal ist. Seit Oktober geht die Wiener Shishakultur meiner Meinung nach sowieso verloren. Deswegen gehe ich auch viel seltener in Shishabars. Die Folgen des Anschlags sind, glaube ich, für den Staat und die Politik mehr relevant als für uns Bürger*innen. Ich rechne mit Demos oder Anti-Rechts-Kampagnen. Aber ich glaube im Großen und Ganzen nicht, dass sich das Bild in Deutschland ändern wird. In Deutschland könnte so ein Terroranschlag jederzeit wieder passieren. In Wien fallen mir fünf Shishalokale ein, die gleich neben einer Polizeistation sind. Da kann es nicht sein, dass der/die Täter*in erst Stunden später tot aufgefunden wird. Da wird gleich eingegriffen. Es ist schade, dass so etwas passiert. Aber jetzt zu sagen „ich gehe nicht mehr raus“ ist einfach der falsche Ansatz. Was mich aber auch aufregt, ist, wie die Medien hierzulande darüber berichten. Aber klar, die haben ja auch zum Großteil ihre weißen, österreichischen Leser*innen und die wollen nichts von Terror hören, wenn es einer von ihnen war. Bei Christ*innen spricht man von Rassismus, bei Muslim*innen ist es Terror. 

 

Ismi Feiles Shisha

Ismi, 20, Maturantin: 

Ehrlich gesagt löst der Anschlag jetzt nichts in mir aus. Natürlich macht man sich Sorgen. Es werden aber nicht weniger Leute in Shishalounges gehen als jetzt. Diese schreckliche Tat war in Deutschland, nicht in Wien. Der Täter ist einfach krank gewesen. Wenn jetzt gerade ein Anschlag in einer Shishabar war, wird sicher nicht noch einer kommen. Es kann gut sein, dass Shisha-Raucher*innen in Deutschland jetzt in keine Shishabars mehr gehen. Aber bei uns sicher nicht. Die Leute in Österreich wissen wahrscheinlich nicht mal davon. In Berlin gab es 2016 diesen Anschlag auf einem Christkindlmarkt. Ich war dieses Jahr wahrscheinlich dreimal auf einem Christkindlmarkt und es war immer bummvoll. In Berlin ist es genau gleich, die Leute gehen trotzdem gerne hin. Es gibt jetzt mehr Schutz und Sicherheitsvorkehrungen, aber mehr hat sich nicht geändert. Außerdem glaube ich auch, dass dieser Terroranschlag rechte Hetzer*innen zum Nachdenken gebracht hat. Die fragen sich jetzt auch, was sich dieses unnötige Umbringen von Menschen gebracht hat.

Dejan, 27, Selbstständig:

Ich glaube solche Anschläge kann es überall geben, nicht nur in Shishalounges. Ich glaube, die Shishabars als Ziel waren mehr Zufall. Es hätte auch ein Café sein können, es hätte auch McDonald’s sein können. Multi-Kulti siehst du nicht nur in Shishabars, sondern auch in Einkaufszentren oder im McDonald’s. Ich glaube auch nicht, dass weniger Menschen in Shishabars gehen werden. Keiner wird jetzt Angst haben, dahin zu gehen. Der Anschlag wird an dem nichts ändern. 

Nikolaus, 21, Student: 

Es ist schon Fakt, dass das ein rassistisch motiviertes Terroranttentat war. Es ist aber zu weit hergeholt, zu sagen, man geht nicht mehr in Shishabars, weil man Angst hat, dass ein Nazi mit einer Pistole reinstürmt und auf Leute schießt. Ich glaube auch nicht, dass das in Wien passieren würde. Aber es kann auch sein, dass bei uns jemand ins Parlament reinkracht und auf Abgeordnete schießt. Wenn man sich die ganzen gewaltbereiten Rechten anschaut,  sind die bei uns nicht so stark wie in Deutschland. In Deutschland ist die Gewaltbereitschaft auch einfach viel höher. Wer sind bei uns denn die führenden Rechten? Ein Martin Sellner? Den verjage ich mit einem angerotzten Taschentuch. Wenn ich mir vorstelle, dass ich im “Faily’s” sitze und ein Martin Sellner kommt rein, muss ich lachen. Der wird wahrscheinlich ausgelacht und von der Kellnerin rausgebeten. Shishabars wie früher gibt es bei uns durch das Rauchverbot außerdem nicht mehr. In Shishabars, in denen es schon noch so genannte Raucherbereiche gibt, wie zum Beispiel im “Faily’s”, sind jetzt auch deutlich mehr Menschen. Ein Risiko erhöht sich dann dadurch natürlich schon, einfach weil die Konzentration an Menschen größer ist. Aber dass ich mir jetzt explizit darüber Gedanken mache und nicht mehr hingehe, ist nicht der Fall. 

Emir, 23, Selbstständig:

Also ich habe keine Angst davor, in Shishabars zu gehen. Jemand, der in Angst lebt, lebt gar nicht. Ich werde weiterhin trotzdem in Shishabars gehen, mir bleibt nichts anderes übrig. Außerdem gehe ich durch das neue Gesetz viel seltener in Shishabars, das letzte Mal war ich glaub ich vor drei Monaten. Ich glaube auch nicht, dass jetzt niemand mehr in Wien in Shishabars geht. So ein Attentat könnte überall auf der Welt passieren. 

 

Das am 1.November 2019 in Kraft getretene Rauchverbot verbietet auch das Shisharauchen in Bars und Restaurants in Österreich.

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