Kilim: Handwerk, Kunst und die Geschichten von Frauen

23. August 2016

Kilim: Göbekli

Kilim
Dudu Kücükgöl

Kilim: Handwerk, Kunst und die Geschichten von Frauen

Ich besuche meine Oma in der Türkei fast jedes Jahr. Ihr Haus in einem kleinen Dörfchen im Westen Anatoliens ist für mich ein Stückchen Paradies, Ruhe und Frieden. Die Luft riecht besser, die Sonne scheint schöner, jedes Essen, das sie mit ihren Zutaten kocht und das ich in ihrer Anwesenheit esse, schmeckt besser. Heuer habe ich das erste Mal ihre „Kilim“-Teppiche näher betrachtet.

Kilim, das ist bei uns alles, was auf eine bestimmte Art gewoben wurde: Diese Textilien hängen an der Wand, liegen am Boden, auf den Treppen, vor den Türen, sind Sitzpölster, waren mal Mehlsäcke, Taschen, Unterlagen und vieles mehr. Kilim wurden von drei Frauen gemeinsam gewoben. Diese Textilien, die im ganzen Haus zu finden sind, waren für uns immer sehr gewöhnlich – bis mir letztes Jahr meine Mama einen geschenkt hat und gesagt hat: „Dudu, pass gut darauf auf, das ist ein besonderer Kilim. Das war mal der eigene Kilim meiner Mutter.“ Voller Bewunderung für die Farben und das Muster und die Besonderheit dieses Teppichs, der meiner Oma gehört hatte, fragte ich: „Anne, was ist leicht der eigene Kilim? Meinst du, sie hat ihn selber gewoben? – „Nein, gewoben hat sie alle selber, aber das war ihr eigener. Früher hat jeder einen speziellen Kilim für die Bestattung gehabt. Nachdem der Leichnam gewaschen und in das Leintuch gelegt wurde, wurde er in einen Kilim gewickelt und darin zuerst in die Moschee und dann zum Grab getragen. Dann wurde der Kilim der Moschee gespendet und dort ausgelegt. Heute sind keine Kilim mehr in den Moscheen und die Toten werden in Särgen zum Grab getragen. Diesen Brauch gibt es nicht mehr.

Ich war bedrückt. Oma hatte bereits vor Jahrzehnten etwas für ihren Tod vorbereitet und überhaupt schien es so normal zu sein, etwas für den Tod vorzubereiten. Meine Oma hatte sich tagelang hingesetzt und einen Teppich zum Einwickeln ihres Leichnams gewoben. Der Tod muss einen ganz anderen Platz im Leben gehabt haben als heute, er war greifbar, war in Gegenständen des Alltags und wurde sogar mit gemeinschaftlicher Arbeit verbunden.

Das war die erste Kilim-Story, die ich gehört hatte: Ein Teppich und eine Geschichte dazu. Für mich war der Teppich zuerst so besonders, weil meine Mutter ihn von ihrer Mutter hatte und mir geschenkt hat. Ich empfand als Tochter immer schon alles, was matrilinear weitergegeben wurde, als ganz besonders. Aber jetzt hatte der Teppich und seine Entstehung zusätzlich eine Geschichte, die zu ihm und damit nun auch mir gehörte. 

So habe ich, als ich heuer wieder zu Oma gekommen bin, mir die Kilim meiner Oma angesehen, die in den Zimmern liegen, und nach den Mustern gefragt. Meine Mutter kannte einige Muster, aber nicht alle. Meine Oma wusste alles noch genau, obwohl sie seit ca. 30 Jahren nicht mehr gewoben hatte: „Meine Augen sind nicht mehr so gut, meine Arme und mein Kreuz tun weh, aber wenn du mir jetzt einen Webkasten aufstellen würdest, ich würde jedes Muster noch blind weben.“ Ich frage, ob es noch Kilim-Weberinnen im Dorf gibt, weil ich gerne filmen und fotografieren würde, aber sie verneint. Auch in den Nachbardörfern wird kein Kilim mehr gewoben. Sie nennt eine Ortschaft, die ungefähr 50km weit weg ist und sagt, dass sie glaubt, dass dort noch Kilim gewoben werden: „Aber das sind wieder andere Kilim, das Muster und die Technik sind anders. Sogar im Dorf direkt neben uns haben sie andere Kilim.“ So erfahre ich, dass jedes Dörfchen andere Muster hat und Kennerinnen die Kilim nach Dörfern unterscheiden können. Mir wird klar, dass sie die Einzige ist, die mir von der Teppichkunst unseres Dorfes erzählen kann. Das Wissen, das sie hat, hatte früher jede Frau, es war alltäglich. Heute ist es Wissen, das niemand mehr braucht und das niemand mehr erwirbt.

Also frage ich sie weiter aus: Wie heißt dieses Muster? Wie habt ihr die Farben gemacht? Wann habt ihr gewoben? Wie lang hat es gedauert? Meine Oma war über mein Interesse verwundert. Ein Kilim war nie was Besonderes für sie, sie lächelt: „Meine Tochter, die macht doch heute keiner mehr. Jeder hat jetzt die neuen, modernen Teppiche im Haus, die von Maschinen gemacht werden.“ Ich frage sie über ein Muster im Wohnzimmer: „Das ist das Muster „Zili“, aber dieser hier ist voller Fehler. Der daneben, da hat Fatmanim Abla mitgewoben, der ist besonders schön. Schau, sie hat hier innen immer ein anderes Muster gewoben, die sind schwer. Aber bei diesem hat Gülay als junges Mädchen zum Lernen mitgewoben. Wir haben sie in die Mitte gesetzt, weil die Mitte leichter zu weben ist als der Rand, wo die Muster abgeschnitten werden und die Randmuster dabei sind. Und deshalb hat er in der Mitte Fehler.“ Ich blicke auf den Teppich und suche die „Fehler“, aber ich sehe einfach keine. Für mich sieht alles ordentlich und gleichmäßig aus. Dann zeigt sie mir einige Fehler. Da hat sie zu wenig oder zu viel gewoben, hier hat sie die falsche Farbe verwendet. Sie lacht: „Gülay sagt immer, wenn sie hierher kommt: Gut, dass ich diese Fehler gemacht habe, so denkt ihr immer an mich und habt eine Erinnerung.“

Und so merke ich, wie jeder Kilim eine eigene Geschichte hat und wie Oma über jede Frau, die mit ihr einen Kilim gewoben hat, was zu erzählen hat. Meine Mutter erzählt mir dann, dass Oma eine besonders gute Kilim-Weberin ist und die Leute im Dorf immer zu ihr gekommen sind, um den Grundfaden zu legen bevor sie ihn in den Kasten gespannt haben. Sie konnte die Fäden für eine bestimmte Kilim-Größe in der passenden Spannung gleichmäßig einschätzen und spannen. Das Wissen, das Oma über die Kilim unseres Dörfchens hat, ist einmalig und wenn einmal die Weberinnen sterben, ist es vergessen. So beschließe ich, die Teppiche zu fotografieren, die Namen der Muster zu notieren und Oma auch nach den Geschichten der Kilim auszufragen. Denn in diesen ganz alltäglichen Gegenständen, in diesen so schönen, handgewobenen Teppichen, stecken Handwerk, Kunst, ein Teil unserer Familiengeschichte sowie die Geschichten der vielen Frauen.

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