Per Anhalter ins georgische Kloster

22. Oktober 2019

biber Kolumnistin und digitale Nomadin Andrea hat beschlossen, ihren Arbeitsplatz mit auf Reisen zu nehmen und euch von unterwegs zu berichten 


Andrea, Reisekolumnistin, Georgien

Diesen Sommer war ich einen Monat im Kaukasus – Georgien, Armenien, Aserbaidschan. Zwei Wochen davon lebte ich in einem orthodoxen Kloster und suchte nach dem Sinn des Lebens. 

„Ich finde es toll, dass du keine Fotos machst. Du lebst in der realen Welt, nicht durch dein Handy.“ Das war es also mit unserem gemeinsamen Selfie. Sie würde bestimmt nicht nein sagen, aber jetzt komme ich mir dumm vor, sie zu fragen. Ich spreche von Deda Mariami. Deda bedeutet Mutter auf Georgisch. Das ist wohl eines der ersten Wörter, die man im georgischen Kloster lernt. 

 

KEINE HALBEN SACHEN 

Meine Freundin Salome hat über drei Ecken den Kontakt zu einem Kloster bekommen und mir geholfen, meinen Aufenthalt zu organisieren. Ich wusste nicht, was mich dort erwarten würde, doch eins war klar: Zwei Wochen lang kein Internet, kein Social Media, keine Ablenkungen, kein virtueller Kontakt zur Außenwelt. Nur echte Menschen, die fast alle kein Englisch sprachen. Und mein Russisch war – um nicht zu übertreiben – begrenzt. Ich hatte mir vorgenommen, in diesem Jahr Dinge zu tun, die mir Angst machten. Und das machte mir große Angst. Also nichts wie los. 

 

AUSSERGEWÖHNLICHE FREUNDINNEN

Zu meinem Glück gehörte Deda Mariami zu den wenigen Leuten, die Englisch sprachen. Unsere Gespräche gingen also weit über Smalltalk hinaus. Sie besaß fast nichts und war der glücklichste Mensch, solange ihr auch nichts aufgedrängt wurde. Ich erzählte ihr, dass ich seit Anfang dieses Jahres versuchte, Zero Waste zu leben und meine Wohnung komplett ausgemistet habe. Das war wohl der Beginn einer ungewöhnlichen, aber wunderbaren Freundschaft. 

 

LANGEWEILE MUSS MAN LERNEN 

So oft es ging, half ich bei der Gartenarbeit oder in der Küche. Doch Deda Mariami war so bemüht, mir möglichst viel von Georgien zu zeigen, dass wir ständig unterwegs waren. Meist kamen wir nicht vor zehn Uhr abends nach Hause, beteten noch gemeinsam und dann ab ins Bett. So sehr ich mich auch bemühte, am nächsten Tag um vier Uhr aufzustehen und zum zweistündigen Morgengebet zu gehen – es war wirklich hart. Meist fielen mir währenddessen die Augen zu. Ich musste nicht zwingend an allen Aktivitäten teilnehmen, aber schließlich wollte ich die ganze Experience haben. 

Die Nonnen waren sehr fasziniert über meine Fähigkeit, stundenlang ruhig dazusitzen und dem Gemurmel zu lauschen, bei dem ich absolut nichts verstand. Um ehrlich zu sein: Ich war auch fasziniert. Ich hatte Angst gehabt, ich würde mich langweilen. Eine wirklich absurde Angst. Nach nur wenigen Tagen schüttelte ich das Gefühl ab, ich müsse ständig beschäftigt sein. Ab dann ließ ich mich einfach treiben. Mein Handy hatte ich während der ganzen Zeit vielleicht zweimal angerührt. Im Kloster konnte ich mich nicht einfach mit Instagram ablenken. Wenn mir langweilig war, musste ich mich wohl oder übel mit meinen eigenen Gedanken beschäftigen. 

 

VON AEROBIC-TRAINERIN ZUR NONNE

Deda Mariami faszinierte mich mit ihrer unerschöpflichen Ruhe und Gelassenheit. Sie war 63 Jahre alt, doch ich hätte unmöglich ihr Alter schätzen können. Ihre Lebensfreude war jung und kindlich, ihre Ausstrahlung war zeitlos. Sie war früher Tänzerin gewesen und hatte unter anderem als Aerobic-Trainerin gearbeitet, bevor sie mit 35 zur orthodoxen Kirche kam. 

Andrea, Reisekolumnistin, Georgien

BIS ZUM NÄCHSTEN MAL 

Wir reisten viel – meist per Anhalter oder Bus – und trafen einige ihrer Freunde. Sie fanden alle, ich hätte großes Glück gehabt, Deda Mariami kennenzulernen. Und das hatte ich auch. Wir hatten von Anfang an eine tiefe Verbindung. Sie sah mich fast wie ihre Tochter und wollte mir viel mitgeben. Sie gehört zu den Menschen, die mich in den letzten Jahren am meisten geprägt haben. Ich habe ihr fest versprochen, sie bald wieder besuchen zu kommen. 

So gerne würde ich euch noch weitererzählen von der unglaublichen Gastfreundschaft, die ich nirgends so erlebt habe wie in Georgien, von meinen weiteren Reisen nach Baku und Jerewan, von der atemberaubenden Schönheit des Kaukasus. Doch am besten, ihr steigt in den nächsten Flieger und überzeugt euch selbst.

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