Das Kind muss weg.

22. Oktober 2019

Elternsein ist Trend, das zeigt der Anstieg von Geburten wie Babycafes. Doch weil das moderne Familienleben eine alltägliche Zerreißprobe bedeutet, folgt daraus ein anderer Trend: Die Kinder müssen weg.

Von Delna Antia-Tatić

Letztens war es soweit. Ich habe es gedacht. Einfach frei heraus, ohne Hemmung. Ich dachte den feministischen Albtraum. Der ging so: Kann ich bitte meinen Job an den Haken hängen, meinen Mann zum lukrativen Alleinverdiener ernennen und von heute an zuhause bei meinem Kind bleiben? Kann ich bitte vormittags für mein Kind kochen und nachmittags mit ihm Christbaumschmuck basteln, so wie meine Mutter einst mit mir? Kann ich bitte nicht so durch unser perfektes Leben hetzen? Als ich das fertig gedacht hatte, schämte ich mich ein bißchen. Nicht total, weil ich ja wusste, dass dieser Gedanke eine Verzweiflungstat war. Natürlich liebe ich meinen Job. Überhaupt, ich bin der Typ „arbeiten macht mich glücklich“. Aber so? So hatte ich es mir nicht vorgestellt. Vielleicht ähnlich naiv wie in Sachen Geburt und Kind-dann-tatsächlich-haben, liegen einfach Welten zwischen dem, was man liest und sich vorstellt, und dem, was dann blanke Realität wird. Ein „Mamaa!“ schreiendes Kind, das seine Arme flehentlich zu dir hinstreckt und verzweifelt mit nassem Gesicht zuschaut, wie du dich umdrehst und gehst, das tut weh.

Wie oft weine ich selbst, wenn ich die Kindergartentür hinter mir schließe. Dabei hatten wir so eine gute Eingewöhnung. Aber genau jetzt, wo mein Mann wieder viel auf Dienstreise ist und bei mir sich die Projekte in der Arbeit türmen, genau jetzt durchlebt unser knapp Zweijähriger eine Phase von intensivem Trennungsschmerz. Genau jetzt? Ich bezweifle, dass dieses Timing Zufall ist. In den ersten Stunden bei der Arbeit fühle ich mich oft bedrückt. Irgendwann verdränge ich und arbeite den üblichen Marathon: Wie jede Teilzeit-Mama bin ich im Akkord kreativ, konzentriert, treffe Entscheidungen, habe Meetings und trage Verantwortung. Dann – wumm – lasse ich abrupt alles stehen und liegen. Schalter umdrehen, es ist Zeit, Mama hetzt heim. Zerrissenheit war für mich immer ein Schlagwort, jetzt trifft sie mich. Und ganz ehrlich: Zerrissen zu sein fühlt sich scheiße an.

Ich bin der Typ „arbeiten macht mich glücklich“. Aber so?

Jetzt verstehe ich all die Frauen, die Artikel, die Zeilen, die davon sprechen. Nur verstehe ich die Lösung nicht. Oder fühle sie nicht. Denn offiziell verkörpere ich ja das Ideal: Ich vereinbare Karriere und Kind. Ich bin eine Frau mit Kleinkind in der Chefetage, eine Mutter in Führungsposition. Mit 30 Arbeitsstunden die Woche, nicht mit zwölf, zurück im Job nach einem Jahr Karenz, nicht zweieinhalb. Wie oft ernte ich dafür Bewunderung und für viele junge Frauen gelte ich als Vorbild. Als mein Vater mir zum Jobantritt sagte, dass er stolz auf meine Karriere sei, freute ich mich. Aber ich sagte ihm auch – und noch heute ist er überrascht von dieser Antwort: „Papa, ich mache nicht nur Karriere. Ich gehe als Frau einfach weiterarbeiten, weil ich später nicht (worst case) in der Altersarmut landen will.“ Denn diese strukturelle Diskriminierung von Frauen ist nicht nur existenziell in ihrer Ungerechtigkeit, sie empört mich – fühle selbst ich in einer recht privilegierten Situation, was wir alltäglich leisten. Und allein 10 Wochenstunden weniger bedeuten einen spürbaren Lohneinschnitt. Ich finde es daher zu 100 Prozent richtig und wichtig, dass wir Frauen an uns denken, an unsere Zukunft in Unabhängigkeit. Dass wir nicht weiter aus Tradition zurückstecken. Dass wir ein Recht darauf haben, keine Selbstverständlichkeit zu sein.

Es gibt einen regelrechten äußeren Druck, das Kind wegzuorganisieren.

Mein Mann weiß das. Wir teilen die Familienarbeit. Aber auch er arbeitet. Von einem Gehalt allein wollen wir nicht leben – und ganz ehrlich, bei den Kosten, wer kann das schon? Was zu einem hohen Stresslevel im Alltag führt: Beide verfolgen interessante und anspruchsvolle Jobs, und beide wollen Eltern sein. Es zerreißt also nicht nur mich. Auch meinen Mann, den Papa. Wie viele Jungväter kenne ich inzwischen, die sich über nichts anderes unterhalten als über den Wunsch mehr Zeit mit ihrer Familie, ihrem Kind zu verbringen. (Am Ende wollen dann alle ein Kindercafe eröffnen.) Einerseits ist es unglaublich schön, dass eine neue Generation mit einem neuen Männerbild und Vatergefühl heranwächst und dass Familienarbeit selbstverständlich(er) geteilt wird. Aber was steht auf der anderen Seite, was ist die Konsequenz, wenn beide arbeiten müssen – und auch wollen?

Die gesellschaftliche Paradelösung scheint zu heißen: Das Kind muss weg. Es muss möglichst früh in den Kindergarten, am besten in einen mit flexiblen – sprich langen - Öffnungszeiten. Und weil das oft nicht reicht, braucht es dazu noch Babysitting, Kindermädchen, Aupair. Es gibt einen regelrechten äußeren Druck, das Kind wegzuorganisieren. Nicht nur wegen der Arbeit, auch sonst scheinen viele Eltern immer mehr und lauter ihre Wünsche nach dem „alten“ Leben „davor“ zu formulieren und „brave“ Kinder sind die, die „mitlaufen“ bzw. weg sind. Nicht stören. Dass „regretting parenthood“ – also das öffentliche Bereuen Kinder zu haben – ein Trend geworden ist, passt dazu und ist doch befremdlich. Denn es schmälert echte Depressionen von Betroffenen und macht es normal, sein Kind als Belastung zu kommunizieren. Wie die Freundin einer Bekannten erklärt: „Warum ich heut ganz in schwarz bin? Ich trage Trauer, denn ich habe ein Kind.“ Ein Witz natürlich, aber mir bleibt so etwas im Hals stecken. Rudi Nowotny bringt das in der Zeit in seinem Artikel "Eltern: Heult leiser" auf den Punkt: „Kinder können es sich nicht aussuchen, geboren zu werden. Was ist das für eine Gesellschaft, die auf Kosten der Schwächsten ihre Tabus bricht?“

Kind
Die Kinder sind oft gerade erst eins beim Beginn ihres Kindergartenalltags – teilweise sogar jünger. Es scheint kaum noch jemand zwischen der Belastbarkeit eines Einjährigen und eines Dreijährigen zu unterscheiden.

Natürlich ist es auch gut, über Tabus zu reden. Natürlich ist es mehr als an der Zeit, dass Mütter nicht selbstverständlich auf ihre Kosten die Familie schmeißen und beruflich zurückstecken. Das ist alles verständlich und berechtigt. Doch was mich stört, ist, dass eine Stimme in der Diskussion fehlt. Die des Kindes. Fragt sich eigentlich einer von uns, was sich unsere Kinder wünschen? In der gesamten Debatte um Familienmodelle geht es um jeden, die Frau, den Papa, die Unternehmen, den Staat. Aber geht es einmal um die Kinder? Ihr Weinen kann noch so laut sein, ihre Stimme erscheint mir stumm.

Dass unsere Kinder auch Stress haben in diesem Elternkonzept geprägt von Zerrissenheit, Hetze und Überforderung, darüber scheinen wir hinwegzusehen. Dabei zeigte eine Studie im Auftrag von SOS-Kinderdorf Anfang des Jahres, dass fast neun von zehn Jugendlichen (87,8 Prozent) ihr Familienleben als sehr stressig empfinden: „Auch das Arbeitsleben der Eltern wird von den Jugendlichen als Belastung empfunden, 40 Prozent stört, dass ihre Eltern gestresst von der Arbeit nach Hause kommen. 22 Prozent empfinden es als stressig, dass „meine Eltern ständig erreichbar sind für ihre Arbeit“," zitiert Die Presse.

Auch unser Sohn kennt gestresste Eltern zu Hause. Auch unser Sohn muss „weg“, damit wir arbeiten und den Lebensunterhalt verdienen können. Auch wir organisieren Woche um Woche die Oma aus Wöllersdorf nach Wien, damit sie an mindestens zwei Nachmittagen die Schicht nach dem Kindergarten übernimmt. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass die Schwiegermutter einen gewissen zusätzlichen Stressfaktor mit sich bringt. Und wenn dann noch Krankheit, Zahnung, nächtelange Schlaflosigkeit und Redaktionsschluss zusammenfallen, dann kann ich nicht anders als mir den Ausstieg zu wünschen – aus diesem Wahnsinn von zwei erfolgreich arbeitenden, „guten“ Eltern. Um nicht missverstanden zu werden: Ich bereue mit keiner Faser, Mutter zu sein. Im Gegenteil, ich wünsche mir nicht „weniger“ Kind, sondern „mehr“: Einfach mal Ruhe für Trotzphasen und Töpfchentraining. Bin ich allein mit diesem doch so „konservativen“ Wunsch? Nein, natürlich nicht.

In der Zeit klagt zum Beispiel die Autorin Anne Altenbokum den gesellschaftlichen „Betreuungswahn“ an und bekennt sich dazu, „so eine“ zu sein: eine Mutter, die ihr Kind nicht mit einem Jahr in den Kindergarten bzw. in die deutsche KiTa steckt, sondern – absurde Vorstellung: für ihr Kind zuhause bleibt. Dafür wird sie angefeindet. Der Trend geht ja in die umgekehrte Richtung – je früher, je umfassender, desto besser. Eltern fordern mehr Randzeitbetreuungen und flexible Öffnungszeiten. BMW, so schreibt die Zeit-Autorin, stellt Babysitter, wenn die Kinder krank werden, auch andere Arbeitgeber bieten Nannys, wenn die Eltern nicht ausfallen dürfen. Altenbokum fasst zusammen: „Was wirkt wie Luxus, bedeutet gleichzeitig, dass man sich seinem Kind, ob krank oder gesund, nicht selbst zuwenden soll. In einem Kindergarten liegt ein Kind mit über 40 Grad Fieber neben der Erzieherin auf einer Matratze, und statt dass es zu Hause bleibt, landet es am nächsten Morgen wieder krank mit Medikamenten auf der Matratze. Es ist fast unmöglich, sich dem gesellschaftlichen Konsens, sein Kind fremdversorgen zu lassen, zu entziehen. Eine Freundin traut sich nicht, zuzugeben, dass sie ein Jobangebot ablehnt, um ihr einjähriges Kind nicht der Babysitterin in die Hände zu geben.“

Kindergarten ist für Kinder so stressig wie für uns ein Arbeitstag.

Diesen Druck kenne ich. Auch mir wird bei Jobeinstieg dringend geraten: Besorge dir mindestens zwei Babysitter, sonst geht's nicht. Auch ich begegne nur Frauen, die spätestens nach einem Jahr wieder zurück in den Job gehen. Und die Einzige, die mit ihrem Sohn zuhause blieb bis er 2,5 Jahre alt war, ist eine Kindergartenpädagogin. Sie sagt: „Ich kenne einfach die andere Seite zu gut.“ Sie erklärt mir, dass Kindergarten für Kinder so stressig ist wie für uns ein Arbeitstag. Plus, diese Kinder sind oft gerade erst eins – teilweise jünger. Irgendwie scheint kaum noch jemand zwischen der Belastbarkeit eines Einjährigen und eines Dreijährigen zu unterscheiden. Die Kleinsten tragen Windeln, manche können noch nicht gehen oder selbstständig eine Suppe löffeln, geschweige denn sprechen. Sie sind in ihrer Bedürftigkeit auf einmal einer Gruppendynamik, einem Lärmpegel und jeder Menge Emotionen ausgesetzt. Denn obwohl auch ich natürlich ein großer Fan unseres Kindergartens, der Betreuerinnen dort und ihrer pädagogischen Arbeit bin, ist die Frage nach der zumutbaren Wochenstundenzahl für Kleinstkinder wohl berechtigt.

Also statt Kindergarten bis 17 Uhr ein Kindermädchen für die Nachmittage dazu engagieren? Denn wer über das wichtigste Gut im modernen Familienleben nicht verfügt – das sind willige und pensionierte Großeltern in derselben Stadt – der braucht meist zusätzliches Personal. Leider. Was eine „Nanny“ für Kinder zum Teil jedoch bedeutet, kann ich nachmittags im Hietzinger Hügelpark nur zu gut beobachten. Wie letztens bei dem vierjährigen Mädchen Ann-Kathrin. Sie und mein Sohn hatten die große Rutsche okkupiert, sie oben, er unten. Doch so weit weg ich ihn auch aus ihrer Bahn manövrierte, sie rückte stets nach – irgendwann kapierte ich: Ann-Kathrin wollte ihn umrutschen, mit voller Absicht. Die Kleine war aggressiv. Sie schrie die Frau an, die mit ihr da war. Eine etwa 40-jährige Asiatin, die milde lächelte und mich entschuldigend anlächelte: „Stupid girl.“ Mich beschäftigte diese Begegnung noch lang danach. Denn ich hatte nicht den Eindruck, dass Ann-Katrin dumm ist. Im Gegenteil, sie wirkte eigentlich nur unglücklich. Die Nanny hatte während der gesamten Zeit ein riesiges Smartphone in der Hand, auf dessen Display ein Mann sprach. Der Spielplatzbesuch erschien wie reine Dienstleistung. Natürlich gibt es auch tolle Babysitterinnen, wir selbst hatten eine. Aber es gibt eben auch andere, solche, die regelmäßig Fernschauen mit dem eigenen Kleinstkind - was zum Entsetzen einer Bekannten passiert ist.

Der verstorbene Familientherapeut Jesper Juul beschreibt solche Szenarios als das Schicksal typischer „Oberklassensprösslinge“: „Diese sind nur dann mit ihren Eltern zusammen, wenn es diesen gerade passt und ansonsten auf Kindermädchen und anderes Personal angewiesen. Sie lernen ausschließlich mit Menschen umzugehen, die ihnen zu Diensten sind und die eigenen Bedürfnisse hintanstellen. Daher werden solche Kinder oft einsam und unglücklich und neigen dazu, andere Menschen auszunutzen.“ Juul bemerkt, dass jedoch dieses Oberklassenphänomen sich als allgemeiner Trend in den nordischen Ländern verbreitet. Der Luxus der Oberklasse wird zum modernen Familienmodell: Wer Kinder hat, muss diese wegorganisieren. Wenn Frauen richtigerweise nicht mehr den Preis zahlen und zum Wohle der Familie zurückstecken, dann ist das gut. Aber so ehrlich müssen wir sein: Im neuen Modell der Rundumbetreuung stecken unsere Kinder zurück. Ist das gut?

Für mich nicht. Ich habe zwar weder eine bessere Lösung parat, noch werde ich jetzt kündigen, um am Nachmittag Kekse zu backen. Aber ich werde auch nicht weghören, wenn mein Kind weint. Seine Stimme zählt. ●

Kind
Vereint statt zerrissen macht glücklich

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