Der Baba von Meidling

22. Oktober 2019

Er ist ein Mann mit Babytrage und sieht dabei nicht aus wie ein Alman. Wie Neo-Baba Ali Cem Deniz zu einer Berühmtheit in Wien Meidling wurde.

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Zum Autor: Ali Cem Deniz, 30, Redakteur und Moderator bei Radio FM4, ist als schlafwandelnder Schwarzkopf-Papa eine Berühmtheit in Wien-Meidling geworden.

Bis vor einem Jahr konnte ich in Meidling ein relativ anonymes Leben führen. Die Türken aus der Bäckerei und die Bulgaren vom Markt kannten mich vom Sehen, aber sie interessierten sich kaum für mich. Seit meine Tochter da ist, ist das anders. Ich fühl mich wie die berühmteste Person auf den Straßen des 12. Bezirks. Nur der Müllmann mit dem Porno-Schnauzer und dem eisernen Kreuz um den Hals kann mit mir konkurrieren.

Wenn ich auf der Meidlinger Haupstraße an türkischen Hausfrauen vorbeigehe, wenn ich Faschiertes fürs Köfte kaufe oder einfach nur in der Gegend herumlaufe, falle ich sofort auf. Ich bin ein Mann mit einer Babytrage und ich sehe nicht gerade aus wie ein Alman. Es gibt wenige Dinge, die sich so gut anfühlen, wie ein Baby zu tragen. Zumindest bei kälteren Temperaturen. Doch, wenn ich bei meinem Friseur vorbeilaufe, wo die Kundschaft meistens nicht im Salon, sondern rauchend davor steht, bekomme ich an manchen Tagen meine Zweifel. Was halten die von mir? Wieso bin ich der einzige Türke, der hier mit Baby rumläuft? Sollte ich mir überhaupt solche Gedanken machen? Kann ich den Kinderwagen kurz im Schatten abstellen und ein paar Körbe werfen?

Bis meine Tochter auf die Welt kam, dachte ich, dass ich schon alles weiß. Ich wusste, dass ich liebevoll sein werde, aber auch Grenzen setze, wenn es sein muss. Ich würde mich um sie kümmern, aber auch mein Leben leben. Jetzt weiß ich, dass nicht ich sie erziehe, sondern sie mich.

Vater zu sein verändert nicht nur den Alltag. Ich mache heute eine Menge Sachen, die ich nie gemacht hätte. Ich stehe an den meisten Tagen um 5 auf, in meinem Kopf ist ständig eine Liste mit Dingen, die ich noch einkaufen muss. Ich mache mir sogar Gedanken, wie ich meine Tochter anziehen könnte und was ihr am besten passt. Die echte Veränderung findet aber im Kopf statt.

Obwohl der Alltag als Neo-Baba stressig ist, habe ich angefangen, vieles im Leben gelassener zu nehmen. Alles, was ich früher bis zum letzten Moment aufgeschoben habe, erledige ich jetzt sofort. Wer weiß, wann ich je wieder Zeit haben werde? Und ich habe gelernt, was ich wirklich brauche. Ich schaue weniger auf das Handy. Statt unendlich viele Serien zu „bingen“, freue ich mich, wenn ich mit meiner Frau einzelne Filme und Shows sehe, die wir uns schon Tage vorher aussuchen. Auf den Basketballplatz schaffe ich es nicht mehr so oft. Dafür habe ich die verstaubte Gitarre herausgekramt und spiele meiner Tochter jeden Tag was vor. Wenn ich es nicht mache, zeigt sie so lange auf die Gitarre und regt sich auf, bis ich die Saiten schlage. Und ich habe gelernt, dass es Vorteile hat, der einzige Türke mit Babytrage in Meidling zu sein. Beim Markt kriegen wir jeden Tag Obst geschenkt. Ich muss beim Smalltalk mit dem Bäcker nicht nach Themen suchen, sondern werde direkt gefragt, wie es der Kleinen geht und ob wir schon besser schlafen.

Danke meine Liebe. Du hast deinen Vater nicht nur prominent gemacht, sondern auch zu einem besseren und interessanteren Menschen. Wer uns jetzt in Meidling sucht, wird nicht mehr fündig werden. Wir ziehen bald in den 10. Bezirk und ich werde der Baba von Favoriten.

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