KUBA - JETZT ODER NIE

27. Oktober 2015

Alte Chevrolets, sozialistische Plattenbauten und kein Internet - Kuba gehört laut der „New York Times“ zu den Reisezielen 2015. Bevor im Land neue Zeiten anbrechen, wollten sich Redakteurin Alexandra Stanic und Fotochef Marko Mestrovic selbst ein Bild vom Castro-Reich machen.


von Alexandra Stanic und Marko Mestrovic (Fotos)

Ich sitze auf dem Rücksitz eines klapprigen Lada und teile mir den wenigen Platz mit einem holländischen Pärchen. Wir fahren auf einer Landstraße von Varadero nach Havanna und ziehen vorbei an alten Chevis, Palmen und Pferdekutschen. Im Hintergrund läuft spanische Popmusik, unser Taxifahrer Claudio kurbelt das Fenster runter und zündet sich eine Zigarette an. Es riecht nach Meer. Mein Begleiter Marko unterhält sich mit Claudio, der ihm stolz erzählt, dass er bald nach Kanada auswandern wird. Er lacht, sein goldener Eckzahn blitzt hervor. Ich erhole mich von der hitzigen Diskussion mit den anderen Taxifahrern am Flughafen. Sie wollten verhindern, dass wir uns zu viert ein Auto teilen und verwiesen in böse klingendem Spanisch auf die anderen Taxis. Claudio entschuldigt sich im Nachhinein für seine Kollegen, „alle seien auf Geld aus“, erklärt er in gebrochenem Englisch. Das ist die erste Lektion, die wir gelernt haben: Als Tourist bist du in Kuba, wie in vielen anderen Ländern, Beute. Jeder versucht irgendwie Geld mit dir zu machen und jeder denkt du bist reich. Das ist gar nicht so verkehrt, immerhin kostet unser 800 Euro Flug mehr als das jährliche Durchschnittseinkommen eines Kubaners.

Kuba, Reisen,
Foto: Marko Mestrovic

 

Doch eine neue Ära steht an: Nach 55 Jahren scheinen die Feindseligkeiten aus der Zeit des Kalten Krieges zwischen Kuba und Amerika überwunden. Ende 2014 verhandelten die beiden Staatsmänner Raúl Castro und Barack Obama über diplomatische Beziehungen. Der Handel soll erleichtert werden, zudem sollen mehr US-Bürger die Erlaubnis bekommen einzureisen. Lange Zeit war das verboten.

Aber noch ist das Land frei von McDonald’s und Leuchtreklamen. Stattdessen begnügt man sich mit Propagandaplakaten, in denen von „mehr Leistung“ und „harter Arbeit“ gesprochen wird - Spuren des Sozialismus. Es gibt kaum Internet. Auch Marko und ich leben zwei Wochen abgeschottet von der restlichen Welt. Deswegen habe ich zu Stift und Papier gegriffen, um unsere Eindrücke und Erlebnisse in einem Notizbuch festzuhalten:

Kuba, Reisen,
Foto: Marko Mestrovic

 

Die verwelkte Schönheit Havanna

Der Kulturschock sitzt mir noch immer in den Knochen. Eine Frage kriege ich einfach nicht aus dem Kopf. Wieso tragen die gut genährten Kubaner so hautenge Kleidung? Die ganze Stadt ist chaotisch, laut und platzt aus allen Nähten. Als Snacks scheinen hier alle Schweinefleisch-Sandwiches zu essen. Das Spanferkel wird direkt auf der Straße gebraten und in ein Weißbrot-Weckerl gepackt. Das Essen haut mich nicht vom Hocker, die meisten Restaurants bieten schlechte Gerichte an. Ich habe mich an den Gedanken gewöhnt, dass ich in nächster Zeit Obst und Bananenchips, die kubanische Version von Pommes, essen werde.

Nach zwei Tagen stören mich der Lärm und die aufdringlichen Blicke nicht mehr. Ich entwickle eine Art nostalgische Sympathie für Havanna. Wenn ich die Hauptstadt mit zwei Wörtern beschreiben müsste, dann so: Verwelkte Schönheit. Unsere Unterkunft ist gegenüber einem kleinen Laden, in dem Kubaner mit Lebensmittelmarken das Nötigste zu essen kaufen können. Schon früh morgens stehen sie mehrere Stunden an, um ein paar Lebensmittel zu ergattern. Generell scheint man hier auf alles zu warten: die Telefonzelle, das Öffnen der Bank, 15 Minuten im Internetcafé, zu spät kommende Busse, Fahrradtaxis und bessere Zeiten. Die sollen mit der Regierung von Raúl, dem Bruder von Fidel Castro, bald kommen.

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Illustration: Nana Williams

 

Zu Besuch bei Oma

240 Kilometer weiter südlich: Die Touristenbusse sind gut vernetzt und fahren in alle größeren Städte. Trotz zweistündiger Verspätung war die Fahrt von Havanna nach Cienfuegos in Ordnung. Wir finden gleich eine Privatunterkunft bei einer alten Lady namens Bertha. Die 65-Jährige spricht kein Wort Englisch und wir nur ein paar Brocken Spanisch. Bei der Begrüßung spricht sie fünf Minuten ununterbrochen. Marko und ich bringen nur ein „Si“ raus und lachen, wenn sie lacht. Sie ist uns auf Anhieb sympathisch. Es fühlt sich an, als wären wir zu Besuch bei Oma in Bosnien.

Bertha organisiert uns einen Fahrer zum Strand. Eduardo holt uns morgens pünktlich mit seinem blauen Oldtimer ab und bringt uns abends wieder zurück. Auch ihr Tipp, den Wasserfall „El Nicho“ zu besuchen, ist Gold wert. Das Wasser ist glasklar, eiskalt und wunderschön. Weil wir früh los sind, sind wir die ersten dort und genießen ruhige Momente im Eiswasser. Außerdem finden wir in der Stadt im Herzen Kubas das Restaurant „Aché“, was auf Kubanisch-Spanisch „Glück“ bedeutet. Wie ein Glückspilz fühle ich mich wirklich, weil es das erste Restaurant ist, das ich nicht hungrig und/oder unzufrieden verlasse.

 

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Foto: Marko Mestrovic


Bunt geht immer

Bisher waren wir jeden Tag angeheitert, was wahrscheinlich daran liegt, dass die Mojitos teilweise billiger sind als eine Flasche Wasser. Unser Taxi-Fahrer von Cienfuegos nach Trinidad hat statt eines Rückspiegels einen kleinen TV-Monitor eingebaut, auf dem er spanische Musikvideos abspielt. Sie klingen wie eine noch schnulzigere Version von Turbofolk-Liedern vom Balkan.

Trinidad, die 500 Jahre alte Kolonialstadt, gehört zurecht zum UNESCO-Weltkulturerbe. Hier gilt: Bunt geht immer. Sowohl die Häuser als auch die Klamotten strahlen in den verschiedensten Farben. Die palastartigen Villen der vergangenen Zuckermetropole und die Kopfsteinpflaster bringen uns zum Staunen. Außerdem finden wir die mit Abstand schönste Unterkunft unseres Trips: Die Casa Alameda, die der kanadischen Köchin Danielle gehört. Ihr Frühstück schmeckt köstlich. Morgens weckt uns der Geruch von warmen Zimtschnecken.

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Foto: Marko Mestrovic

 

Danielle organisiert uns am zweiten Tag unseres Aufenthalts zwei Fahrräder und so radeln wir entlang der Küste und bleiben bei menschenleeren Stränden stehen. Durch die 40 Kilometer lange Radtour bekommen wir einen Eindruck von der Gegend, abseits des Tourismus. Wir fahren vorbei an den ärmlicheren Vororten Trinidads. Abends gibt uns Danielle den Tipp in die Bar „La Bojitas“ zu gehen, weil die Tapas mindestens so gut sind wie die Live-Band, die dort auftritt. Sie hat Recht.

Am nächsten Tag nehmen wir an einer ganztägigen Reittour teil. Die erste Station ist ein Stand mitten im Wald, bei dem wir bei einer Tasse traditionell zubereitetem Kaffee den Gesangkünsten unseres Cowboys Mila lauschen. Wenn Mila nicht gerade ein altes kubanisches Volkslied auf der Gitarre spielt, reißt er Witze über Markos faules Pferd. Nach zwei Stunden Ritt kommen wir bei unserem Ziel an: Einem 20 Meter hohen Wasserfall.

 

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Foto: Alexandra Stanic

Später wird unser Gespräch mit Mila ernster. „Die USA haben das Handels- und Reiseembargo gelockert“, erklärt der etwa 35-Jährige. „In Zukunft wird der Tourismus noch mehr boomen.“ Während er spricht, setzt er seinen Hut ab und blickt zum Wasserfall. „In unserem Land brechen bald neue Zeiten an“, so Mila. Mit diesem Satz beendet er unsere Unterhaltung, klettert auf die Kante des Wasserfalls und springt samt seiner Jeans etwa 20 Meter ins Wasser.

Meine letzten Gedanken zu unserem Kuba-Trip halte ich fest, während wir mit dem Taxi zum Flughafen nach Varadero fahren. Mein ganzer Körper schmerzt vom gestrigen Ausritt. Niemand warnt einen, wie anstrengend Reiten ist. Ich muss noch immer an Milas Worte über die „neuen Zeiten Kubas“ denken. Ich frage mich, wie das Land sein wird, wenn ich das nächste Mal dort bin. Ob die Oldtimer von der Straße verschwunden sind? Oder bleibt der Charme der Insel erhalten? Kuba hat sich für mich wie eine Zeitreise in die Vergangenheit angefühlt. Die Menschen leben in einem eigenen Rhythmus, sie wirken entspannter als wir in Österreich. Ich hoffe, das bleibt auch in Zukunft so, trotz „der neuen Zeiten“.

 

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Foto: Alexandra Stanic

Kuba, Oldtimer, Strand
Foto by Alexandra Stanic

Wasserfall, Kuba, Trinidad
Foto by Alexandra Stanic

Kuba, Oldtimer, Strand
Foto by Alexandra Stanic

Kuba
Foto by Alexandra Stanic

Wasserfall, Kuba, Trinidad
Foto by Alexandra Stanic

Infobox

  • Es gibt zwei Währungen, den Peso Cubano (CUP) und den Peso Convertible (CUC). Ausländer zahlen in der Regel mit CUC.
  •  Die eigene sozialistische Version von Facebook heißt Red Social.
  •  Baseball ist der Nationalsport. Auch Boxen liegt den Kubanern am Herzen.
  •  Auf 100 Einwohner kommen sieben Computer.
  •  Zucker und Zigarren sind das wichtigste Exportgut des Landes.

 

 

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