Quarantäne Jugo-Style

18. März 2020

 

Türkische Seifenopern laufen in Dauerschleife, Likör kann bei Bedarf zum Desinfektionsmittel werden, es gibt Diskussionen über Baba Wangas Prophezeiungen für das Jahr 2020 und es riecht in der ganzen Wohnung nach Haarspray und Parfum. Im folgenden Beitrag erwartet euch ein kleiner und etwas klischeebeladener Einblick in die freiwillige Selbst-Quarantäne von Wiener Jugo-Familien. 

 

von Šemsa Salioski

Die Pandemiewelle hat unseren Alltag in kürzester Zeit vollkommen auf den Kopf gestellt. Um das Ansteckungsrisiko so niedrig wie möglich zu halten und somit insbesondere die Älteren und Vorerkrankten zu schützen, sind weitgehende Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und des öffentlichen Lebens in Kraft getreten. Das bedeutet, dass die meisten die kommenden Wochen hauptsächlich in den eigenen vier Wänden verbringen werden. Personen der ex-jugoslawischen Diaspora stehen in Österreich beim Thema Migrationshintergrund schon lange ganz oben auf den Ranglisten. Läuft ihr Selbst-Quarantäne-Alltag zumindest etwas anders ab als bei den meisten? Wir haben in unserem Bekanntenkreis nachgefragt.

 


1. Wozu Desinfektionsmittel kaufen, wenn genug Likör da ist?                                                                                                                          

Da alle Desinfektionsmittel (gemeinsam mit dem ganzen Klopapier) von der Bildfläche verschwunden zu sein scheinen, könnte man laut der Logik eines Wiener Balkan-Vaters, der schon viel erlebt hat und in seinem Leben oft improvisieren musste, einfach Likör statt Desinfektionsmittel verwenden. Nur noch einen alten Sprühaufsatz an die Flasche schrauben und fertig. Damit werden nicht nur die Hände desinfiziert, sondern natürlich auch alle Lichtschalter! (Okay no, nicht nachmachen. Alkohol wirkt leider nur ab 60 Prozent desinfizierend, aber der kreative Spirit dahinter gehört für diese Idee dennoch geehrt. 

 

 

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2. Baba Wanga hat's gewusst.  

Am Balkan sind Baba Wangas Prophezeiungen aktuell in aller Munde. Sie wird von vielen als „Nostradamus vom Balkan“ bezeichnet. Es ist daher nicht überraschend, dass die im ehemaligen Jugoslawien groß gewordene Elterngeneration ihre „svaborisierten“ Kinder davon überzeugen möchte, dass die Hellseherin zu ihren Lebzeiten indirekt die aktuelle Krise vorausgesagt haben soll. Laut ihr soll Europa nämlich im Jahr 2020 eine schwere Wirtschaftskrise treffen und bis 2025 einen enormen Bevölkerungsrückgang erleben. Um die Argumente der Balkan-Eltern zu entkräften oder sie einfach nur zu beruhigen, sollte in der Diskussion erwähnt werden, dass Baba Wanga für das Jahr 2010 ebenso den Beginn des Dritten Weltkrieges vorausgesagt hat und diese Prophezeiung ist offensichtlich nicht eingetreten.

 

 

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3. Türkische Seifenopfern oder österreichische Nachrichten, there is no in-between                                                                                       

Da auch Migrantenfamilien keine einzige Nachrichtensendung verpassen möchten, bleibt der Fernseher im Dauerbetrieb. Sobald die Sendung allerdings vorbei ist, wird auch schon der Laptop aufgeklappt und die nächste Folge der türkischen Serie weitergeschaut. Die unfassbar dramatischen Seifernopfern faszinieren die Bevölkerung des Balkans bereits seit 20 Jahren und sind auch bei der Balkan-Community in Österreich überaus beliebt. Während die meisten hierzulande ihre Quarantäne-Freizeit auf Netflix oder Amazon-Prime verbringen, suchen insbesondere Jugo-Mamas auf YouTube nach türkischen Seifennopern, um der ziemlich bitteren Realität zumindest für eine Weile, gemeinsam mit Burak Özcivit, entkommen zu können. 

 

 

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4. Gut aussehen und gut riechen, zu jeder Zeit, an jedem Ort                                                                                                                           

Der Wiener Balkan-Commuity wird oftmals übertriebene Eitelkeit nachgesagt. Ein bloßes Vorurteil? Naja, durch die zahlreichen Instagram-Postings der letzten Tage wird sichtbar, dass sich viele junge Frauen trotz Selbst-Quarantäne weiterhin "normal" anziehen und schminken. Auch die meisten Herren sitzen mit gestylten Haaren und Hemd auf dem Sofa herum. Sich auch ohne einen besonderen Anlass herauszuputzen und sich sogar daheim nie zu schade für Parfum zu sein, scheint tief in der Kultur verankert zu sein. Das Ganze hängt damit zusammen, dass bei den meisten in der Erziehung der Faktor „Was sollen die Leute denken?“ noch immer eine große Rolle spielt. Man soll sich demnach stets von seiner besten Seite präsentieren. Im ebenso imagebewussten Italien gibt es sogar einen eigenen Begriff dafür: La Bella Figura. Momentan könnte man allerdings versuchen sich ein wenig an dieser sinnlosen Eitelkeit zu orientieren, um zuhause zumindest etwas Normalität zu bewahren. Tagelang nur im Gammel-Look im Wohnzimmer zu sitzen, verstärkt das Gefühl nur, dass sich alle momentan in einer beunruhigenden Ausnahmesituation befinden. Wer extra fancy sein will, könnte doch Abendkleider und Anzüge aus dem Schrank herauskramen und um 18 Uhr eine Balkon-Party mit der Nachbarschaft feiern. 

 

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Und - Wie sieht's bei euch aus? 

 

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