Schüler biber: Mostar - Sprung in die Freiheit

04. März 2015

Sie ist für ihre Schönheit und ihre tragische Zerstörung bekannt. Die Alte Brücke von Mostar kennt viele persönliche Schicksale. So wie jenes von Alija Ajanić, der heute in Wien lebt. Seine ganze Kindheit verbrachte er am historischen Bauwerk, unzählige Male sprang er in die smaragdgrüne Neretva. Seine Tochter und biber-Redakteurin Elly Ajanić fliegt in Gedanken mit.

Von Elly Ajanić und Amar Rajković

Es ist so wie jeden Sommer. Meine Schwestern und ich flanieren an einem lauwarmen Sommerabend durch Mostars Altstadt. Dabei werden wir des Öfteren von wildfremden Menschen angesprochen. Dies sind keine Bettler oder Verkäufer, die den ganzen Tag bei brütender Hitze auf viel zu kleinen Stühlen vor ihren Shops ausharren und den Touristen Gießkannen aus Kupfer, alte Partisanenorden und Bilder von der Alten Brücke andrehen wollen. Nein, es sind Menschen, die wir noch niemals in unserem Leben gesehen haben. Trotzdem kennen sie unsere Namen, unsere Familiengeschichte und unseren Vater. Alija Ajanić ist sein Name, auf der Straße auch ehrfürchtig „Šampion“ genannt, eine Stadtlegende, ein Kind der Brücke. Mein Vater hat ein etwas außergewöhnliches Hobby, er ist Brückenspringer.

 

 



Brückenromantik
Das mehr als 450 Jahre alte Wahrzeichen der Stadt ist ein Relikt des osmanischen Reiches. Sie gilt als die größte Steinbogenbrücke weltweit und repräsentiert den ganzen Stolz der Stadt. Vor dem Jugoslawienkrieg kamen Touristen von überall, um ihre architektonische Einzigartigkeit zu bewundern – und das Taschengeld meines Vaters aufzubessern. Er verbrachte jede Sekunde mit seinen Freunden an der Brücke. Er putzte sie, hielt Taschendiebe von ihr fern und wagte mit zarten 13 Jahren den Schritt über die Brüstung.  „Der erste Sprung hat eine große Leidenschaft in mir entfacht, es war ein unglaubliches Gefühl von Freiheit.“ Immer wenn mein Vater in Erinnerungen schwelgt, bemerke ich ein Funkeln in seinen Augen. Und dann gibt es auch kein Halten mehr, eine Anekdote jagt die andere, ein Witz toppt den nächsten. Bei so vielen lustigen Geschichten könnte man glatt ein Buch schreiben, denke ich mir oft. Mit der Brücke verbindet mein Vater nicht nur das grenzenlose Gefühl von Freiheit, auf ihren rutschigen Steinfliesen traf er auch seine große Liebe, meine Mutter. Sie flanierte damals über die Bücke und fiel meinem Vater sofort auf. „Als ich deine Mama gesehen habe, musste ich einfach auf sie zugehen“, erinnert er sich an das erste Treffen. In der Hoffnung meine Mutter zu beeindrucken, ließ er die Muckis spielen und stürzte sich ohne großes Zögern 25 Meter abwärts in den eiskalten Fluss. Solchen Annäherungsversuchen konnte meine Mutter natürlich nicht widerstehen. Wie auch? Ein junger, durchtrainierter Mann in Badehose springt von der Brücke, nur um sie zu beeindrucken. Kitschiger geht’s wohl kaum. 


Händler und Extremsportler
Brückenspringer waren schon immer die touristische Hauptattrraktion von Mostar. Sie gehörten zur Altstadt genauso wie die vielen Souvenirshops, Moscheen und die an den Steilhängen des Flussbettes Neretva angesiedelten Restaurants. Meist hängen sie gelangweilt an der Brückenbrüstung und versuchen damit die Aufmerksamkeit der Touristenmeute zu erhaschen. Dafür präsentiert man auch den ganzen Tag seinen durchtrainierten, goldgebräunten Körper. Bevor es zum spektakulären Flug kommt, müssen die Sprungakrobaten aber erstmal kaufmännisches Talent beweisen. Verhandeln, Feilschen, Tricksen – alles ist erlaubt, wenn es heißt, den besten Preis auszuverhandeln. Die knipsende Menge möchte unbedingt auf ihre Kosten kommen, dafür soll sie auch in die Tasche greifen. Am großzügigsten seien die Amis, Deutsche und Italiener gewesen. Oft bekommt er noch Post mit Fotos und Videos, die ihm beim Sprung zeigen. Der kleine, schmächtige „Ale“ eroberte mit seinen Sprüngen die große, weite Welt.
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Schwangerschaftsflug
Mein Vater hätte am liebsten nichts anderes in seinem Leben gemacht. „Ich kapierte schnell, dass man nicht davon leben kann.“ Die fixe Anstellung in der Flugzeugfabrik, konnte ihn aber nicht von seiner großen Leidenschaft abhalten, er verbrachte weiterhin jede freie Minute an seinem Lieblingsspielplatz und begann bei dem alljährlichen Springwettbewerb teilzunehmen. Höchst erfolgreich. Er gewann sieben Mal, war der letzte Sieger im ehemaligen Jugoslawien und triumphierte 1985. Das Jahr, in dem meine Mutter hochschwanger auf der Zuschauertribüne saß. Ich wunderte mich immer wieder, wie meine Mutter mit so einem Druck umgehen kann. Bei so einer großen Höhe reicht schon ein kleiner Fehler, um sich lebensbedrohliche Verletzungen zuzuziehen. Doch meine Mutter sieht das locker: „Wieso sollte ausgerechnet ich Angst haben?“, fragte sie mich. „Er ist doch derjenige, der von der 27 Meter hohen Brücke springt, nicht ich.“ Für einige Springer endete der Traum vom Sieg direkt im Sarg. Durch den Aufprall aus solchen Höhen, zerbersten die Knochen wie Zahnstocher. Hinzu kommt die 13 Grad kalte Neretva mit ihren tückischen Strömungen und Strudeln. Das alles war meinem Vater bewusst, er sprang weiter – bis der Krieg kam und die Brücke am 9. November durch schweren Artilleriebeschuss in sich zusammenbrach.

 

 



„Eine noch ältere Brücke“
„Alles, was für mich wichtig war, hing mit dieser Brücke zusammen“, seine Stimme wird schwächer, seine Augen glasig. „Ich kann es noch immer nicht glauben, dass jemand so ein Wahrzeichen bewusst zerstören konnte.“ Erst in diesen ergreifenden Momenten, realisiere ich, wie wichtig diese Brücke für die Bewohner der Stadt war und vor allem für meinen Vater. Umso größer war seine Freude als der Neubau beschlossen wurde. „Mein einziger Lichtblick nach so einem tragischen Ereignis, war die Tatsache, dass die Brücke neu gebaut wird“, erzählt er mir mit plözlich erhellendem Blick. Die Menschen von Mostar verkündeten nun stolz, „wir werden noch eine ältere Brücke bauen“. Die feierliche Eröffnung am 23. Juli 2004 verursachte einen Schock bei meinem Vater und zwar positiver Natur. „Als ich zur Eröffnung eingeladen wurde und auch noch während der Zeremonie springen sollte, war ich schockiert Das war der schönste Moment meines Lebens.“ Mittlerweile hat mein Vater aufgehört am alljährlichen Springen teilzunehmen. Wurde auch Zeit, seinen letzten Sprung beim Hauptwettbewerb absolvierte mit 50 Jahren. Heute, sieben Jahre danach, lässt er sich jedoch nicht nehmen als Veteran für alle im Krieg gefallenen vom höchsten Punkt der Steinbogenbrücke in die Fluten der eisigen Neretva zu springen. „Dann fühl ich mich wie damals, als ich mit 15 Jahren mit meinen Freunden einfach nur auf der Brücke gesessen bin.“

 

 

 

 



Die Alte Brücke von Mostar wurde 1566 vom osmanischen Architekten Mimar Hajrudin erbaut. Sie galt jahrhundertlang als Wahrzeichen der Stadt und stand symbolisch für die Verbindung zwischen der islamischen und christlichen Welt. Im Zuge der Kriegshandlungen wurde die Brücke 1993 vom kroatischen Heer (HVO) zerstört. Der Wiederaufbau mit den aus dem Fluss geborgenen Steinen wurde am 23. Juli 2004 unter Anwesenheit von politischer Prominenz feierlich finalisiert. 2005 wurde die Alte Brücke zum „Symbol der Versöhnung und internationaler Zusammenarbeit für das Zusammenleben von verschiedenen religiösen, kulturellen und ethnischen Gemeinden“ in die Liste des Weltkulturerbes von UNESCO aufgenommen. Das traditionelle Brückenspringen findet jährlich Ende Juli statt. Der erfolgreichste Springer aller Zeiten ist Emir Balić, der den Wettbewerb 13! Mal für sich entscheiden konnte. Unter Extremsportlern genießt die Alte Brücke von Mostar, neben Acapulco, den besten Ruf. Der Springerverein „Ikari“ wird von Red Bull gesponsert.

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Kommentare

 

das

nennt man cool!!!!

 

und mutig!!!!

 

das ist die wahre legende von mostar.
marinko cutuk. er ist auch von der brücke gesprungen.

 

ooooooooojda ivana. daaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaanke das du das hochgestellt hast. hab ich schon ur lange nicht mehr gesehen. bei dem video werden soooo viel kindheitserinnerungen bei mir wach. ich kann mich noch errinnern wie meine ganze family vorm tv saß und sich das angeschaut hat und alle sich weggschmissen haben vor lachen.

das "neorosan", "oj zivote grrrhhh" und vor allem das "DVJESTA TRISTA" ist noch immer im täglichen sprachgebrauch meiner family eingebrannt. :)

video des jahrtausends

 

hahahaaha jaaaaa bei uns auch . unglaublich. scheint so, als ob diese audicija prägend für eine ganze generation war.
mein onkel sagt noch immer puljka zum knopf am fernseher, weil ers drin gehört hat.
ich hab als kind mima sis falsch verstanden und statt kurcic od puza kucica puza gsagt. dann hat sich meine ganze familie abgekekst. und ich hab erst später genauer gehört, was sie gsagt hat. URPEINLICH :D

 

der Artikel ist eins A! wusste gar nicht, dass es ganze Brückenspringerlegenden gibt.

als ich vor drei Jahren in Mostar war, habe ich nur gedacht: "was hat der geraucht, um aus dieser Höhe ins Wasser zu springen?" der Mann sah beim Springen, wie ein Zahnstocher aus. Da hast wirklich das Gefühl, dass er das nicht überlebt, der bricht sich alle Knochen, wenn er aufs Wasser aufprallt.

und noch ein Tipp für alle Touristen, habt immer ein paar Mark dabei, die Brückenspringer nehmen keine Schweizer Franken oder sonst eine Fremdwährung :)

 

nie und nimmer und niemals und never ever könnte ich da runterspringen. Ich habe Höhenangst. Mutig und tolle Geschichte.

 

na sicha, herst. Bist ka monn?

 

bist du gesprungen? fuck, 23m is ka bemmal!

 

je nach wasserpegel, wenn lang kein regen fällt, sind es 27meter.
Ob ich gesprungen bin?

Bist du deppat??;))

 

naja da der sommer ja quasi vor der tür steht ;) schreit das ja nach einer biber-stari-most-jump-challenge!

also ich wär dabei. hab mir eh vorgenommen von dem ding mal in meinem leben zu springen :)

amare, ist es eigentlich in mostar "verpönt", dass nicht-mostarci dort einfach springen weil sie bock haben?

 

ich würd erst springen, wenn ich alles im leben gesehen, erlebt und hinter mich gebracht hab. und dann spring ich gern.

 

also wirst du nie springen :))

 

genau :D

 

...interessieren, wie lange dein vater das erste mal gebraucht hat, um zu springen. wirklich respekt, da braucht man eier aus stahl!

kennt jemand die red bull cliff diving competition? da wir einen nur beim zusehen schlecht.

 

Ja cu biti sjed
ja cu biti star
ali u mome srcu ce uvjek biti
moj Mostar....

 

könnte das bitte jemand übersetzen schaut aus wie ein mini gedicht :)

 

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