„Wach auf! Lara ist tot“ – Eine Frau, die den Hisbollah-Terror überlebt hat

25. September 2019

Im Libanon von der Hisbollah in den Kopf geschossen, ihren Namen geändert, in Graz von ihren Mitschülern zum Außenseiter gemacht, einen Autounfall überlebt: Lara Leitner gibt nicht auf. Mit einem Lächeln im Gesicht und ihrer Sehnsucht nach Frieden will sie sich künstlerisch verwirklichen und Kulturen zusammenbringen. Wir haben sie in ihrer Wohnung in Donaustadt getroffen. 

von Armin Nadjafkhani


Freudenschüsse der Hisbollah

Lara Leitner, die eigentlich anders heißt, sitzt zusammen mit ihrer Familie und einer Freundin am Balkon. Nur ihr Vater liegt im Bett und macht ein Nickerchen. Ein schönes Beisammensein bis plötzlich eine Rakete ins Meer fliegt. Schüsse fallen. Keiner weiß, was los ist. Panik bricht aus. Nicht nur wegen dem Luftangriff und dem Rattern der Maschinengewehre – Lara liegt am Boden. Zuerst denkt ihre Mutter, dass sie sich vor Schreck hingeworfen hat. Doch Lara blutet am Kopf und scheint bewusstlos. Alle schreien und versuchen sie mit Ohrfeigen aufzuwecken, aber vergebens. Ihre Freundin rennt zu ihrem Vater ins Schlafzimmer und schreit: „Wach auf! Lara ist tot“. Er springt auf, um ins Krankenhaus zu fahren. Durch die Hektik fährt er zuerst im Rückwärtsgang gegen die Wand.

Libanon, Lara Leitner, Kopfschuss, Röntgen
Laras Röntgenbild (Screenshot einer alten Aufnahme des libanesischen Fernsehsenders)

„Ich habe meinen Namen gehört, aber konnte mich weder bewegen, noch sprechen und habe nichts gespürt“, erinnert sich Lara heute auf ihrer Couch in Wien. 2006 entfachte im Libanon der Krieg zwischen der Hisbollah-Miliz und Israel. Laras Familie suchte in dieser Zeit Unterschlupf bei ihrer Großmutter in den Bergen. In Beirut war es eigentlich zu unsicher. Als aber verkündet wurde, dass 48 Stunden Waffenruhe ist, wollten sie nachhause, um Kleidung und andere Sachen zu holen. Lara hatte ihre Freundin eingeladen, die sie durch den Krieg lange nicht gesehen hat.  Der Balkon musste bei der Ankunft geputzt werden. Ruß und Staub der Bombardierungen hatten ihn schwarz gefärbt. An diesem Tag blieb es aber nicht friedlich. Mitglieder der Hisbollah dachten, sie hätten den Feind getroffen. Wie sich später herausstellen sollte, war das nicht der Fall. Sie feierten den Angriff mit Freudenschüssen. Einer davon traf Lara. Angekommen im Krankenhaus, erfuhren ihre Eltern erst durch Röntgenbilder: im Kopf ihrer kleinen Tochter steckt eine Kugel. Laras Gehirn, Knochen und Nerven wurden zum Teil irreparabel beschädigt, „aber Gottseidank ist die Patrone nicht rausgekommen, da ich sonst gestorben wäre“. Die Ärzte meinten, dass sie solche Fälle nicht behandeln können und schickten die Familie in einem Rettungswagen zu einem anderen Spital. Lara konnte die Sirene hören, aber nichts sehen oder sich bewegen. Die Fahrt dauerte mehr als eine Stunde, da die Straßen mit Bombenkratern übersät und viele Brücken zerstört waren.

Verbissen darauf, zu überleben

Nach drei Tagen auf der Intensivstation beschlossen die Ärzte sie aufgrund von inneren Blutungen zu operieren. Danach hielten Lara nur noch die Geräte am Leben. Zehn Tagen später erklärten die Ärzte Lara für klinisch tot. Die Ressourcen waren in Zeiten des Krieges knapp und man sagte der Familie, dass andere Patienten Laras Platz bräuchten. Als ein Arzt den Sauerstoffschlauch rausziehen wollte, biss sie hinein. Ein Lebenszeichen, das ihr mehr Zeit verschaffte. Fünf Tage später wachte sie auf – sie war jedoch gelähmt. Zufällig wurden am gleichen Tag die Waffen im Libanon niedergelegt – es kam zum endgültigen Waffenstillstand. Der libanesische Fernsehsehsender ist auf Laras Schicksal aufmerksam geworden und filmte eine Dokumentation. Vier Monate musste sie im Rollstuhl sitzen, bis ein französischer und italienischer Botschafter eine Reise nach Italien ermöglichten. Dort konnte sie die nötige Physiotherapie bekommen. Ein dreiviertel Jahr später kann Lara wieder gehen, ihre Hände und ihren Nacken bewegen. Eine Kugel im Kopf hinterlässt aber trotzdem Spuren. Lara ist bis heute halb-blind, kann keinen Sport machen und mehr als zwei Stunden Konzentration führen zu unerträglichen Kopfschmerzen.

Lara, Spital, Bergamo
Lara im Spital in Bergamo, Italien

Die nächste Kugel geht ins Herz

Zurück im Libanon warteten am Flughafen Reporter auf Lara. Der Hisbollah geht jede Berichterstattung über Lara gegen den Strich. „Sie wollten nicht, dass über mich berichtet wird – die Hisbollah wollen, dass alle Menschen auf ihrer Seite sind. Sie sind sehr stark im Libanon.“ Der Sender wurde angerufen und ihm als auch Lara wurde gedroht. Sie sei nicht das einzige Kind, das im Krieg zu Schaden kam. „Sie haben gesagt, wenn nochmal etwas über mich ausgestrahlt wird, dann wird die nächste Kugel mein Herz treffen“. Für Laras Familie stand fest: Libanon ist nicht mehr sicher für sie.

„Für Grazer war ich die Ausländerin“

Österreich, genauer gesagt Graz, wurde das neue Zuhause. Willkommen hat sie sich aber nicht gefühlt. „Für Grazer war ich die Ausländerin. Ich wurde aufgrund meiner Herkunft zur Außenseiterin gemacht. Wenn ich etwas nicht gekannt habe oder mein Deutsch noch nicht so gut war, wurde ich ausgelacht.“ Deshalb hat sie beschlossen, ihren Namen ändern zu lassen. Laras Nachname war früher Abdul Kalek. „Als Libanesin habe ich nur Schwierigkeiten bekommen“ - mit der Namensänderung zu Lara Leitner möchte sie sich daher als Österreicherin kennzeichnen. Doch das war nicht immer leicht: Trotz ihrer physischen Beschränkung verlangte eine Lehrerin von Lara, im Turnunterricht mitzumachen. Als sie sich weigerte, wurde ihr mit einer negativen Note gedroht. Aufgrund ihrer Konzentrationsschwäche musste Lara die fünfte Klasse dreimal wiederholen und ins Abendgymnasium wechseln. Trotz aller Schwierigkeiten begann sie Sprachwissenschaften zu studieren.

„Niemand will eine Mitarbeiterin, die nur zwei Stunden am Stück arbeiten kann“

Bei einer Fahrt auf der Autobahn Richtung Wien entwischte Lara wieder dem Sensenmann. Das Auto kam außer Kontrolle und nach ein paar Drehungen überschlug es sich und knallte gegen einen Baum. Glücklicherweise fuhren hinter ihnen ein Polizei- und ein Rettungswagen. Das auf dem Kopf stehende Auto konnte rechtzeitig gelöscht werden und alle kamen mit kleinen Verletzungen davon. Laras Familie beschloss nach Wien zu ziehen, da sie dort nicht zwingend ein Auto brauchen. Lara wollte in Wien weiterstudieren, aber ihre Zeugnisse aus Graz konnte sie nicht mehr anfordern. Sechs Monate waren vergangen und damit die Frist dafür abgelaufen. Zwei Jahre lang fiel Lara in schwere Depressionen. Die Prüfung zur Kinderpädagogin schaffte sie auch nicht, da ihre Konzentrationsspanne nicht reichte. Viele Berufsmöglichkeiten bleiben ihr verwehrt. „Niemand will eine Mitarbeiterin, die nur zwei Stunden am Stück arbeiten kann. Es glaubt mir auch kaum jemand, da ich einen normalen Eindruck mache. Ich sehe gottseidank gesund aus, aber bin es nicht“ erklärt sie. Ihren Ehrgeiz hat sie aber nie verloren.

Lara Leitner, Sängerin, Lady Lara
Sängerin Lady Lara (Foto: Muhanad Albederi)

Neuer Name – Neuer Anfang

Ihre Mutter, die uns das ganze Gespräch über mit Obst, Tee und Snacks versorgt hat, ist die Autorin Sonia Boumad. Die besondere Geschichte Laras hat ihre Mutter in dem Werk „Land mit Geschmack der Freiheit“ verewigt.  Sie hat den Verein „East West“ gegründet. Die Organisation möchte Menschen verschiedenster Kulturen und Nationalitäten zusammenbringen und gleichzeitig unbekannten KünstlerInnen, die Chance geben sich zu verwirklichen. Die Projekte, umfassen Theaterstücke und Musikaufzeichnungen bis zur Malerei und Fotografie. Lara ist die Obfrau des Vereins und kümmert sich täglich um neue Projekte. „Wir geben Menschen, die nicht bekannt sind, eine Chance. Sie werden glücklich, sammeln Selbstvertrauen und arbeiten an ihren Träumen,“ meint Lara stolz. Sie kann sich als Sängerin „Lady Lara“ gut mit ihnen identifizieren. Neben ihrer Tätigkeit bei „East West“ nimmt sie Songs in verschiedenen Sprachen auf und stellt Videos auf Youtube. Mit dreizehn Jahren begann sie Musiktexte zu schreiben und eigene Stücke zu komponieren. Zurzeit wird zusammen mit einem Produzenten namens Manilo an einer CD gearbeitet. „Wir helfen uns gegenseitig. Ich gebe ihm den Gesang, er mir die Beats. Ich möchte mit Leuten, die unbekannt sind, gemeinsam größer werden.“ Ihr Traum ist es, nicht nur Sängerin zu sein, aber auch Friedensbotschafterin. „Deswegen arbeite ich sehr hart, aber mit null Ahnung (lacht).“

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